"Stellenwert der Burschen­schafter wird überschätzt"

10. Mai 2011, 10:49
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FPÖ-Kenner Lothar Höbelt über Straches Absage am 8. Mai und Andreas Mölzers Schreiblust

Heinz-Christian Strache kam nicht. Der FPÖ-Chef hätte beim "Heldengedenken" der Burschenschafter am 8. Mai, dem 66. Jahrestag der Kapitulation Nazi-Deutschlands, die Totenrede halten sollen. Kurzfristig sagte er ab. Wegen eines wichtigen Auslandstermins, wie es aus der Partei heißt. Was für den FPÖ-Obmann in Italien wichtiger war, als seine Rede zu halten, ist bislang noch nicht bekannt.

Der freiheitliche EU-Parlamentarier Andreas Mölzer, ein bekennender Deutschnationaler, konnte seine Enttäuschung über das Fernbleiben seines Parteiobmannes nicht verbergen. "Es ist vielleicht nicht opportun, aber es ist moralische Verpflichtung!", schrieb er am Tag nach der Gedenkfeier in seinen Blog. Zwischen den Zeilen schreibt Mölzer, dass Strache vor den Linken umgefallen sei: "Wer dem polemischen Trug der etablierten Kräfte in solchen zentralen Fragen nachgibt, hat schon verloren."

derStandard.at hat mit einem der profundesten FPÖ-Kenner des Landes, dem rechten Historiker und ehemaligen FPÖ-Berater Lothar Höbelt, über die jüngsten Ereignisse gesprochen.

derStandard.at: Warum hat Strache Ihrer Meinung nach die Rede zum Totengedenken kurzfristig abgesagt?

Höbelt: Ich halte es für durchaus angemessen, der Toten der Wehrmacht zu gedenken, auch wenn der 66. Jahrestag des Kriegsendes kein so besonderes Jubiläum darstellt. Aber wenn ich eine Rede halte, wo auf der einen Seite 200 Burschenschafter stehen, auf der anderen Seite 200 Linke, die randalieren und in der Mitte 200 gelangweilte Polizisten, dann ist das der falsche Rahmen für ein würdiges Gedenken. Damit spreche ich das konservative Lager nicht an.

derStandard.at: Was wäre Ihrer Meinung nach der richtige Rahmen für Strache gewesen?

Höbelt: Hätte Strache einen Brief zum Totengedenken geschrieben, hätten die Medien das auch gedruckt und er hätte eine inhaltliche Debatte ausgelöst, ohne zum x-ten Mal in diesem Jahr den Ring zu sperren.

derStandard.at: Ist Straches kurzfristige Absage nicht ein symbolischer Schlag ins Gesicht der Burschenschafter?

Höbelt: Auf Symbolik setzen die, die inhaltlich nicht weiter wissen.

derStandard.at: Dennoch: Kann es sich die FPÖ leisten, das deutschnationale Lager und die Burschenschafter so rechts liegen zu lassen?

Höbelt: Natürlich sollte man niemanden in der Partei vernachlässigen. Aber der Stellenwert der Burschenschafter wird in den Medien meist überschätzt. Die Burschenschafter sind zwar nicht unwichtig, aber auch nicht so bedeutsam.

derStandard.at: Werden die Burschenschafter jetzt aufbegehren?

Höbelt: Die Burschenschafter wären gut beraten, sich nicht selbst ständig so offensiv zu vermarkten. Wer nach dem Prinzip der Lebensfreundschaft Netzwerke spinnt, der tut das am besten diskret. Das ist wie vor Jahrzehnten bei der ÖVP und dem Cartellverband, als es damals in der Alleinregierung hieß (Anmerkung: VP-Regierung unter Bundeskanzler Josef Klaus von 1966 bis 1970), dass man in der ÖVP nichts werden könne, ohne beim CV zu sein. Das hat der ÖVP auch nicht wirklich genützt. Die besten Verbindungen sind die, die so geheim sind, dass man gar nicht weiß, dass man dabei sein sollte.

derStandard.at: Nachdem Strache die Rede zur Totengedenkfeier spontan abgesagt hatte, verfasste der freiheitliche EU-Parlamentarier und bekennende Deutschnationale Andreas Mölzer zwei Blogeinträge, in denen er dem FPÖ-Chef die Leviten las. Sie kennen sowohl Mölzer als auch Strache persönlich. Warum tut Mölzer so etwas?

Höbelt: Ich habe Andreas Mölzer das letzte Mal im Winter gesehen, ich kann deshalb nicht sagen, wie momentan die Chemie zwischen Strache und Mölzer ist. Mölzer ist jedenfalls in diesem Burschenschafter-Milieu stärker verankert und hat sich einen Ruf als Unabhängiger mit wichtigen Kontakten erarbeitet. Wenn er als Publizist nichts darüber schreibt, dann könnte man ihm das vielleicht vorwerfen. So gesehen waren das ein paar Streicheleinheiten für seine Klientel. Außerdem ist er schließlich auch Journalist: Er braucht immer etwas zu schreiben.

derStandard.at: Ist Strache in letzter Zeit weniger ideologisch geworden?

Höbelt: Strache hat eine gewisse ideologische Grundierung, einen gewissen track record. Aber er ist kein Ideologe. Das ist heute generell so - momentan gibt es selten Ideologen in der Politik.

derStandard.at: Die aktuelle Situation erinnert an die von Jörg Haider. Auch er übernahm erst eine Partei, die am Boden lag, peppte sie mit nationalen Slogans wieder auf und als er seine Wählerschicht verbreiterte, distanzierte er sich von den Deutschnationalen, die viele andere Wähler abschrecken. Aktuell befindet sich die FPÖ im Umfragehoch und Strache hat dem Totengedenken der deutschnationalen Burschenschafter abgesagt. Läuft die FPÖ Gefahr, ihre Geschichte zu wiederholen, an deren Ende die Spaltung steht?

Höbelt: Iwo. Parteien, die erfolgreich sind, spalten sich nicht - und schon gar nicht wegen Inhalten. Das war auch 2002 (Anm.: Putsch von Knittelfeld) und 2005 (Anm.: Abspaltung des BZÖ) nicht der Fall. (Benedikt Narodoslawsky, derStandard.at, 10. Mai 2011)

Lothar Höbelt, geboren 1956, ist Professor für neuere Geschichte an der Universität Wien. Er gilt als einer der profundesten Kenner des Dritten Lagers, war bis Ende der 90er-Jahre Berater der FPÖ und einige Zeit Konsulent der FPÖ-Akademie unter Andreas Mölzer. Er wird deshalb oft als "FPÖ-Historiker" bezeichnet. Höbelt war und ist ein Verfechter der schwarz-blauen Koalition, nach den Turbulenzen um Knittelfeld gab Höbelt aus Enttäuschung über den FPÖ-internen Richtungsstreit eine Parteiempfehlung für VP-Kanzler Wolfgang Schüssel ab. Der Historiker veröffentlicht immer wieder Artikel in rechten Publikationen, etwa in der Zeitschrift "Die Aula", die vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes als rechtsextrem eingestuft wird.

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    Der ehemalige FPÖ-Konsulent Lothar Höbelt hält den Stellenwert von Burschenschaftern in der FPÖ für überschätzt. "Die Burschenschafter wären gut beraten, sich nicht selbst ständig so offensiv zu vermarkten."

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    Warum sein Freund Andreas Mölzer FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache kritisierte, erklärt Höbelt so: "Wenn er als Publizist nichts darüber schreibt, dann könnte man ihm das vielleicht vorwerfen. So gesehen waren das ein paar Streicheleinheiten für seine Klientel."

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    Ernste Probleme für die FPÖ sieht der Historiker nicht: "Parteien, die erfolgreich sind, spalten sich nicht - und schon gar nicht wegen Inhalten. Das war auch 2002 und 2005 nicht der Fall."

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