Die ärmlichen letzten Jahre des Osama Bin Laden

8. Mai 2011, 18:31
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Vieles bleibt weiter im Dunkeln - vor allem, welche Rolle Bin Laden noch bei Al-Kaida spielte

Welche Rolle spielte Osama Bin Laden noch bei Al- Kaida? Videos, die die USA veröffentlicht haben, werfen neue Fragen auf. Das Pentagon sieht sie als Beweis, dass er aktiv war. Seine Ehefrau sagt, er habe kaum mehr Kontakt gehabt.

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Die Wände sind nackt, Kabel baumeln lose herum. Gebeugt hockt Osama Bin Laden auf dem Fußboden vor einem Fernsehapparat, zappt von Kanal zu Kanal, bis er einen Videoclip von sich selbst findet. Seine Haare und sein Bart sind grau, gegen die Kälte hat er eine Wollmütze auf dem Kopf und eine Decke um die Schultern gewickelt. Offenbar verfügte der gefährlichste Mann der Welt nicht mal mehr über einen wärmenden Gasofen. Eine Woche nach seinem Tod haben die USA nun fünf Videos von Bin Laden veröffentlicht, die man in seinem Versteck in Abbottabad gefunden haben will. Danach lebte der ehemalige Millionär offenbar in erstaunlich erbärmlichen Verhältnissen.

Auf einem wirkt der 54-Jährige nur noch wie ein Schatten seiner selbst. Auf anderen Videos zeichnet er angeblich gerade Botschaften für Al Kaida auf - mal vor einem zerknitterten Bettlaken als Hintergrund, mal vor einem billigen Schrank. Für diese Aufnahmen hat er sich Bart und Haupthaar schwarz gefärbt. Auf einem Video schaut er unsicher an der Kamera vorbei und spricht zu Leuten im Hintergrund - es wirkt, als frage er, ob er es gut oder richtig gemacht habe. Washington hat aber bei allen Videos die Tonspur gelöscht, deshalb bleibt der Kontext unklar. Die USA begründeten dies mit Sicherheitsbedenken.

Widersprüche

Langsam entsteht ein Bild, wie Bin Laden seine letzten Jahre verbracht haben könnte. Doch vieles bleibt weiter im Dunkeln - vor allem, welche Rolle er noch bei Al-Kaida spielte. Das Pentagon verbreitet, dass das Anwesen in der pakistanischen Garnisonsstadt Abbottabad die Kommandozentrale des Terrornetzwerkes gewesen sei. Bin Laden sei bis zu seinem Tod aktiv gewesen und habe Al-Kaida aus seinem Versteck strategische, operationelle und taktische Anweisungen erteilt.

Dem widersprach seine jüngste Witwe Amal. Sie soll laut pakistanischen Zeitungen ausgesagt haben, dass ihr Mann kaum noch Besuch bekam und wie ein Gefangener lebte. Zwar habe er noch Gelder für Al-Kaida bekommen, habe aber sonst kaum noch etwas mit dem Terrornetzwerk zu tun gehabt. Seit fünf Jahren habe er das Anwesen nicht mehr verlassen und sei nur einmal am Tag raus in den Garten gegangen.

Die 29-jährige Amal lieferte weitere Details aus den letzten Jahren des meistgesuchten Mannes der Welt. Die gebürtige Jemenitin, die seit 2000 mit Osama verheiratet war und bei dem US-Zugriff verletzt wurde, befindet sich in einem Militärkrankenhaus. Sie wird von den Pakistanern verhört. Allerdings kann man den Informationen Pakistans genauso wenig trauen wie denen der USA.

Angeblich lag Amal im Bett neben Osama und schlief, als sie durch Schüsse wach wurde. Von Hubschrauberlärm soll sie nichts gesagt haben. Die US-Soldaten hätten das Zimmer gestürmt, bevor Bin Laden zur Waffe greifen konnte. Das wundert: Denn Augenzeugen berichteten, dass der Lärm der Hubschrauber so groß war, dass Nachbarn bereits von ihren Dächern aus das nächtliche Schauspiel beobachteten. Die Familie lebte laut Amal seit Ende 2005 in Abbottabad. Zuvor hätten sie sich einige Jahre im Nebendistrikt Haripur versteckt gehalten, nur anderthalb Stunden Autofahrt von Islamabad entfernt.

Neben Amal sind noch 16 weitere Hausbewohner in Gewahrsam Pakistans, darunter zwei weitere Ehefrauen, zwei Söhne, eine Tochter und vier Enkelkinder.

Zu den Rätseln gehört, warum die US-Kommandos alle Zeugen zurückließen. Die erwachsenen Frauen hätten wichtige Informationen liefern können. Pakistan will die Familienmitglieder wahrscheinlich in ihre Heimatländer abschieben. (Christine Möllhoff aus Islamabad/DER STANDARD, Printausgabe, 9.5.2011)

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    Auf diesem Video, das die USA in Bin Ladens Versteck sichergestellt haben wollen, zappt sich der Terrorchef durch TV-Kanäle.

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