Beethoven im Kongo-Rhythmus

10. Mai 2011, 14:58
1 Posting

Der Dokumentarfilm "Kinshasa Symphony" porträtiert ein einzigartiges Symphonieorchester in Zentralafrika. Ab 13. Mai im Kino

Unasphaltierte Straßen mit großen Pfützen, alte rostige Minibusse, die sandigen Staub aufwirbeln, und viele Menschen mit bunten Gewändern prägen das Bild von Kinshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo mit fast zehn Millionen Einwohnern. Zum Autolärm mischt sich unvermutet Chorgesang und der Klang von Streichinstrumenten. "War das ein Motorrad?" fragt der Dirigent in die Runde seines Orchesters, als plötzlich dichter Staub die Sicht auf die Notenblätter stört und die ChorsängerInnen zu husten beginnen. Zum Glück müssen nicht alle Proben im Freien stattfinden.

Der Dokumentarfilm "Kinshasa Symphony" von Claus Wischmann und Martin Baer porträtiert Zentralafrikas einziges Symphonieorchester und begleitet es bei seiner Vorbereitung für einen großen Open Air-Auftritt anlässlich des Unabhängigkeitstages, zu dem mehrere tausend Zuseher erwartet werden. Der Film zeigt das Orchester beim Proben der Stücke von Beethoven, Verdi und anderen klassischen Größen und gewährt einen Einblick in das private Leben der Mitglieder des "L'Orchestre Symphonique Kimbanguiste".

Bremsseile als Saiten

Da ist zum Beispiel Dirigent Armand Diangienda, der wie die meisten anderen des Orchesters Autodidakt ist und nie ein Konservatorium besucht hat. Es war die Neugierde, die den ausgebildeten Piloten zur Musik und schließlich vor 15 Jahren zur Gründung seines eigenen Orchesters brachte. Anfangs waren nicht immer genügend Instrumente da, man musste improvisieren, auch bei der Reparatur. Wenn es Probleme mit Geigensaiten gab, wurden stattdessen alte Bremsseile von Fahrrädern benutzt. Die Instrumente werden nach wie vor zum Großteil selbst gebaut, und zwar von Albert Matubanza, der ebenfalls Mitglied des Ensembles ist. Während der Proben für den großen Auftritt baut er gerade an einem neuen Kontrabass.

Querflötistin Nathalie Bahati, die mit ihrem kleinen Sohn auf Wohnungssuche ist und von ihrem Makler in dreckige, dunkle Baracken geführt wird, in denen es stinkt und der Verputz von den Wände bröckelt, ist enttäuscht, dass ihr Monatslohn nicht für eine bessere Unterkunft ausreicht: "Nur weil wir Kongolesen sind, müssen wir doch nicht so wohnen!" Nathalie ist nicht die einzige, die schwer damit zu kämpfen hat, sich ein einfaches Leben für sich und ihr Kind zu leisten. Die Freude am Musikmachen ist es, die ihr täglich hilft, Hoffnung für ein besseres Leben zu schöpfen.

Stromausfälle, Schweiß und Spaß

Stromausfälle, die das Orchester beim Proben auf ihren weißen und hellblauen Plastikstühlen im Dunklen sitzen lassen, gehören zur Tagesordnung. Auch die Müdigkeit, die die MusikerInnen tagtäglich mitbringen, da die meisten von ihnen bereits seit den frühen Morgenstunden ihrem Brot-Job nachgegangen sind, fördert nicht gerade die Konzentration. Dazu kommt das tropisch-feuchte Klima, das erfordert, sich in regelmäßigen Abständen den Schweiß von Stirn, Händen und Instrumenten zu wischen.

Für die Mitglieder des 200-köpfigen Orchesters bedeutet das Musikmachen trotz der suboptimalen Umstände alles. Es lässt sie für kurze Zeit vergessen, wie hart sie sonst in ihrem Leben kämpfen müssen, in einem Land, das zu den ärmsten der Welt gehört und in dem 90 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze leben. Und obwohl die Energie manchmal nicht ausreicht, um den Dirigenten mit einer passablen Probe zufriedenzustellen, ist es diese besondere Sache, die Zugehörigkeit zum Orchester, die ein Aufgeben nicht zulassen würde. So macht es den SängerInnen auch großen Spaß, den Text "Freude schöner Götterfunken" zu Beethovens Neunter Symphonie spätabends auswendig zu lernen, obwohl die intensive Auseinandersetzung mit dem fremdsprachigen, deutschen Text mitunter sogar den Zuseher verzweifeln lässt.

Die perfekte Flucht

Die Bilder von "Kinshasa Symphony" spielen mit Kontrasten und dem Unerwarteten. In den einzigen gestellten Szenen des Films lassen die Filmemacher ihre Protagonisten auf den lauten und staubigen Straßen ihre Instrumente spielen. Sobald sie zu spielen beginnen, wird der Straßenlärm ausgeblendet und vermittelt auf diese Weise dasselbe Gefühl, das auch die Musiker spüren, wenn sie in ihrem Instrument versinken: Hundertprozentige Hingabe, die perfekte Flucht vor der oft unschönen Realität im Kongo.

Den Regisseuren ist es zweifellos gelungen, die Freude einzufangen, die ihre Hauptdarsteller beim Musizieren und Erzählen über die Musik versprühen. Ebenso die Leidenschaft, mit der sie täglich die Orchesterprobe besuchen und schließlich ihren großen Auftritt bestreiten. "Kinshasa Symphony" bewegt und macht Mut, sich aller Anstrengungen zum Trotz den schönen Dingen im Leben zu widmen, auch wenn sie manchmal unmöglich erscheinen. (Jasmin Al-Kattib, daStandard.at, 10. Mai 2011)

"Kinshasa Symphony" läuft ab 13. Mai im Wiener Topkino.

  • Der Dokumentarfilm "Kinshasa Symphony" von Claus Wischmann und Martin Baer porträtiert Zentralafrikas einziges Symphonieorchester und begleitet es bei seiner Vorbereitung für einen großen Open Air-Auftritt.
    foto: kinshasa symphony

    Der Dokumentarfilm "Kinshasa Symphony" von Claus Wischmann und Martin Baer porträtiert Zentralafrikas einziges Symphonieorchester und begleitet es bei seiner Vorbereitung für einen großen Open Air-Auftritt.

  • Querflötistin Nathalie Bahat
    foto: kinshasa symphony

    Querflötistin Nathalie Bahat

  • Hundertprozentige Hingabe, die perfekte Flucht vor der oft unschönen Realität im Kongo.
    foto: kinshasa symphony

    Hundertprozentige Hingabe, die perfekte Flucht vor der oft unschönen Realität im Kongo.

Share if you care.