"Ich war innerlich längst gestorben"

9. Mai 2011, 13:41
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Nach zwei Selbstmordversuchen bekannte sich der deutsche Fußballprofi Andreas Biermann zu seiner Depression

Andreas Biermann war ein "Schisser", der ohne Schmerzen sterben wollte. Bei seinem ersten Selbstmordversuch war sein Wunsch, nach einer Überdosis Schlaftabletten nicht mehr aufzuwachen. Als er sich zum zweiten Mal versuchte, das Leben zu nehmen, kaufte er im Baumarkt einen Schlauch und ein Klebeband. Den Kassenbon ließ er liegen, er hatte nicht vor, das Zeug umzutauschen. Aber die Abgase, die er mit dem Schlauch vom Auspuff ins Wageninnere seines Autos leitete, waren zu schwach um ihn zu töten.

Andreas Biermann leidet unter Depressionen. Er ist der erste Profi-Fußballer, der sich nach Sebastian Deisler und dem Selbstmord von Robert Enke öffentlich zu dieser Krankheit bekannt hat. Das Buch "Rote Karte Depression", in dem er seinen Leidensweg beschreibt, war für den 30-Jährigen ein Befreiungsschlag. Nichts sei für ihn schwerer gewesen als die Last des Versteckens. Biermann war Fußball-Profi beim FC St. Pauli, seine Karriere hat er damit zerstört. Geändert hat sich seitdem nichts. Das Thema Depressionen im Spitzensport bleibt Tabu. 

Wenn der Kopf eitert

In Österreich gibt es keine Debatte, dabei sind erst kürzlich mit Claudia Heill und Ernst Weber gleich zwei Sportgrößen innerhalb von einer Woche unter tragischen Umständen ums Leben gekommen. Das Denken, das Menschen auf die Idee des Freitodes bringt, wird oft von Depressionen bestimmt. Depressionen passen aber zum Sport wie der Bio-Gemüsegarten zu Fukushima. Nicht nur hierzulande müssen Fußballer, Skifahrer oder Tennisspieler ständig gut drauf sein.

Für Andreas Biermann war "der Kopf zum Köpfen da". Sein Ziel lautete aber, als erster Profi geheilt zurückzukommen. Es wäre ein Fortschritt, würden Depressionen im Fußball nicht mehr als Makel gelten. Dann hätte der Tod Enkes und sein Leiden zumindest einen sinnvollen Effekt. Auch darum schrieb Andreas Biermann mit dem Hamburger Journalisten Rainer Schäfer dieses Buch. Heute würde Biermann keinem Profi mehr raten, sich zu outen.

Für den zweifachen Familienvater Andreas Biermann war die Geburt seines Sohnes so aufregend, wie wenn er Zeitung liest. Teilnahmslos erlebte er seine Mitmenschen. Über Jahre musste er unfassbare Belastung in Form von Verletzungsserien aushalten, er trainierte extrem hart obwohl er kaum schlief, seine Spielsucht führte ihn zum Pokern ins Internet. Nicht nur sein Knie eiterte, sondern auch sein Kopf. Eine psychologische Betreuung erfuhr Biermann aber nie. 

Profisport als "Leistungszelle"

Man erinnere sich: Nach dem Tod von Robert Enke war die Fußballwelt in Deutschland in einer Schockstarre. Man fragte sich, wie es so weit kommen konnte, dass ein Leistungssportler unter dem Druck der Branche zusammenbricht. Verbandspräsidenten und Vereinsbosse hielten Reden mit ernster Miene. In den Stunden der Trauer wurden Leistungsdruck und Konkurrenzdenken der Gesellschaft gegeißelt und ein menschlicheres Miteinander im Profisport gefordert. Genützt haben die Appelle freilich nichts, der Profisport ist die "Leistungszelle", es handelt sich dabei um Darwinismus in Reinkultur. In Österreich hat sich nach den jüngsten Tragödien kein größerer Funktionär zu einer Rede aufgeschwungen. Nach dem Tod von ÖFB-Trainer Ernst Weber und der Judo-Sportlerin Claudia Heill gab es in den Medien zum Thema Depressionen im Spitzensport Schweigen im Wald.

"Rote Karte Depression" ist ein mutiges Buch, der Fall Biermann war bis dato über Deutschland hinaus kaum bekannt. In der ersten Hälfte der Erzählungen gibt es aber Redundanzen, der Aufstieg Biermanns zum Fußballtalent liest sich sehr geradlinig. Dafür verschont sein emotionaler Abstieg den Leser nicht, man spürt der kranken Seele von Andreas Biermann förmlich nach.

Wirklich fassbar wird dieses Leben aber vor allem durch die Gedanken von Juliane Biermann, seiner Ehefrau: "Ich bin nicht sein Lebensmittelpunkt, es wäre naiv, das zu glauben. Ich weiß, dass seine Kinder eine Rolle für ihn spielen. Sie sind das, was ihn neben dem Fußball überhaupt am Leben erhalten wird. Meine Angst ist: Was mache ich, wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind? Da habe ich Angst, dass er dann nicht mehr groß am Leben hängt. Um mir etwas Sicherheit zu geben, haben wir einen schriftlichen Vertrag gemacht: Wenn er merkt, dass es ihm so schlecht geht und er Suizidgedanken kriegt, dass er mir das sagt (sic!).Und wir dann gucken, dass er therapeutische Hilfe bekommt. Der Vertrag steht, aber er hat immer die Möglichkeit, sich nicht daran zu halten. Die Angst ist immer da." (Florian Vetter, derStandard.at; 9. Mai 2011)

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    Andreas Biermann (r.) wurde in seiner Kindheit ob seiner roten Haare gehänselt: An dem blond gefärbten Fußballprofi ist kaum noch etwas vom Pumuckl zu erkennen.

  • Der Ex-Fußballprofi Andreas Biermann wusste lange nicht, was ihn quält.
Andreas Biermann, Rainer Schäfer: "Rote Karte Depression", Gütersloher Verlagshaus
    foto: gütersloher verlagshaus

    Der Ex-Fußballprofi Andreas Biermann wusste lange nicht, was ihn quält.

    Andreas Biermann, Rainer Schäfer: "Rote Karte Depression", Gütersloher Verlagshaus

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