Das ist Brutalität

9. Mai 2011, 16:52
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Die Ducati Streetfighter ist Supersport ohne Verkleidung, ohne Rücksicht auf Rutscher und nur was für Männer ohne Kinderwunsch

Brutalität, meint der Duden, sei Schonungslosigkeit, Rücksichtslosigkeit. Demnach wäre Brutalität, die besten 100 Lieder des Songcontests anhören zu müssen, oder den eigenen Kindern die Haare zu schneiden, obwohl man gelernter Fliesenleger, oder noch schlimmer, unbegabter Schreiberling ist. Doch das ist alles nichts gegen die Ducati Streetfighter. Die schaut schon aus, dass man sich ihr nur mit Protektoren zu nähern wagt. Schneidest du mit der Streetfighter ein Auto, würde es mich nicht wundern, wenn sich der in seinem Vorwärtsdrang beschnittene Lenker auch noch freundlich bedankt.

An der Ampel schauen sowieso alle betreten weg. Die Streetfighter rasselt mit der Kupplung, dass der Belzebub dazu Polka tanzt. Aus den beiden Endtöpfen knurrt heiser der 1099 Kubikzentimter große L-Twin. Nur verstohlene Blicke wandern rüber zur Duc – so als hätte man jemanden beim Nasenbohren und Flatulieren gleichzeitig erwischt. Aber das ist nicht Brutalität, das ist schiere Furcht. Denn wer dieses Eisen bändigt, der muss mehr am Kerbholz haben, als einen von der Exekutive abgegriffenen Führerschein.

Brutalität ist es dann, die Ducati über die Kreuzung zu fahren. Zwei Fahrspuren reichen für den Sprint auf 100 km/h, einen Slide und ein durchgeschwitztes Unterhemd. Damit rechnet niemand, wie die Streetfighter den geringsten Gasstoß in Vortrieb umsetzt. Dabei sollte man davon schon eine Ahnung bekommen, wenn man sich nur draufsetzt. Die Sitzposition ist extrem sportlich, die Beine gehen ungewöhnlich weit nach hinten, der Oberkörper im gleichen Maß nach vorne und schnell ist klar, dass Ducati hier umgesetzt hat, was vor 30 Jahren in den Garagen entstand.

Haben Supersportfahrer ihr Eisen so gegen Leitschiene, Baum oder Gegenverkehr gelehnt, dass die Vollverkleidung nur mehr als 3-D-Puzzle für GFK-Künstler dienen konnte, hat Ducati diese kurzerhand entsorgt und aus dem Supersportler eine Naked gemacht. Lieber hat man dort und da ins Fahrwerk investiert, als sich eine neue Hülle aus recycelten Joghurtbechern anzutun, die es bei der nächsten flotteren Ausfahrt eh wieder vom Bock prellt.

Die Streetfighter ist die schonungslose Nachfolgerin dieser Ära. Angetrieben vom Motor der 1098, dem Drehmoment von 119 Newtonmeter auf dem desmodromisch gesteuerten Zweizylinder und mit 155 PS. Was am Papier höchst fahrbar klingt und zu Vergleichen mit 200 PS-Rennmaschinen verleitet, straft der erste sanfte Dreh am Gasgriff als Irrtum ab.

Da kann der Reifen noch so warm sein, wer flott ums Eck will, macht das nur allzu leicht im Drift. Weil die ganze Ausrichtung stark Vorderrad-orientiert ist, steigt sie nicht sofort auf, sondern tritt gerne einmal mit dem Hinterhuf aus.

Der Sportlichkeit zollt man auch beim Einlenken Tribut. Da ist die Streetfighter ein wenig bockig. Drücken mag sie nicht so recht. Aber geht man am Kurveneingang in den leichten Hang-off, geht die Duc um die Kurve, dass der siebente Himmel voller rasselnder Trockenkupplungen hängt. Durch das Versetzen drückt man auf der Kurveninnenseite leicht den Lenker nach vorne, ganz unterbewusst - den Rest macht die Gewichtsverlagerung.

Gesünder ist es, schon beim Anbremsen in den Hang-off zu gehen. Das schaut vielleicht ein bisserl komisch aus, ist aber so. Die Form des Streetfightertanks passt nämlich so gar nicht mit den Bremsen zusammen. Während die Brembos mehr als ordentlich zupacken, läuft ersterer dort, wo unsereins den Schritt hat, so spitz zu, dass man bald nimmer weiß, ob das wirklich die Mandeln sind, die da im Hals baumeln. Und das ist wirkliche, schonungslose, rücksichtslose Brutalität.

  • Ducati Streetfighter
Motor: 2 Zylinder-4-Takt-Motor in L-Form, 4
 Ventile pro Zylinder, DesmodromikHubraum: 1099 ccmLeistung: 
115,6 kW (155 PS) bei 9500 U/minDrehmoment: 119 Nm bei 9500 U/minKraftübertragung:
 6 Gänge, KetteRadaufhängung vorne: 43 mm USD-Gabel, vollverstellbarRadaufhängung
 hinten: Alu-Einarm-Schwinge, Mono-SchockBremse vorne: 
Doppelscheibenbremse, Ø 330 mm, radial montierte 4-KolbenBremse 
hinten: Einscheibenbremse, Ø 245 mm, 2-Kolben
    foto: werk

    Ducati Streetfighter

    Motor: 2 Zylinder-4-Takt-Motor in L-Form, 4 Ventile pro Zylinder, Desmodromik
    Hubraum: 1099 ccm
    Leistung: 115,6 kW (155 PS) bei 9500 U/min
    Drehmoment: 119 Nm bei 9500 U/min
    Kraftübertragung: 6 Gänge, Kette
    Radaufhängung vorne: 43 mm USD-Gabel, vollverstellbar
    Radaufhängung hinten: Alu-Einarm-Schwinge, Mono-Schock
    Bremse vorne: Doppelscheibenbremse, Ø 330 mm, radial montierte 4-Kolben
    Bremse hinten: Einscheibenbremse, Ø 245 mm, 2-Kolben

  • Reifen vorne: 120/70 
ZR17M/CReifen hinten: 190/55 ZR17M/CGewicht trocken:
 169 kgSitzhöhe:
 840 mmPreis: 17.895 Euro (Streetfighter S: 21.995 Euro)
    foto: werk

    Reifen vorne: 120/70 ZR17M/C
    Reifen hinten: 190/55 ZR17M/C
    Gewicht trocken: 169 kg
    Sitzhöhe: 840 mm
    Preis: 17.895 Euro (Streetfighter S: 21.995 Euro)

  • + Ein
 nackter Supersportler, brutal und schnell. Genau so, wie es sein soll.
-
 Schöner die Glocken nie klangen. Die Tankform zerstört jede Ehe.
    foto: werk

    + Ein nackter Supersportler, brutal und schnell. Genau so, wie es sein soll.

    - Schöner die Glocken nie klangen. Die Tankform zerstört jede Ehe.

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