... dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die ganze Sache mit den Frauen und der Frage, wie sie leben sollen, ganz neu aufzurollen
Muttertage als
symbolische Abspeisungen sind dafür ein besonders richtiger Zeitpunkt.
Die Mutter als gesellschaftliche Institution. Die gibt es seit der
Scheidungsrechtsreform 1978 in Österreich nicht mehr. Damals wurde beschlossen,
dass nach der Scheidung für das Kind bezahlt wird und nicht für die Arbeit der
Mutter. Eine Frau bekommt seit damals für die Arbeit als Mutter keinen
Unterhalt. Mutter zu sein. Das wurde damals Privatsache. Das war damals ein
Wunsch der ÖVP. Männer, wurde von der ÖVP argumentiert. Männer werden von den
Frauen ausgebeutet, die Kinder nur bekämen, um sich zu versorgen. Dem musste ein
Riegel vorgeschoben werden. Und weil die Frauen damals annehmen mussten, dass es
für sie nun in der Geschichte aufwärtsgehen würde. Deshalb waren die linken
Frauen für das, was die rechten Männer sich wünschten: Die Unabhängigkeit der
Frauen, sich über ihre Versorgung selbstständig Sorgen machen zu dürfen.
Mittlerweile sind die Mütter zu Bräuten des Staats verstaatlicht und bekommen
Taschengeld. Das wird Kindergeld genannt, geht aber nicht über die Anzahl der
Kinder zu steigern. Auch der österreichische Staat hat Angst, dass Frauen nur
Kinder kriegen, um sich zu bereichern. Anders als bei den auf ähnlich
unauffällig informelle Weise verstaatlichten Banken wird bei den
Kindergeldbezieherinnen aber genau abgerechnet. Die Kindergeldbezieherin muss
stets mit Rückzahlungsforderungen rechnen.
Die Rechtsverhältnisse eines Staats gehen aus den Machtverhältnissen hervor.
Wer die Macht hat, der kann seine Wünsche durchsetzen und in den
Rechtsverhältnissen als Lebensrealität erzwingen. Im Familienrecht in Österreich
hat das stattgefunden, was wir auf allen Ebenen dieses Staats vorfinden: der
Rückzug der Männer aus jenen Bindungen, durch die Gesellschaft hergestellt wird.
Es ginge ja darum, die Rechtsverhältnisse so zu gestalten, dass die einzelne
Person über ihre Rolle jeweils über die Gestaltung der Beziehungen in
Verhandlung treten muss und dass dabei Vertragssicherheit garantiert wird. Das
bedeutet ganz einfach, dass man oder frau Abmachungen mit man oder frau machen
und sich auf die Erfüllung dann verlassen kann. Das müssen Beziehungen zwischen
Personen sein. Am Kindergeld können wir deutlich sehen, wie sich keine Beziehung
zu einer Staatlichkeit herstellen lässt. Vor allem aber, wie Lebenspläne, die
auf dieses Taschengeld mittlerweile zurückgreifen müssen, noch viel schneller
durch Veränderungen zerstört werden können als durch die Aktionen eines
Kindsvaters etwa. Der Taschengeld bezahlende Staat kann sich jeden Tag für neue
Regelungen entscheiden. Das wird dann nicht Untreue oder Treulosigkeit genannt
werden. Das wird Politik genannt. Politik kennt Verpflichtetheit nicht. Das kann
sie in dem Ausmaß einer privaten Beziehung gar nicht und soll das auch nicht.
Aber hierzulande ist Politik mit den Männerwünschen gleichzusetzen. Diese
Männer können dann auch Frauen sein. Geschlecht ist in der Politik nur Macht
oder Nichtmacht. Die Männerwünsche sind so selbstverständlich eingeschlossen,
dass Innenministerinnen ihre Geschlechtsumwandlung nicht einmal bemerken müssen.
Die österreichische Politik bezahlt den Müttern ein Taschengeld und nimmt den
Männern damit die Verantwortung für ihre Familie ab. Die österreichische Politik
wird das Bundesheer abschaffen und den Männern damit die Verantwortung für ihren
Staat ersparen. Im Lebensarbeitszeitdurchrechnungszeitraum hebt die
österreichische Politik jede gesellschaftliche Beziehung auf und schafft das
Geschlecht ab. Versorgung ist Einzelpersonsache. Vorsorge ebenso. Die
gesellschaftliche Institution Ehe wird eine anspruchslose Verbindung, die gerade
noch für das Event Hochzeit gut ist.
Die Einzelpersonpolitik beginnt aber nicht mit einer Neuverteilung der Macht.
Weder wirtschaftlich noch auf der symbolischen Ebene wird über eine
Neuverteilung der Macht verhandelt. Die Frauen. Und vor allem die Frauen mit
Kindern, die wir nicht mehr Mütter nennen wollen, weil es diese Institution ja
schon längst nicht mehr gibt. Die Frauen mit Kindern also. Die existieren als
Kategorie, nur solange sie Kindergeld beziehen. Danach ist alles ihre eigene
Schuld. Die Mühsal, dass kein Mensch sich über diese Kinder mitfreut. Das
Erlebnis der Ablehnung, dass es diese Kinder gibt und sie sicht- und hörbar
sind. Das ewig anzutreffende Unverständnis, dass Kinder eine eigene Zeitrechnung
brauchen und nicht in die Zeittafeln der Effizienz eingepasst werden können. Die
lebensbegleitende Sorge um diese neuen Personen. Die Freude, wie die Beziehung
zu diesen neuen Personen entsteht und wächst. Das alles bleibt nach den
Rechtsverhältnissen im privaten Raum der Frau mit Kind. So wie die 75 Prozent
vom Lohn. Wie das Drittel weniger Einkommen als junge Akademikerin. Wie all
diese vielen Benachteiligungen im Berufsleben, die sich am Ende unwiderrufbar
zur niedrigeren Pension zusammenfügen. Die Frauen. Die Frauen mit Kindern. Sie
haben ein wunderbares, aber entbehrungsreiches Leben. Manchmal werden sie das
mit einem Partner teilen können. Dann ist das die Leistung dieses Partners, und
wir mögen ihn alle sehr dafür. Die Norm ist das aber nicht. Denn. Die Wünsche
des österreichischen Manns an die Politik sind alle erfüllt. Der Mann. Er kann
öffentlich und anerkannt jede Verantwortung von sich weisen. In der Weise des
Allanspruchs des sehr kleinen Buben bekommt er jeden Raum zugestanden.
Wunderbares Rollenmodell
Das wäre alles noch nicht endgültig schlimm. Es könnte ja immer noch eine
gesellschaftliche Konvention geben, die neben der Politik Verhaltensvorschriften
vermittelt. Der treusorgende Mann, der Verantwortung teilt. Vor allem in den
bekanntlich nicht immer guten Zeiten. Womit die Freude verdoppelt und das Leid
halbiert werden kann. Dieses wunderbare Rollenmodell. Das gibt es nicht. In der
Vernichtung der linken Lebensmodelle wurde dieser zugewandte und mittragende
Mann mitvernichtet. Die postbürgerlichen Modelle taugen schon gar nichts. Ein
Vizekanzler, der hinschmeißt und nicht einmal den Versuch einer
verantwortungsvollen Übergabe unternimmt. So sehen die Wutanfälle des sehr
kleinen Buben dann in groß aus. Männer, die sich aus Europamandaten Rollen wie
in C-Movies der 40er-Jahre basteln und das nicht einmal auf der Seite der Guten
und dabei schlechtes Englisch verwenden. Der österreichische Mann hat seine
Wünsche erfüllt und damit alles verloren. Es gibt keinen Grund mehr für ihn. Er
kann ja nicht einmal mehr irgendeine Rolle spielen. Er selbst hat die
Gesellschaftlichkeit abgeschafft, die ihm irgendeine und hoffentlich neue Rolle
ermöglicht hätte. Weil es nun aber gar nichts mehr gibt, kann auch nichts Neues
entwickelt werden.
Deshalb reden wir gleich wieder nur über die Frauen. Hier. In Österreich. Sie
müssen diese Selbstabschaffung des Manns leben. Das ist bitter. Alles, was da
bleibt, sind Kirchen- und Medienlügen von der Liebe und vom Leben. Und deshalb
in Lebensentscheidungen. Da kann nur die äußerste Härte das Leben absichern.
Also. Privatrechtliche Absicherung. Verträge schließen. Versorgung und Vorsorge
voranstellen. Planen. Klug und kalt planen. Wenn der Staat keinen geschützten
Raum für die Lebensgestaltung Familie durch Vesorgungsansprüche zur Verfügung
stellen will, dann muss das von jeder einzelnen Frau hergestellt werden. Sie als
Einzelperson muss die Antwort auf die Frage geben, ob sie sich zumutet, mit
diesem Staat ein Kind zu bekommen und damit die Chance, im Alter zu verarmen,
deutlich zu vergrößern.
Damit wird ja auch ihre Chance vergrößert, einmal in einem möglichst billigen
Altersheim dieses Stück Muttertagstorte essen zu müssen, das zur Jause serviert
wird. Zum Dank. Für die Mütter. Und ein Schulchor singt ein paar Lieder. Die
Torte kann nicht einmal gleich gegessen werden und muss auch hier noch durch
vorgetäuschte Gefühle verdient werden.
Der österreichische Mann ist nun aber auch vom Kampf entbunden. Der
österreichische Mann hat auch das Ziel aus den 70er-Jahren erreicht. Er kann
machen, was und wie er will. Der Staat wurde zum Hausvater gemacht und hat die
männlichen Aufgaben übernommen. Die Frauen leisten sie. Müssen sie leisten, wenn
sie ein Leben haben wollen.
Der österreichische Mann hat alles erreicht. Seine Lasten und Verpflichtungen
sind hinter den Rechtsverhältnissen verschwunden. Er muss nichts mehr von sich
verlangen. Er kann nicht mehr ausgebeutet werden und muss nicht mehr kämpfen.
Die Auflösung jedes Männlichkeitskonzepts kommt von rechts. Das passt mit der
Herkunft der Vorstellung des entbundenen Mannes des Nationalsozialismus
zusammen. Aber. Eine Verdrehung der Macht der Geschlechter findet genau in
dieser Auflösung statt. Die Frauen werden es lernen. Bis sich das wiederum
niederschlägt, steigt Männlichkeit ab. Auf der Repräsentationsebene geht es den
Männern schon recht elend, wenn sie in der Werbung ihr Innenleben mit Bier
reinigen, mit den Seelen baumeln oder Frucadeflaschen durch Erniedrigung
erwerben. So ging es den Frauen mit ihrem Bild in den 60er- und 70er-Jahren. Wir
haben uns gewehrt und neue Lebensentwürfe entwickelt. Den Männern hierzulande
ist das Geld geblieben und die Macht. Damit lässt sich nur Prostitution kaufen.
Und welche will das. Ohne Vertrauen. Ohne Fürsorge. Ohne Liebe. Denn. Alle
Männer haben es akzeptiert. Es ist uns kein Mann aufgefallen, der gesagt hätte,
dass er sich das alles mit seiner Partnerin oder seinem Partner ausmachen will.
Stillschweigend wurde der alte Familienvater an den Staat abgegeben und keine
neue Form versucht. Am Ende ist es doch allen lieber, die Verantwortung abgeben
zu können und ein kleiner Bub bleiben zu können.
Fortsetzung folgt: www.marlenestreeruwitz.at
(DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.5.2011)
Marlene Streeruwitz, geboren in Baden bei Wien, studierte Slawistik und
Kunstgeschichte und arbeitete als freie Texterin und Journalistin.
Literarische
Veröffentlichungen ab 1986. Sie lebt als freiberufliche Autorin und
Regisseurin
in Wien, Berlin, London und New York. Zuletzt erschien von ihr "Das wird
mir
alles nicht passieren. Wie bleibe ich FeministIn". (Fischer-Verlag,
2010)