Neuerungsfeindliche Altersträgheit

9. Mai 2011, 17:14
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Wie kann es sein, dass all die notwendigen Reformen - von Schule über Gesundheit bis Verwaltung - nicht zustande kommen? Ein Spitzenmanager in Ruhestand wundert sich über die nachfolgende Generation

Immer schwerer fällt es mir, mit all dem, was im öffentlichen Raum um mich herum geschieht - oder nicht geschieht -, auf gleich zu kommen. Darüber denke ich immer wieder nach: Wahrscheinlich liegt es an meinen bald 80 Lebensjahren, da wird man wohl begriffsstutziger. Aber wenn es mir auch als "Nichtleistungsträger" - also Angehöriger der Bevölkerungsgruppe der Säuglinge, Schulkinder, Studenten, Schwerbehinderten, "Nur-Hausfrauen" und Pensionisten - immer schwerer fällt, das öffentliche (Nicht-)Geschehen anders denn als Trauerspiel klassischer Prägung zu erleben oder auch bloß als solches zu begreifen; noch nehme ich, wenn auch Nichtleistungsträger und damit Angehöriger einer zahlenmäßig sehr bedeutenden Bevölkerungsgruppe, genug wahr, um mir eine Meinung zu bilden - und will mich als noch nicht dementer aktiver Mitbürger unserer Zivilgesellschaft nicht verschweigen.

Da murksen wir seit Jahrzehnten an einer Bildungs- und Erziehungsreform herum. Auf halbe Ziele, mit halben Mitteln (und halbem Willen) schreitet unsere Gesellschaft zaudernd hin (frei nach Grillparzer): als ob die Heranbildung und Ausbildung unserer Jugend "wurscht" wären. Haben wir denn nicht als zweitmächtigsten Trieb die Weitergabe des Lebens, eines lebenswerten Lebens? Worauf warten wir dann eigentlich, nachdem wir bereits Jahrzehnte vernudelt haben (man verzeihe mir die Wortwahl)? - Sieht man einmal von der vor Jahrzehnten erreichten Gebührenfreiheit für Schulen, Schulfahrten und der weitreichenden Schulbuchaktion ab.

Die Schul- (und Hochschul-) Lehrpläne zu entstauben und den heutigen Erfordernissen anzupassen; Lehrkräfte von Richtern über die Zukunft unserer Jugend hin zu Förderern von Wissbegier und Interesse am Wissen, nicht zuletzt zu Vermittlern der Liebe zur (Mutter-)Sprache und damit zum Lesen und zu gehaltvollerem Gespräch und, und, und hinzuführen - ist uns das nicht auferlegt?

Es fehlen die Kindergärten

Wir beklagen die niedrige Geburtenrate - und die geradezu zwangsläufige Immigration - und damit das zwangsläufige Schrumpfen der österreichischen Bevölkerung; wir wissen aber, dass die meisten Frauen, sei es aus Willen zur Selbstverwirklichung, sei es, was häufiger der Fall sein dürfte, aus rein wirtschaftlichen Gründen, berufstätig sind. Die Kindergärten aber sind noch immer nicht flächendeckend und vielfach nur halbtägig verfügbar, die Großmütter jedoch nehmen als Nothelferinnen dank eigener Berufstätigkeit einfach ab.

Und überdies bezahlen wir die für die als prägend geltenden Lebensjahre erheblich mitverantwortlichen fleißigen Kindergartenkräfte miserabel, bildeten sie bisher nur zaghaft und bescheiden aus - bei der Stützung des bedrohten Bankenclans waren wir bei weitem nicht so knausrig und zögerlich. Und nun fällt uns sogar ein, dass diese Kräfte eine akademische (!) Ausbildung erfahren sollen, um solcher Art mehr oder minder funktionell eine Vorschule erreichen zu lassen.

Ja, sie sollen unsere Kleinkinder auf die Schule vorbereiten, deren (mutter-)sprachlichen Ausdruck verbessern, vielleicht auch in Richtung Schreiben und Lesen - möglichst hin zur Liebe zum Buch - sowie zum Grundrechnen und zur bildnerischen Anregung. Und dazu bedarf es tatsächlich einer Sponsion oder gar Promotion? Und wenn schon ja, worin? Anheben dieses Berufsstands auf ein höheres Niveau, ja, aber doch mit dem Ziel, möglichst viele Menschen unkompliziert für diesen so wichtigen Beruf zu rekrutieren; eine leistungsgerechte Bezahlung vorausgesetzt.

Die Crux im Gesundheitswesen ist uns nichts Neues, was die verdienstvolle Tätigkeit der Ärzte nicht schmälern soll. Die Organisation auf diesem Gebiet insgesamt ist mehr oder weniger archaisch: eine erhebliche Überzahl an Spitalsbetten mit unnötig langer Belegung, mehrere Krankenhäuser in geringer Entfernung voneinander, aber verständlicherweise nur begrenzter Kompetenz; Ordinationszeiten von Ärzten, die mit einer berufstätigen Bevölkerung nicht zusammenpassen und als zwangsläufige Folge einen Ansturm auf die Ambulanzen und daher deren Spitzenauslastungen bis zum Gehtnichtmehr auslösen. Ordinationen abseits der größeren Städte aber sind immer weniger besetzt, als ob dafür kein Bedarf bestünde.

Dennoch haben wir vom europäischen Durchschnitt aus gesehen sehr hohe Kosten der Gesundheitsvor- und -fürsorge. Apropos zu viele Spitalsbetten: Wo bleiben leistbare Pflege- und Altersheime, für deren Inanspruchnahme es keine leistbare Versicherung gibt; die Gemeindeverwaltungen nagen hiebei am Zahnfleisch. Vielleicht hätten wir ohne Otto von Bismarck bis heute ebenso wenig eine Kranken-, Unfall- und Altersversicherung für alle.

Von vielem herausgreifen will ich hier noch das große unvollendete (über den ersten Akt sind wir noch nicht hinausgekommen) Trauerspiel, genannt "Verwaltungsreform" ; nicht wegen Erfolgs, sondern wegen mangelnden Erfolgs seit Maria Theresia und Joseph II. fortlaufend prolongiert und für alle politischen Gelegenheiten immer wieder verbal aus der Mottenkiste hervorgeholt.

Nichts mehr zu tun?

So fühle ich mich etwa sehr geehrt, 1971 ohne zeitliche Begrenzung und Bezahlung in die Verwaltungsreform-Kommission vom damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky schriftlich berufen worden zu sein - betraut mit dem Vorsitz für die Reform der Bundesbetriebe. Eine ganze Menge ist in den darauffolgenden Jahren geplant und weitgehend auch umgesetzt worden. Seither herrscht arbeitsmäßig wieder atemberaubende Stille - und ich bin dort selbst immer noch Mitglied. Niemand hat mich (mit oder auch ohne Dank) verabschiedet oder meiner übernommenen Pflicht entbunden. Ich bin auch nicht wieder zu einer Sitzung eingeladen worden (in meinem Alter, ohne Sekretariat u. Ä. darüber nicht gerade traurig). Vielleicht gibt es aber auch wirklich nichts zu tun?

Mag sein, dass unsere Gesellschaft - ich will nicht nur Politiker anpatzen - einer neuerungsfeindlichen Altersträgheit verfallen ist (schlag nach bei Seneca Vom glücklichen Leben, Deutsch 2008, Seite 122). (STANDARD-Printausgabe, 10.5.2011)

 

 

WALTER FREMUTH (79) war von 1979 bis 1993 Generaldirektor des Verbundkonzerns.

  • Ist es die Veralterung der Gesellschaft, dass sich bei den wichtigen Reformvorhaben seit Jahren nichts mehr bewegt? Oder sitzen die heutigen Entscheidungsträger, egal wie alt, geistig bereits im Rollstuhl?
    foto: standard\corn

    Ist es die Veralterung der Gesellschaft, dass sich bei den wichtigen Reformvorhaben seit Jahren nichts mehr bewegt? Oder sitzen die heutigen Entscheidungsträger, egal wie alt, geistig bereits im Rollstuhl?

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