Panikartige Verkäufe am Rohstoffmarkt

6. Mai 2011, 19:42
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Die Preise von Silber und Öl sind diese Woche in den Keller gesunken. Investoren sind massiv verunsichert

Die Preise von Silber und Öl sind diese Woche in den Keller gesunken. Investoren sind massiv verunsichert - sie hatten zuletzt noch rekordhohe Summen in den Rohstoffmarkt gepumpt.

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Wien - Rohstoffinvestoren haben die Börsenweisheit "sell in may" ("Verkaufe im Mai") dieses Jahr wörtlich genommen. Die erste Maiwoche brachte bei Energiepreisen und Metallen massive Rückschläge, die größten seit der heißen Phase der Finanzkrise im Dezember 2008.

Am Freitag hat sich der Ausverkauf an den Rohstoffmärkten noch weiter verstärkt. Der Preis für ein Fass Rohöl der Marke Brent sank den fünften Tag in Folge und erreichte zwischenzeitlich ein Tagestief von 105 Dollar je Fass (72,35 Euro), später zog der Preis wieder auf über 110 Dollar an. Das Fass der US-Sorte WTI fiel erst unter 100 Dollar - konnte infolge der US-Arbeitsmarktdaten die 100-Dollar-Marke aber wieder knacken. Allein am Donnerstag hatte sich Brent um 10,39 Dollar verbilligt, der zweitgrößte Preisverlust in der Geschichte.

Auch Silber konnte sich am Freitag nicht von den Panikverkäufen erholen. Der Preis für eine Feinunze (31,10 Gramm) notierte unter 35 Dollar, nachdem das Edelmetall vor einer Woche noch an seiner Rekordmarke von 50 Dollar gekratzt hatte. Damit hat Silber in einer Woche so viel an Wert verloren wie zuletzt 1975.

Marktteilnehmer bemühten sich am Freitag, die heftigen Preisausschläge zu erklären. Analysten der Deutschen Bank führten den Ausverkauf auf die Angst vor dem Ende der geldpolitischen Stützung der Finanzmärkte in den USA zurück. Das Rohstoff-Team von Goldman Sachs, das bereits Mitte April empfohlen hat, Rohstoffpositionen zu schließen, führt die jüngste Panik auf schlechtere US-Konjunkturdaten und höhere Öllagerbestände in den USA zurück.

Wenn Wetten wehtun

Doch auch die Verbreitung von neuen Investmentvehikeln auf den Rohstoffmärkten haben zu dem Verkauf beigetragen. Laut Gustavo Soares, Rohstoffstratege der Bank of America Merrill Lynch, haben die an Rohstoffindizes gekoppelten Anlagen vor kurzem einen neuen Rekordwert von knapp 350 Mrd. Dollar (241 Mrd. Euro) erreicht. In der letzten Dekade seien Rohstoffe zu den Lieblingen von Investoren aufgestiegen, weil sie angesichts der schwachen Aktienmärkte zur Risikostreuung genutzt wurden. Deutsche-Bank-Analyst Michael Lewis warnt in einer Analyse aber, dass "spekulative Positionen bei Rohstoffen und Schwellenländern zuletzt extrem waren". Besonders Öl sei daher verwundbar für weitere Rückschläge.

Ein Anzeichen dafür, wie stark Investoren zuletzt auf Rohstoffe gesetzt haben, ist auch der Börsengang des weltgrößten Rohstoffhändlers Glencore. Bereits am ersten Tag der Zeichnungsfrist hat die Nachfrage nach den Aktien das Angebot (inklusive Mehrzuteilungsoption) übertroffen. Das Schweizer Unternehmen will bis zu elf Milliarden Dollar mit dem Börsengang einnehmen, der Marktwert wurde mit 61 Milliarden Dollar angegeben.

Experten sagen, dass dieses hohe Volumen auch ein Indiz dafür sein könnte, dass man sich bei Rohstoffen nun bereits nahe am Zyklushoch befinde. (Lukas Sustala, Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8.5.2011)

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