"Die Hälfte des Himmels und der Erde"

10. Mai 2011, 18:16
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Fazit: Frauen sind nicht nur selbst schuld, wenn sie zurückbleiben - bestimmend sind Strukturen, gestrickt von einem "old boys' network"

Wien - "Nichts fesselt stärker als die Ketten der Liebe. Und diese Fesseln legen Frauen sich gern auch selbst an. Eine liebende Frau, heißt es, sei zu allem fähig. Aber vor allem ist sie wohl fähig, sich selbst zu verraten - ihre Eigenständigkeit wegzuwerfen." Also schreibt die deutsche Journalistin und Autorin Bascha Mika in ihrem neuen Buch "Die Feigheit der Frauen". Sie setzt sich darin mit einem "neuen" Konservativismus auseinander, der Frauen zunehmend das raue Berufsleben mit dem (scheinbar) heimeligen Herd tauschen lasse.

Das Buch der streitbaren Journalistin und Ex-Chefredakteurin der Berliner tageszeitung bildete die Grundlage für ein höchst kontroversielles Standard-Montagsgespräch im Haus der Musik. Denn das Thema liegt in der Luft - und es bewegt auch andere Autorinnen, etwa die bekannte französische Philosophin Élisabeth Badinter. In ihrem Buch "Der Konflikt. Die Frau und die Mutter." liest sich der Problem-Aufriss so: "Das Leben zu zweit ist für die Frauen immer noch mit sozialen und kulturellen Kosten verbunden, und zwar ebenso bei der Aufteilung der Hausarbeit und der Kindererziehung wie bei der Entwicklung ihrer beruflichen Karriere und ihres Einkommens."

Während Badinter den "neuen Naturalismus" (und den daraus folgenden konservativen Backlash) in vielen westlichen Industrienationen mit der Wirtschaftskrise der 90er-Jahre und dem darauf folgenden konservativen Backlash erklärt, ist Bascha Mikas Buch weitaus persönlicher. Sie schreibt von Frauen, die sie persönlich kenne, die, gut ausgebildet, politisch bewusst und mit beiden Beinen im Berufsleben stehend, einstmals "die Hälfte des Himmels und der Erde" gewollt hätten - nur um angesichts des Traumprinzen ihren Lebensentwurf über Bord zu werfen und sich in die "Komfortzone" von Heim und Herd zu flüchten.

Ausdrücke wie Letzterer, kombiniert mit Formulierungen wie "sie hühnern herum", "Frauen sind feige", "Geiselhaft der Liebe", brachte Kunsthallen-Chef Gerald Matt als Kritiker auf den Plan. Er warf Bascha Mika vor, sie habe "eine schlechte Sicht auf Frauen". Die Autorin verkläre und überhöhe überdies Arbeit an sich in "sehr puritanischer Weise". Er könne verstehen, wenn Mann wie Frau "noch außerhalb ihres Jobs Erfüllung finden - etwa in der Familie".

Ob an Mikas Vorwurf dennoch etwas dran sei - und ob er für die Mehrheit der Frauen gelte, wollte Standard-Moderator Gerfried Sperl von Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek wissen. Die verneinte prompt: "So einfach ist es nicht." Viele Frauen könnten sich ihren Lebensentwurf nicht aussuchen: "Wenn eine Frau beispielsweise in Vorarlberg lebt, und die Kindergärten schließen zu Mittag, und die Frau verdient weniger als ihr Partner - raten Sie, wer Teilzeit arbeitet!"

Dies, konterte Mika, sei nun wirklich der Politik anzulasten: "Wir haben lange genug darüber geredet, dass sich Strukturen ändern müssen." Es liege auch an den Frauen selbst, ihre Lebensvorstellungen zu verteidigen. Mika: "Was wir Frauen im Privaten tun, hat natürlich auch Auswirkungen auf die Politik." Soll heißen: Sie wolle mit ihrer "Streitschrift" Frauen Mut machen, "sich daheim auch mal durchzusetzen, wenn es darum geht, wer abends bei den Kindern bleibt."

ARBÖ-Sprecherin Lydia Ninz konzedierte Mika, mit ihrem Buch "zugespitzt und provoziert" zu haben - und dennoch, sagte Ninz, "sind es die Strukturen, die vor allem Eltern das Leben zur Hölle machen". Diese müssten dringend reformiert werden - von den Kindergarten-Öffnungszeiten bis hin zur "dringend notwendigen Gesamtschule", die "nicht automatisch davon ausgeht, dass zumindest ein Elternteil daheim mit den Kindern arbeitet".

Heinisch-Hosek fühlte sich direkt angesprochen und vermerkte, dass "der Karriereknick für Frauen oft schon vor der Babypause passiert". Es handle sich dabei um "reine Diskriminierung" durch ein "old boys' network" - das sie hoffe, durch Einkommenstransparenz und Frauenquoten für Aufsichtsräte (vorerst zumindest in staatsnahen Betrieben) zu durchbrechen.

Das Schlusswort hatte die Autorin selbst, und es klang versöhnlicher als phasenweise ihr Buch. Sie sei "sicher nicht gegen Liebe", sagte Mika, nur müsse diese "auf Augenhöhe" gelebt werden. Das wolle sie vor allem jungen Frauen mitgeben: "Lasst euch nicht einreden, dass ihr allein bleiben müsst, wenn ihr euch wehrt." (Petra Stuiber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.5. 2011)


Links

dieStandard.at-Rezensionen von

"Die Feigheit der Frauen": "Wir haben es verbockt - haben wir?"

und

"Der Konflikt. Die Frau und die Mutter.": Darf Mama auch Mensch sein?

  • Turbulente Gesprächsrunde über die Frage, ob Frauen feig und bequem sind, unter Leitung von Gerfried Sperl.
    foto: andy urban

    Turbulente Gesprächsrunde über die Frage, ob Frauen feig und bequem sind, unter Leitung von Gerfried Sperl.

  • Frauenversteher: Gerald Matt gegen "schlechte Sicht auf Frauen". "
    foto: andy urban

    Frauenversteher: Gerald Matt gegen "schlechte Sicht auf Frauen". "

  • Autorin: Bascha Mika will mit ihrem Buch "Frauen Mut machen".
    foto: andy urban

    Autorin: Bascha Mika will mit ihrem Buch "Frauen Mut machen".

  • Praktikerin: Laut Lydia Ninz muss ein neues Schulsystem her.
    foto: andy urban

    Praktikerin: Laut Lydia Ninz muss ein neues Schulsystem her.

  • Ministerin: Gabriele Heinisch-Hosek will Strukturen ändern.
    foto: andy urban

    Ministerin: Gabriele Heinisch-Hosek will Strukturen ändern.

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