Die Kino-Berserker der guten Sache

10. Mai 2011, 17:07
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Filmschau "La Storia": Eine cinematografische Geschichte Italiens, Blicke auf die faszinierenden Produkte einer langen, wechselvollen (Kino-)Hochblüte

Im Jahr 1860 rudert ein junger Mann von Sizilien ins offene Meer hinaus. Er nimmt Kurs auf Genua, und fast sieht es so aus, als wollte er tatsächlich den langen Weg in seinem kleinen Boot zurücklegen, angewiesen nur auf seiner eignen Hände Kraft, ein Berserker der guten Sache. Dieser Carmeniddu, wie ihn seine Liebste Gesuzza zärtlich nennt, ist ein Freiheitskämpfer, und 1860 ist das Jahr, in dem sich das Schicksal Sizilians entscheiden soll.

Alles hängt von einem Umstand ab, den die Menschen einander hoffnungsfroh zurufen: "Garibaldi viene in Sicilia - Garibaldi kommt nach Sizilien". Doch vorher muss Carmelo nach Genua, nur so wird in Alessandro Blasettis Film 1860 das Gleichgewicht zwischen den Kräften hergestellt, zwischen der Hilfe von außen und dem eigenen Kampf der Sizilianer gegen die Fremdherrschaft der Bourbonen, der Schweizer Regimenter, die aus den Kirchenglocken die Klöppel entfernen, um damit die Kommunikation über Land zu unterbinden.

Carmelo befindet sich schon auf hoher See (aber wohl immer noch vor der sizilianischen Küste), als ihn die Kräfte verlassen, halb bewusstlos liegt er in seinem Boot, und nun taucht ein Schiff auf, und als er wieder aufwacht, ist er in Civitavecchia (wo wieder eine andere Fremdherrschaft zu bemerken ist). Von hier kann er mit dem Zug nach Genua reisen, um Garibaldi abzuholen. Unterwegs hört er von jedem Sitznachbarn eine andere politische Option für Italien - man könnte das Land ja auch zu einem riesigen Kirchenstaat machen und es so einen, meint einer.

Gründungserzählung

Es gibt viele Erzählungen aus dem "Risorgimento", aus der politischen Bewegung, aus der 1861 die Vereinigung Italiens zu einem europäischen Nationalstaat erwuchs, aber der Film von Blasetti ist so etwas wie die Urkunde dieses Geschehens. Dass 1860 wiederum einer weiteren nationalen Erhebung, der faschistischen nämlich, entstammt, tut seiner Kraft nicht entscheidend Abbruch. Und so gehört er auch mit vollem Recht in eine Schau, mit der das Österreichische Filmmuseum sich eine hochinteressante Aufgabe gestellt hat: In gut 30 Filmen soll in den nächsten Wochen die 150 Jahre dauernde Nationalgeschichte Italiens nachvollziehbar gemacht werden. La Storia steht über dieser Schau, das italienische Wort für Geschichte klingt im europäischen Kontext auch nach einer guten "Story", also nach Erzählungen, die ja auch historiografische Arbeit leisten.

Italien ist für die Versuchsanordnung von La Storia fast ideal, denn die nationale Geschichte ist nicht wesentlich älter als die Geschichte des Films, zugleich rühren zentrale Konflikte, mit denen sich die Regisseure immer wieder beschäftigt haben, aus dem besonderen Charakter dieser Einigung her, in der Süden und Norden, Armut und Fortschritt, Religion und Moderne zusammenkamen, ohne schon zusammengewachsen zu sein. Umso stärker bedurfte es der Mythologien des gemeinsam Erfochtenen, dessen heroischen Charakter Blasetti in 1860 sehr anschaulich dort ins Bild bringt, wo im Vordergrund ein Häuflein Freiheitskämpfer sich hinter Büsche duckt, während im Hintergrund die breite Front der Unterdrücker auf die Kamera losmarschiert.

Legitimität am Lande

Viele Jahre später gräbt sich ein Panzer in einer ganz ähnlichen Landschaft in die Erde, und wieder steht die Freiheit des Landes auf dem Spiel. 1945 ist das Datum, um das so viele Filme von Roberto Rossellini kreisen, so auch Anno uno (Das Jahr eins, 1974), in dem der größte Erzählpädagoge des Kinos ein Porträt von Alcide De Gasperis gestaltete, dem wichtigsten konservativen Politiker der unmittelbaren Nachkriegsepoche. Durchaus ähnlich wie in den USA auch lebt das italienische Gemeinwesen von der Spannung zwischen Land und Stadt, zwischen Carmeniddu und Garibaldi - ohne Bauern findet kein Herrscher ausreichend Legitimität.

Es gibt eine Reihe von Filmen, um die Olaf Möller, der La Storia kuratiert hat, nicht umhin kann: Paisà von Rossellini, 1900 von Bertolucci, Rocco und seine Brüder oder Der Leopard von Visconti sind ebenso konstitutiv wie die letzten Arbeiten von Marco Bellocchio ( Buongiorno, notte über den Fall Aldo Moro und Vincere, eine melodramatische Geschichte der faschistischen Ära). Darüber hinaus aber gibt es eine Menge zu entdecken, zum Beispiel das herausragende Epos der gesamten neorealistischen Zeit, Una vita difficile (Ein schweres Leben, 1961) von Dino Risi, einem Regisseur, der häufig als Luftikus unterschätzt wird.

Die gründlichen Untersuchungen, die das Filmmuseum in den letzten Jahren zu Italien vorgenommen hat, tragen in La Storia reiche Früchte, zugleich ist diese Schau eine Summe aus Neorealismus und Commedia all'Italiana und natürlich den politischen Thrillern von Francesco Rosi oder Elio Petri, dessen Todo modo (1976, nach einem Sciascia-Roman) vielleicht einen Moment der größten Krise des italienischen Gemeinwesens zeigt, das zu diesem Zeitpunkt keines mehr war, weil es sich in den Fängen einer Funktionärselite befand.

Der aktuellste Film führt schließlich am weitesten zurück: Noi credevamo (Wir glaubten, 2010) von Mario Martone setzt 1828 an den Wurzeln des Risorgimento an, und in seiner Vision geht eine so einfache Gleichung wie die mit Carmeniddu und Garibaldi bei Blasetti nicht mehr auf. Italien mag in vielerlei Hinsicht bei einer Telediktatur angekommen sein, das Kino aber ist in demokratischer Hand und schreibt La Storia weiter. (Bert Rebhandl aus Berlin / DER STANDARD, Printausgabe, 11. 5. 2011)


Bis 19. Juni

  • Garibaldi fegt mit seinen Rothemden die Vielstaaterei auf dem Stiefel 
hinweg: "Viva l'Italia" (1961, von Roberto Rossellini) erinnert an die 
Morgenröte des italienischen Nationalismus.
    foto: filmmuseum

    Garibaldi fegt mit seinen Rothemden die Vielstaaterei auf dem Stiefel hinweg: "Viva l'Italia" (1961, von Roberto Rossellini) erinnert an die Morgenröte des italienischen Nationalismus.

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