Eine Stadt benennt sich nach einem Saft - The Show must go on

6. Mai 2011, 19:01
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Die Stadt Altoona in Pennsylvania heißt derzeit "Pom Wonderful Presents The Greatest Movie Ever Sold". Filmemacher Morgan Spurlock ("Super Size Me") will so auf die Allgegenwart der Werbung aufmerksam machen

Bill Schirf muss noch üben, ohne Spickzettel geht es nicht. "Ich bin der Bürgermeister von Pom Wonderful ...", sagt der Grauschopf, gerät ins Stocken und setzt ein zweites Mal an. "Ich bin der Bürgermeister von Pom Wonderful Presents The Greatest Movie Ever Sold."

Sein Rathaus lässt mit einem imposanten Uhrenturm an die Blütezeit vor hundert Jahren denken, als in der Stadt, einer Eisenbahnmetropole, der angeblich größte Lokschuppen der Welt eingeweiht wurde. Nur kam natürlich niemand auf die Idee, sie "Pom Wunderbar präsentiert den tollsten Film, der jemals verkauft wurde" zu nennen. Das Kino war noch nicht erfunden, als die Pennsylvania Railroad das Appalachendorf Altoona groß werden ließ.

Präsident Barack Obama versuchte sich hier auf einer Kegelbahn, als er im Wahlkampf Volksnähe beweisen wollte. Verglichen mit Hollywood liegt Altoona mit seinem Malochermilieu auf einem anderen Stern. Nun aber heißt es wie dieser Zungenbrecher, der automatisch an Hollywood denken lässt. Für sechzig Tage verkauft Altoona seine Namensrechte an Morgan Spurlock, einen Filmemacher, der gern provoziert wie Michael Moore.

Spurlock ist ungefähr halb so alt wie der weißhaarige Bürgermeister, aber deutlich bekannter. Vor Jahren hat er sich einen Monat lang nur bei McDonald's ernährt. Aus dem Experiment entstand der Film Super Size Me, eine Dokumentation zu Fettleibigkeit. Nun nimmt Spurlock die Werbebranche aufs Korn.

Die Idee, sagte er dem Standard, kam ihm, als er mit einem Freund über die Allgegenwart greller Reklametafeln sprach. "Wo immer du hingehst, will dir jemand etwas verkaufen. Wäre es nicht Zeit, das mal zum Thema zu machen?" Der besondere Dreh: Die 1,5 Millionen Dollar, die er für den Film brauchte, holte sich der Regisseur von Unternehmen, die viel Geld in die Werbung stecken.

Daher trägt er jetzt einen Anzug mit Aufnähern, der an einen Formel-1-Rennfahrer denken lässt. In Bauchnabelhöhe trägt er das Logo einer Fruchtsaftmarke namens Pom Wonderful, links oben den Schriftzug einer Fluglinie, rechts oben den einer Hotelkette. Insgesamt 22 Logos. Das Zwergpony, das er an einer Leine über den roten Teppich zieht, steht als spezieller Gag für "Mane 'n Tail", eine Haarwäsche für Pferde. Die Saftfirma aus Kalifornien, spezialisiert auf zuckersüße Granatapfelgetränke, gab dafür eine Million Dollar, weshalb sie sich zum Beispiel im neuen Namenszug Altoonas verewigen darf.

Die filmische Parodie handelt im Wesentlichen davon, wie Spurlock skeptische Manager bezirzt, bis die ihm einen Scheck für einen Streifen über die Exzesse der Vermarktung ausstellen.

Hollywood-Größen wie Quentin Tarantino erzählen, wie geschickt die Industrie ihre Produkte platziert. Wenn Schauspieler Auto fahren, spendiert ein Hersteller die Limousine, ohne Geld dafür zu verlangen. Um den Kontrast zum New Yorker Times Square zu betonen, fliegt Spurlock nach Brasilien. São Paulo hat Werbung verbannt, dennoch machen Läden dort ordentlich Umsatz. In den USA habe man jedes Maß verloren, klagt Verbraucherschützer Ralph Nader, einst Kandidat fürs Weiße Haus. "Nur wenn du schläfst, kannst du der Reklame entfliehen."

Spurlock treibt es auf die Spitze, indem er wochenlang immer den gleichen Saft trinkt, das gleiche Duschbad benutzt, bei der gleichen Tankstellenkette tankt. Er redet wie ein guter Verkäufer. Ein Auftritt reichte, und er hatte die Ratsherren Altoonas auf seiner Seite. Dafür kassiert die unterbesetzte Polizei 25.000 Dollar (17.260 Euro) Prämie.

"Wenigstens reden die Leute mal über Altoona", sagt der Bürgermeister. Die Post, beruhigt er aufgebrachte Gemüter, kommt auch dann noch an, wenn der Name der Fruchtsaftmarke nicht auf dem Kuvert steht.

Altoona ist nicht die einzige Stadt in den USA mit einem skurilen Namen. Der bemerkenswerteste Fall betrifft die Kleinstadt Truth or Consequences (TorC) in New Mexico. Die Stadt wurde nach einer prominenten NBC-Radioquizshow benannt. Anfang der 50er Jahre bot NBC an, jährlich eine Folge in jener Stadt produzieren zu lassen, die sich als erstes in "TorC" umtauft. Die Bürger des damaligen Hot Springs stimmten ab - und wählten den neuen Namen. (Frank Herrmann aus Altoona/ DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.5.2011)

 

  • Ein Filmplakat (darauf Filmemacher Morgan Spurlock) für die Premiere von
 "The 
Greatest Movie Ever Sold" in Altoona.
    foto: herrmann

    Ein Filmplakat (darauf Filmemacher Morgan Spurlock) für die Premiere von "The Greatest Movie Ever Sold" in Altoona.

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