Paarungsver­halten macht die Welt ungleicher

9. Mai 2011, 15:51
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Was macht es, wenn ein reicher Mann eine reiche Frau heiratet? Viel, laut OECD-Studie, die die Einkommens-Schere weiter aufgehen sieht

Die Ungleichheit der Einkommen wächst seit Mitte der 1980-er Jahre in den meisten Industrieländern. Die berühmte Schere öffnet sich weiter, wie eine aktuelle OECD-Studie zeigt. Während in den vergangenen dreißig Jahren der Reichtum in der oberen Oberschicht jährlich um zwei Prozent zunahm, brachten es die (relativ) Ärmsten nur auf jährlich 1,7 Prozent. Heute sind die reichsten Reichen im Schnitt zehnmal so reich, wie die ärmsten Armen. Wobei die Kluft in den nordischen Ländern weit weniger ausgeprägt ist, als etwa in Mexiko, den Vereinigten Staaten, Israel und Großbritannien.

Wachsendes Ungleichgewicht

Seinen Ausgang nahm diese Entwicklung in den späten 1970-er und frühen 1980-er Jahren in Großbritannien und den USA. Mittlerweile können sich auch Länder wie Schweden, Dänemark, Deutschland - wo es einkommensmäßig traditionell eher egalitär zugeht - dem Trend nicht verschließen.

Stärkeres Beschäftigungswachstum bei Frauen und folglich das Anwachsen des Teilzeit-Segments, Zunahme der Freiberuflichkeit, wachsendes Kapitaleinkommen, Umbau in den Steuer- und Wohlfahrtssystemen und schließlich die üblichen Verdächtigen - von der Globalisierung über den technischen Fortschritt bis zur schwindenden Gewerkschaftsmacht -, insgesamt machen die OECD-Autoren ein Bündel an Faktoren für das wachsende Ungleichgewicht aus.

Veränderungen in den Haushalts- und Familienstrukturen

Einige Erkenntnisse der Studie haben es in sich und vor allem mit den gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen in den Haushalts- und Familienstrukturen zu tun. Während einerseits immer mehr Frauen, die mit männlichen Spitzenverdienern zusammenleben, ein eigenes Berufseinkommen haben, wollen sich andrerseits die Menschen immer seltener auf Dauer paaren und lassen sich umso häufiger scheiden. Somit gibt es mehr Single- und Alleinverdienerhaushalte als je zuvor. Im Jahr 1980 betrug der Single-Anteil im OECD-Raum (mit oder ohne Kinder) fünfzehn Prozent, inzwischen liegt er bei zwanzig Prozent. Single-Haushalte (erst recht Alleinerzieher), so viel ist sicher, sind ärmer als Doppelverdiener.

Arzt sucht Ärztin

Was macht es, wenn ein reicher Mann eine reiche Frau heiratet? Viel, heißt es in der Studie und führt ein geändertes Paarungs- und Bindungsverhalten des modernen Menschen ins Treffen. Man heirate neuerdings verstärkt seinesgleichen - zumindest was die Einkommenskategorie betrifft. Die Kombination "Arzt sucht Krankenschwester" scheint demnach etwas aus der Mode zu kommen. Die derzeit bevorzugte Variante: Arzt sucht Ärztin. "Assortative Pairing" nennen die Angelsachsen diesen Trend. Wen wundert‘s also, dass die Einkommen im oberen Zehntel der Haushalte deutlich kräftiger zunehmen als im unteren Zehntel? Die alte Verhaltens-Regel "Gleich und gleich gesellt sich gern" ist nicht außer Kraft gesetzt. Die "Welt" macht sie insgesamt nicht gleicher. (rb, derStandard.at, 9.5.2011)

Hier geht es zur OECD-Studie

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    Gleich und gleich gesellt sich gerne lautet nicht immer, aber immer öfter auch in Einkommensbelangen die Devise.

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