Zukunft der Arbeit

Was den Wert der Arbeit bestimmt

6. Mai 2011, 18:07
  • Artikelbild
    vergrößern 500x235
    foto: standard/andy urban

    Wie wir in Zukunft arbeiten werden (v. li.): Moderatorin Karin Bauer (Der Standard), Regina Prehofer (WU Wien), Helene Karmasin (Karmasin Motivforschung), Vera Futter-Mehringer (Novomatic) und Thomas Rihl (Job-Transfair).

Damit sich Arbeit auch lohnt: Beim Symposium "Zukunft der Arbeit / Arbeit der Zukunft" in Wien wurde über Anforderungen und Veränderungen in der Arbeitswelt diskutiert

"Wir brauchen Arbeit aus einem ganz einfachen Grund, nämlich um gesellschaftlich dazuzugehören", sagt Motivforscherin Helene Karmasin. Um Teil der Gesellschaft zu sein, brauche es finanzielles, kulturelles und soziales Kapital, so die Motivforscherin weiter. Ersteres bekommen die Menschen hauptsächlich durch Arbeit. "Was die Gesellschaft als bezahlte Arbeit definiert und wie hoch die Entlohnung ausfällt, hängt stark mit dem Wertegefüge innerhalb der Gesellschaft zusammen." Über die Zukunft der Arbeit und die Arbeit der Zukunft wurde beim gleichnamigen Symposium anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Vereins Job-Transfair am Dienstag im Novomatic Forum in Wien diskutiert.

Viele Berufe mit Zukunftspotenzial finden im gesellschaftlichen Wertegefüge nicht die Anerkennung, die ihnen gebührt, fügt Regina Prehofer, Vizerektorin an der Wirtschaftsuniversität Wien, an. Dazu gehört für sie neben dem Bildungs- und Pflegebereich auch das Handwerk. "Damit diese Berufsgruppen aufgewertet werden, müssten sie besser bezahlt werden, aber auch der gesellschaftliche Nutzen müsste stärker in unser Bewusstsein rücken", erklärt Prehofer.

Abwertung der Pflegeberufe

In diesem Zusammenhang kritisiert Job-Transfair-Geschäftsführer Thomas Rihl die Abwertung der Pflegeberufe durch Vorschläge der Politik, indem beispielsweise Langzeitarbeitslose einfach in die Pflege wechseln sollen. Der Druck auf die Menschen sei in den letzten zehn Jahren immens gestiegen, erklärt er. "In unserer Informationsgesellschaft haben die Leute einen Vorsprung, die über die Informationshoheit verfügen." Rihl forderte daher, nicht alles dem Markt zu überantworten, das funktioniere für den Arbeitsmarkt nicht.

Nikolaus Dimmel, Sozialwissenschafter und Jurist an der Universität Salzburg, sprach in seinem Impulsvortrag am Vormittag von den "Abgehängten", gemeint sind damit die steigende Zahl derer, die mit den gestiegenen Leistungs- und Mobilitätsanforderungen am Arbeitsmarkt nicht mehr mitkommen. Die moderne Arbeitswelt sei durch tiefgreifende, gegenläufige und vielgestaltige Umwälzungen geprägt. Wachsende Lohnungleichheit geht mit dramatischen relativen Bildungsverlusten einher, hielt Dimmel fest. Ungeachtet des Schlagwortes "making work pay" schütze Lohnarbeit für einen merklich wachsenden Anteil unselbstständig Erwerbstätiger nicht mehr vor Armut, lohne sich nicht mehr, ergänzte er.

Die Gehaltsspreizung entstehe vor allem dadurch, dass sich die oberen Ränge untereinander messen und nicht mit den einfachen Arbeitern, erklärte Karmasin. "Früher wurde der Geltungskampf über die Ehre ausgetragen, heute ist es das Geld."

Dass die Arbeit ausreichend Geld abwirft, sei nur ein Anspruch, die Motive, wann Arbeit glücklich macht, seien vielfältig. Selbstverwirklichung habe dabei an Stellenwert gewonnen, ergänzt die Motivforscherin. "Doch unsere Gesellschaft braucht nicht nur Selbstverwirklicher." Sie sieht vor allem drei Gruppen, bei denen die Rahmenbedingungen und Ansprüche verbessert bzw. berücksichtigt werden müssen. "Das sind Frauen, Ältere und die, die schon als Kinder und Jugendliche zu kurz gekommen sind", fügt sie an.

Bescheidenheit keine notwendige Tugend

Novomatic versuche gezielt Mitarbeiter ab 40 zu rekrutieren. "Weil sie Erfahrung und Stabilität mitbringen", begründet Vera Futter-Mehringer, Konzernpersonalchefin und Prokuristin von Novomatic. Das Unternehmen versuche seinen Mitarbeitern eine "Familie zu geben" erklärt sie weiter. Es gehe dabei nicht um einen Eingriff ins Privatleben der Mitarbeiter, sondern darum, dass Mitarbeiter bei Problemen mit der Unterstützung des Unternehmens rechnen dürfen. Dafür brauche es keine großartigen Betriebsvereinbarungen, sondern einen Verhaltenskodex, der das wertschätzende Miteinander fördert.

Bescheidenheit sei für Prehofer keine notwendige Tugend im Beruf. "Weil Frauen ohnehin häufig viel zu bescheiden sind." Viel wichtiger seien der Hausverstand und ein gesundes Selbstvertrauen, sagt Prehofer. Die Bereitschaft zur Veränderung - von geografischer Mobilität über neue Qualifikationen bis zu Branchenwechsel - werde auch in Zukunft weiterhin wichtig sein. "Dafür müssen Unternehmen Weiterbildung auch uneigennütziger anbieten", fügt Prehofer an.

Bildung werde eine wichtige Voraussetzung für die Zukunft, stimmt Karmasin zu. Der Staat müsse aber früher mit der Förderung beginnen und vor allem Geld in diesen Bereich investieren. Gleichzeitig sieht sie eine größer werdende Kluft zwischen gutem und schlechtem Umfeld, in dem Kinder aufwachsen. Verwundern dürfe das nicht. "Man kann sich nicht beklagen, dass es immer weniger gut erzogene und gebildete Jugendliche gibt, und gleichzeitig wird im Fernsehen ein Unterschichtenfernsehen gefördert, das genau das Gegenteil zeigt." (Gudrun Ostermann, DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.5.2011)

Kommentar posten
10 Postings
flotter denker
01
Das sind alles nur Träume

Langfristig bestimmt immer der Markt das Gehaltsniveau. Denn nur wenn diejenigen, für die Leistungen erbracht werden, auch bereit sind, dafür den geforderten Preis zu bezahlen, funktionierts.
Und da schauen wir halt bei Pflege ganz ganz schlecht aus. Das funktioniert nur, wenn diejenigen, die die Leistungen erbringen, verhältnismässig deutlich weniger verdienen, als der Durchschnitt.

sterngucker
 
11
Damit haben Sie überzeugend demonstriert, daß der Markt als Steuerungsmechanismus ungeeignet ist

Vielen Dank, ich hätte es selbst nicht besser vermocht. Soviel Marktwirtschaftskritik hätte ich gerade von Ihnen nicht erwartet.

flotter denker
00
Wie entnehmen Sie das meinem Posting?

Ich sagte, der Markt bestimmt langfristig immer! Auch dann, wenn die Oeffentliche Hand versucht, Dinge am Markt vorbei zu regeln.
Kann natürlich ziemlich lang dauern. Die Sowetunion hat den Markt etwa 70 Jahre lang ignoriert. Kuba mittlerweile über 50 Jahre. Aber irgendwann kommt der Zusammenbruch, wenn man glaubt, es ginge ohne Markt.

gracchus l'ouverture
00
wenn das

so ist, warum gelten diese Marktprinzipien nicht auch anderswo? Z.b. bei Verwaltungsstrafen oder innerhalb von Familien?
Warum nicht bei Infrastrukturen wie z.b. Autobahnen, Bahnen, bei Schulen usw. usf.? Mir scheint, der Markt ist doch etwas "wählerischer" als du annimmst....
Ganz abgesehen davon dass die Begründung deiner Behauptung abwesend ist. (ich unterstelle jetzt dir mal den Gottesbeweis des Kapitalismus, die Annahme des rationalen Nutzenmaximierers)

flotter denker
00
Aber die Prinzipien gelten eh.

Nur kann der Staat es sich leisten, diese eine Weile (manchmal jahrzehntelang) zu ignorieren. Raecht sich aber - frueher oder spaeter

sterngucker
 
00
Sie schreiben, daß dringend benötigte Leistung nicht anständig abgegolten wird, weil der Markt es angeblich so will

Daraus geht klar hervor, daß der Markt als alleiniger Steuermechanismus der gesellschaftlichen Arbeits- und Wohlstandsverteilung unbrauchbar ist.

Minister der Ökomonie
02
Welche Gesellschaft wünscht man sich...

Gesellschaftliche Anerkennung, also "so sein wie alle" oder auch "sozial integriert" sein, wie das noch unsere Eltern und noch einige der gegenwärtig "Jungen" lebten (Meinung der Nachbarn sei wichtiger als eigene Integrität, nur funktionieren damit keiner blöd reden kann, Einsatz um hoch angesehen zu sein,...) verlieren sich zunehmend. Wenn früher die betagte Nachbarin über die Jugend schimpfte war das was anderes, als wenn eine ganze Medienlandschaft über die Jugend herzieht. Ist der Ruf einmal ruiniert... kennen wir ja. Warum sich dann um die Meinung oder die Anerkennung von Menschen scheren, die einen sowieso abgeschrieben haben? Künftige Generationen werden auf ihre Eltern und bisherige Werte schei.en. Zurecht! Und damit auf den Markt.

sandor gjalski
01

falsche antwort setzen 5

ja innerhalb der modernen gesellschaft mag das stimmen das kulturelles und ökonomisches kapital wichtig waren - und die arbeit war wichtig um individualismus im ansätzen zu gewähren dass aber nicht von allen erreicht wurde

jetzt befinden wir uns aber im übergang zur netzwerk struktur und die individuelle selbstverwirklichung wird wichtiger als ökonomische, kuturelle kapital daher bedingungslose grundeinkommen um die arbeitsgesellschaft samt ihren institutionen die nur eine pseudo-individualisierung ermöglichen in der man von der arbeit abhängig ist - im netzwerk ist man per se individuell und ohne arbeitszwang

Carlos Clementin
31
Bedingungslose ...

.. Idiotie
Kann endlich wer mal die Kommunisten udn Marxisten wieder gegen Osten Schicken und die Mauern aufbauen.
Ihc stelle mich dann als Diktator zur Verfügung, und Plätze in der Stasi zur Überwachung des "Allgemeinen Wohls" sind für ganz "Fleissige" noch frei.
Mehr können Sie für die Gesellschaft nicht tun
Guten Morgen!

Eine vernetzte Gesellschaft - gefangen und ausgebeutet wie Fische im Netz.

Post(er)
11

bin auch für Grundeinkommen, aber nur dann, wenn man eine bestimmte Anzahl von Berufsjahren hat und das Grundeinkommen nicht zu hoch ist (geringer als Mindestpension). Das sollte dann sowohl kulturell, als auch finanziell machbar sein. Aber ... das Feudalsystem lässt grüßen.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.