Der Tigermensch und ein Burnout der Sinne

10. Mai 2011, 18:06
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In seinem Romandebüt "Rauchschatten" erzählt der Wiener Autor Ilir Ferra vom Aufwachsen im Albanien der 1980er-Jahre

Wien - Ein Mann und eine Frau im Hotelzimmer, der Mann, Lundrim sein Name, merkt, dass gerade irgendetwas schiefläuft, die Frau glaubt ihm seine Liebe nicht. Draußen, irgendwo in der Stadt, das weiß sie, warten Gattin und Sohn auf ihren Geliebten, doch das ist nicht der Punkt: "Ich habe gedacht, du würdest mir irgendwann genug vertrauen, um zumindest mir gegenüber so zu sein, wie du wirklich bist, und sagen, was du wirklich denkst."

Es ist dies nicht die einzige Dreieckskonstellation in Rauchschatten (Edition Atelier), dem Debütroman des 1974 in Albanien geborenen, seit 1991 in Wien lebenden Autors Ilir Ferra - und nicht die einzige Passage, die sich mit Nichtausgesprochenem oder Falschgesagtem auseinandersetzt. Denn der Roman ist zeitlich im Albanien Enver Hoxhas, der das Land von 1944 bis 1985 mit eisernen Hand regierte, angesiedelt.

Noch Anfang der 1980er-Jahre, in denen der Roman spielt, waren blutige Säuberungen des Machtapparats und eine umfassende Überwachung der Bevölkerung durch die Staatspolizei in Albanien an der Tagesordnung. Während andere sozialistische Länder nach der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte 1975 mindestens nach außen die Fassade einer menschenrechtskonformen Politik aufrechterhielten, hatte sich Albanien nicht einmal formell auf die Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet.

Der gegen das Meer gerichtete Arm einer im Buch geschilderten Hoxha-Statue in der Hafenstadt Durrës reichte damals weit in die Gesellschaft bis in die Familien hinein. Auch in jene, um deren Geschichte es in Rauchschatten geht. Da ist einmal der Vater, Lundrim, der einst einflussreiche Großvater, von allen nur der "Oberst" genannt, und vor allem der Sohn Erlind, von dessen Erwachsenwerden dieser Roman erzählt.

In Italien, dort, wo in den Augen des Regimes der Klassenfeind wohnt, sind die Träume und Sehnsüchte des Kindes angesiedelt. Vor allem in Form der heimlich im italienischen Fernsehen mitverfolgten Trickfilmserie Uomotigre über einen Wrestler, der stets für das Gute ficht.

Unerreichbar für die Welt

Wichtig ist auch eine andere Geschichte, die Erlind aus dem italienischen Fernsehen erfährt. Ein kleiner Junge stürzte in einen Schacht, die Bergung gestaltet sich schwierig. Diese Unerreichbarkeit durch die Welt kommt dem albanischen Kind vertraut vor. Als er plötzlich krank wird und zu ersticken droht, denkt Erlind: "Wir beide sind nun vereint. Er in seiner Grube, ich in meinem Bett." Der gesundheitliche Zusammenbruch des Jungen ist der Punkt, an dem Ferra die Geschichte des Vaters - der in einer Fernsehfabrik arbeitet und die Protektion des Sohns des Ministerpräsidenten genießt - des Großvaters und des Sohnes zusammengeführt. Für Vater und Großvater bricht im Laufe des Romans die alte Welt zusammen, was in beiden Fällen mit Diffamierung und Bespitzelung zu tun hat. Elrim aber, so ahnt man, beginnt sein Leben in die Hand zu nehmen.

Neben der aufwändigen Komposition mit wechselnden Perspektiven, Rückblenden und Verweisen (auch literarischen, etwa auf den Erlkönig, in einer Motorradfahrt des Vaters mit dem kranken Sohn ins Spital) überzeugt der Roman, der sich für seinen schmalen Umfang thematisch etwas viel vorgenommen hat, in weiten Teilen auch inhaltlich.

Rauchschatten handelt von einer poetischen Kindersicht auf die Welt, von Alltag und der Macht der Fantasie, es ist aber auch ein Buch über den zersetzenden Schatten, den die Bespitzelung auf eine Gesellschaft wirft. Zu trauen ist in diesem Werk keinem. Es sei diese Unsicherheit, so Andrea Grill in ihrem informativen Nachwort, die zu einem "Burnout der Sinne" führe - und zu einem Debütroman über das Aufwachsen in einem Land, das nur selten, wie vergangenes Wochenende, als in Albanien Kommunalwahlen stattfanden, die mediale Wahrnehmungsschwelle überschreitet. (Stefan Gmünder/DER STANDARD, Printausgabe, 11. 5. 2011)

  • Nichtausgesprochenes, Falschgesagtes und eine Familiengeschichte: Ilir 
Ferras Debütroman "Rauchschatten".
    foto: daniel kaldori

    Nichtausgesprochenes, Falschgesagtes und eine Familiengeschichte: Ilir Ferras Debütroman "Rauchschatten".

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