Reportage

Vier Tage, vier Nächte: Von Tunis nach Paris

9. Mai 2011, 18:03
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    foto: dapd

    Ein Flüchtling aus Tunesien in Frankreich.

Tunesische Flüchtlinge in Frankreichs Hauptstadt zwischen den Fronten der Politik

Die falsche Rayban-Sonnenbrille mit den Glitzereinsätzen verbirgt noch halbwegs das Heftpflaster über der Nase. Darunter prangt eine Reihe von Zahnlücken. "Sechs", informiert Hossein und hält gleich viele Finger hoch: Sechs Zähne hat er am Wochenende verloren. Noch immer groggy, bringt der junge Tunesier nur die Worte "Polizei" und "Châtelet" über die vernähten Lippen. Vor der Sportanlage Fontaine au Roi in Paris erzählen seine Kumpels, Hossein sei am Samstag im Stadtzentrum von Paris in eine Polizeikontrolle geraten und zusammen geschlagen worden.

Als Beleg zieht der Verletzte ein dickes, kleingefaltetes Papierbündel aus der Tasche. "Sie haben soeben eine Hirnerschütterung erlitten", klärt ein Merkblatt des Pariser Spitaldienstes auf und listet strikte Ruhetipps auf, von denen Hossein keinen einzigen befolgt.

Seine Geschichte will nicht so ganz überzeugen, zumal auf dem Handyfoto eines Begleiters das zerschundene Gesicht vor der Operation zu sehen ist - mit einem tiefen, waagrechten Schnitt quer durch das Nasenbein. Das ist nicht die Handschrift der Pariser Flics, eher des Milieus. Aber nun muss Hossein zurück und sich in der Turnhalle des 11. Hauptstadtbezirks auf eine Matratze legen.

An der Seine ist aber Endstation Sehnsucht

Etwa 150 junge Männer haben hier seit Samstag ein Dach über dem Kopf gefunden - zur Verfügung gestellt vom sozialistischen Bürgermeister Bertrand Delanoë. Es sind ausschließlich Tunesier, und alle geben an, im Schlepperboot über das Mittelmeer nach Lampedusa geflüchtet zu sein. "Die Überfahrt dauerte vier Tage und vier Nächte", erinnert sich Taïeb und zeigt seinerseits einen grünen "Reisetitel für Ausländer", wie die Römer Behörden in Italienisch und gleich noch in Französisch darauf gesetzt haben: Die meisten der Tunesier verfügen in Frankreich über Verwandte oder Freunde und sind von den Italienern abgeschoben worden.

An der Seine ist aber Endstation Sehnsucht. Nicht allen spielt das Schicksal so übel mit wie Hossein. Aber allen steht die Erschöpfung, ja Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Viele Tunesier haben die ersten Tage in Pariser Parks, Kinderspielplätzen oder leer stehenden Gebäuden verbracht. "Ungefähr alle vier Nächte wurden wir von der Polizei verjagt", meint Ahmed.

Die nationale Polizei untersteht der Regierung von Präsident Nicolas Sarkozy, und der bekämpft die illegale Einwanderung aus Nordafrika. "Der Bürgermeister lässt uns hier, der Staatspräsident lässt uns verhaften", klagt Ahmed. Noch etwas versteht er nicht: "Wir wollen Arbeit, aber mit diesem Ausweis kriegen wir keine."

"Frankreich ist besser als Italien"

Doch warum hat er Tunesien überhaupt verlassen, wo doch die Vertreibung des Diktators Zine El Abidine Ben Ali für mehr Freiheit gesorgt hat? "In Tunis herrschen Chaos und Unsicherheit", kommt die Antwort. "Am Wochenende hat die Regierung den Ausnahmezustand ausgerufen. Und die Polizei war schon vorher viel schlimmer als hier in Frankreich."

Ahmed zückt die neuste Ausgabe der Pariser Zeitung Le Monde, in der die tunesischen Tourismusbehörden mit einem hübschen Golfplatzfoto werben: "Es heißt, in Tunesien pfiffen die Kugeln. Welche Gerüchte man Ihnen bloss vorsetzt!" Bitter meint Ahmed, der einen kleinen Kleiderhandel über die libysche Grenze aufgezogen hatte, bis ihm der Krieg ein Ende bereitete: "Ich hatte in Tunesien nicht einmal das Geld, mir eine Golfpartie zu leisten!"

"Frankreich ist besser als Italien, aber Frankreich will uns auch nicht", sagt Ahmeds Freund Samir. Für heute Dienstag hat die Polizei in der Turnhalle eine Razzia angekündigt. Festnahmen drohen. Auch Samir muss nach vier Tagen und vier Nächten weg. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Printausgabe, 10.5.2011)

Johannes Benn
04
10.5.2011, 03:02
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"Ich hatte in Tunesien nicht einmal das Geld, mir eine Golfpartie zu leisten!"
der satz des tages.
endlich wissen wir aus welcher drangsal die fluechtlinge nach europa kommen

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