Im Tandem über die Hemmschwelle

6. Mai 2011, 19:23
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Delgermaa Dagvasuren aus der Mongolei lernte in Sprachkursen Deutsch, als sie nach Österreich kam - Ein Projekt eröffnete ihr die Möglichkeit, die Sprache ohne Scheu anzuwenden

Wiener Neustadt - Trude Schrammel war zunächst zurückhaltend. "Vor allem Fremden, Neuen hat man etwas Angst" , gibt die 67-jährige Wiener Neustädterin zu. Ein Gefühl, mit dem Migranten häufig entgegentreten wird. Aber die Pensionistin traute sich drüber und meldete sich zum Projekt "Neuland" der Caritas Wien an, das in ihrer Pfarre in Wiener Neustadt vorgestellt worden war.

Sinn und Zweck des Tandemprojekts ist es, Menschen, die als Flüchtlinge nach Österreich gekommen sind, mit hier lebenden Leuten für ein gegenseitiges Kennenlernen zusammenzuspannen. An dem Programm dürfen Flüchtlinge teilnehmen, deren Asylverfahren in Gang oder bereits abgeschlossen ist. Sie stammen etwa aus Usbekistan, Afghanistan oder dem Iran. Das Projekt läuft in den Bezirken Baden, Wiener Neustadt und Neunkirchen, unterstützt vom Innenministerium, dem Europäischen Flüchtlingsfonds und dem Land Niederösterreich.

Dialekt kaum verstanden

Auch Delgermaa Dagvasuren musste vor Österreichern erst eine gewisse Scheu ablegen. "Ich hatte Angst, dass ich vieles falsch mache" , schildert die 37-Jährige aus der Mongolei. Sie absolvierte einen zwei- und einen sechsmonatigen Deutschkurs, doch es fiel ihr schwer, den Dialekt zu verstehen. Die Treffen mit Frau Schrammel, die sie mittlerweile seit drei Jahren kennt, halfen ihr dabei, Mut zu fassen. Inzwischen spricht sie fließend Deutsch - mit etwas Dialekt. Der Kontakt zu ihrer Tandempartnerin hat ihr dabei sehr weitergeholfen.

Spätestens seit der Schaffung des Staatssekretariats für Integration und der Verabschiedung der neuen Fremdenrechtsnovelle wird in Österreich viel über die Rolle der Sprache für gelungene Integration diskutiert. Staatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) bezeichnet den Spracherwerb als das "Herzstück seiner Integrationspolitik" .

Hans-Jürgen Krumm, Experte für Deutsch als Fremdsprache am Institut für Germanistik der Uni Wien, kennt zwar einige Positivbeispiele, flächendeckend sieht er beim Sprachlernangebot für Migranten aber noch viel Verbesserungsbedarf. Er kritisiert, dass in den Kursen für Migranten oft jeglicher Kontakt mit Österreichern fehle. "Das sollte man viel mehr über die Volkshochschulen abwickeln, da gibt es wenigstens in den Pausen die Möglichkeit, mit Österreichern ins Gespräch zu kommen. Außerdem wäre es dort leichter möglich, ein Tandemsystem zu organisieren." Solche Projekte hält er für wichtig.

Besonders dann, wenn beide Seiten voneinander die jeweilige Sprache lernen - was bei dem Tandem in Wiener Neustadt allerdings nicht der Fall ist. Krumm kritisiert, dass der in Kursen gelehrte Stoff oft mit den Lebenswelten von Migranten wenig zu tun habe. "Je sinnvoller etwas für einen selbst ist, desto besser lernt man" , sagt der Germanist.

Im Rahmen des Projekts "Neuland" gibt es derzeit 27 Tandems in Niederösterreich. Würden sich mehr Österreicher melden, wären es mehr, wie Sarah Seiwald, Projektleiterin von der Caritas, sagt. "Viele von österreichischer Seite finden das Projekt gut. Für eine aktive Teilnahme ist die Hemmschwelle aber oft doch zu groß."

Als Frau Schrammel ihre "Deegii" das erste Mal traf, war diese schon einige Jahre im Land - als Flüchtling mit subsidiärem Schutz. Inzwischen hat sie eine Niederlassungsbewilligung. Mit ihren heute 13 und 17 Jahre alten Söhnen bewohnte sie vor drei Jahren noch eine Wohnung, die laut Schrammel "fast eine Garage" war. Die zwei Frauen absolvierten gemeinsam Besichtigungstermine und fanden eine neue Bleibe.

Heute ersucht Dagvasuren noch um Hilfe, wenn sie trotz mehrmaliger Versuche einen Brief nicht versteht. Sonst wird am ausladenden Esstisch im Wohnzimmer der Familie Schrammel unter dem verschnörkelten Luster geplaudert und gemeinsam gegessen - mongolisch oder österreichisch. Sonst musizieren oder radeln die zwei gern. Auch Feste wie Weihnachten verbringen die Familien zusammen.

"Es ist ganz, ganz wichtig, dass es ein geschütztes Umfeld gibt, in dem man eine neue Sprache ausprobieren kann" , sagt Susanna Gratzl vom Internationalen Zentrum für Kulturen und Sprachen (IZKS) in Wien. Das IZKS bietet seit zwölf Jahren ein Tandemprogramm für Polizisten und Migranten an. Beim Spracherlernen sollte aus Gratzls Sicht eine möglichst gute Atmosphäre herrschen. Da Migranten im Alltag immer wieder Ablehnung erfahren, hätten sie oft Angst, etwas falsch zu machen, und bräuchten Ermutigung. "Dass Österreicher Migranten zu sich nach Hause einladen, ist leider eine Seltenheit."

"Wie eine Mutter zu mir"

Delgermaa Dagvasuren schätzt sich glücklich. "Trude ist wie eine Mutter zu mir" , sagt sie lächelnd, und legt ihre Hand auf deren Arm. Die Wiener Neustädterin bewundert wiederum, wie ihr Schützling das Leben meistert. Dagvasuren arbeitet als Supermarktverkäuferin und in einem Eisgeschäft. Nebenher spielt sie Bratsche; ihr früherer Beruf. Seit November ist sie Mitglied des kaufmännischen Orchesters Wiener Neustadt.

Bevor Dagvasuren nach Österreich kam, kannte sie es nur aus den Sissi-Filmen. Frau Schrammel hat inzwischen über die Mongolei einige Dokumentationen im Fernsehen gesehen. "So etwas schau ich mir jetzt immer an - das hab ich früher nicht gemacht. Man lebt jetzt schon ganz anders mit" , sagt sie. Dagvasuren verkündet feierlich: "Eines Tages zeige ich dir mein Land." Ihre "Ersatzmutter" erwidert: "Wenn ich jünger wäre, würde ich sofort hinfahren." (Gudrun Springer/DER STANDARD, Printausgabe, 7./8. Mai 2011)

  • Trude Schrammel und Delgermaa Dagvasuren, die in der Mongolei als 
Bratschistin ihr Geld verdiente, im Innenhof des Hauses der Familie 
Schrammel in Wiener Neustadt.
    foto: der standard/andy urban

    Trude Schrammel und Delgermaa Dagvasuren, die in der Mongolei als Bratschistin ihr Geld verdiente, im Innenhof des Hauses der Familie Schrammel in Wiener Neustadt.

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