Die kleinste Minderheit im Kindergarten

10. Mai 2011, 15:39
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Im vergangenen Kindergartenjahr haben mit September 2010 in Wien lediglich 49 Unter-Einjährige mit dem Kindergarten begonnen

In vielen EU-Ländern, etwa Frankreich, ist es eine Selbstverständlichkeit, Babys wenige Monate nach der Geburt in eine Kinderkrippe zu geben, um wieder in den Berufsalltag zurückzukehren. Österreich tut sich hier im Vergleich noch schwer. Vor allem im Bereich der Unter-Einjährigen ist die Nachfrage sehr gering. Das zeigt auch folgende Statistik: Im vergangenen Kindergartenjahr haben mit September 2010 in Wien beispielsweise lediglich 49 Kinder unter einem Jahr mit dem Kindergarten begonnen. Das teilte die Magistratsabteilung 10 - Wiener Kindergärten mit. 2009 waren es über das ganze Jahr verteilt in Wien 294 Kinder, österreichweit 537 Kinder.

Bei den Null- bis Dreijährigen gibt es in Wien im städtischen und privaten Bereich im Moment 13.460 Betreuungsplätze; das bedeutet für 30 Prozent der Null- bis Drei-Jährigen gibt es einen Betreuungsplatz. Bis Ende des Jahres will man durch den Ausbau von 2.200 Plätzen das Barcelona-Ziel erreichen, das bei 33 Prozent liegt. Rechnet man die Gruppe der Unter-Einjährigen nicht ein, so gibt es einen Versorgungsgrad von 45 Prozent für die Ein- bis Drei- Jährigen.

Die Grünen kritisierten die Bundesregierung für den langsamen Ausbau der Betreuungsplätze. Sie fordern eine Platzgarantie für jedes Kind ab dem 1. Geburtstag. (derStandard.at berichtete)

"Rabenmütter"

Doch woran liegt es, dass es Österreich noch immer nicht Gang und Gäbe ist, die Kinder möglichst früh in Betreuung zu geben? Sabine Buchebner-Ferstl, Psychologin am Institut für Familienforschung, sagt im Gespräch mit derStandard.at, dass das Mutterbild in Österreich nach wie vor ein veraltetes sei. Mütter würden als "Rabenmutter" bezeichnet, wenn sie ihr Kind sehr früh in Betreuung geben. Dabei, so die Psychologin, "schadet Kinderbetreuung nicht". Weder Kindern noch Eltern würde eine Rabenmutterdiskussion nutzen.

Kein Bundeszuschuss mehr

Das Problem ist außerdem oft, dass die Qualität der Betreuung in den Einrichtungen nicht passt: dass etwa der Betreuungsschlüssel nicht zufriedenstellend ist.

Das sagt auch Ingrid Moritz, Leiterin der Abteilung Frauen- und Familienpolitik in der Arbeiterkammer. Österreich habe "wenig investiert", um das Barcelona-Ziel von 33 Prozent zu erreichen. In den Jahren 2008, 2009, 2010 habe es jeweils einen Bundeszuschuss von 15 Millionen Euro an die Länder für den Ausbau der Kinderbetreuung gegeben, dieser Zuschuss wurde nun allerdings wieder gestrichen. 

"Es wird zu wenig in die Hand genommen, die Bundesmittel haben gewirkt, das war ein Anreiz an die Länder", so Moritz.

Das Argument, dass Eltern ihre Kinder in sehr jungen Jahren noch nicht in Betreuung geben wollen, lässt Moritz nicht gelten. "Dort, wo es Kinderbetreuung gibt, wo die Qualität auch passt, steigt der Bedarf", ist sie überzeugt.

Großer Druck am Land

Vor allem im ländlichen Bereich gebe es noch viel Aufholbedarf: "Es gibt einen enormen Druck für Eltern und vor allem für Alleinerziehende, weil zu wenige Betreuungsplätze vorhanden sind."

Zu der Betreuungssituation der Unter-Einjährigen sagt Moritz: "Man kann den Eltern nicht vorschreiben, wann sie ihr Kind in Betreuung geben sollen, aber es sollte immer die Möglichkeit geben: wenn ich mein Kind mit einem halben Jahr in Betreuung geben möchte, dann soll es auch möglich sein." (rwh, derStandard.at, 10.5.2011)

  • "Kinder in Kindertagesheimen nach dem Alter 2009". Quelle: Statistik Austria.

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    2009 waren österreichweit 537 Babys, die jünger als ein Jahr sind, im Kindergarten.

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