Was den Wert der Arbeit bestimmt

6. Mai 2011, 18:07
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Damit sich Arbeit auch lohnt: Beim Symposium "Zukunft der Arbeit / Arbeit der Zukunft" in Wien wurde über Anforderungen und Veränderungen in der Arbeitswelt diskutiert

"Wir brauchen Arbeit aus einem ganz einfachen Grund, nämlich um gesellschaftlich dazuzugehören", sagt Motivforscherin Helene Karmasin. Um Teil der Gesellschaft zu sein, brauche es finanzielles, kulturelles und soziales Kapital, so die Motivforscherin weiter. Ersteres bekommen die Menschen hauptsächlich durch Arbeit. "Was die Gesellschaft als bezahlte Arbeit definiert und wie hoch die Entlohnung ausfällt, hängt stark mit dem Wertegefüge innerhalb der Gesellschaft zusammen." Über die Zukunft der Arbeit und die Arbeit der Zukunft wurde beim gleichnamigen Symposium anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Vereins Job-Transfair am Dienstag im Novomatic Forum in Wien diskutiert.

Viele Berufe mit Zukunftspotenzial finden im gesellschaftlichen Wertegefüge nicht die Anerkennung, die ihnen gebührt, fügt Regina Prehofer, Vizerektorin an der Wirtschaftsuniversität Wien, an. Dazu gehört für sie neben dem Bildungs- und Pflegebereich auch das Handwerk. "Damit diese Berufsgruppen aufgewertet werden, müssten sie besser bezahlt werden, aber auch der gesellschaftliche Nutzen müsste stärker in unser Bewusstsein rücken", erklärt Prehofer.

Abwertung der Pflegeberufe

In diesem Zusammenhang kritisiert Job-Transfair-Geschäftsführer Thomas Rihl die Abwertung der Pflegeberufe durch Vorschläge der Politik, indem beispielsweise Langzeitarbeitslose einfach in die Pflege wechseln sollen. Der Druck auf die Menschen sei in den letzten zehn Jahren immens gestiegen, erklärt er. "In unserer Informationsgesellschaft haben die Leute einen Vorsprung, die über die Informationshoheit verfügen." Rihl forderte daher, nicht alles dem Markt zu überantworten, das funktioniere für den Arbeitsmarkt nicht.

Nikolaus Dimmel, Sozialwissenschafter und Jurist an der Universität Salzburg, sprach in seinem Impulsvortrag am Vormittag von den "Abgehängten", gemeint sind damit die steigende Zahl derer, die mit den gestiegenen Leistungs- und Mobilitätsanforderungen am Arbeitsmarkt nicht mehr mitkommen. Die moderne Arbeitswelt sei durch tiefgreifende, gegenläufige und vielgestaltige Umwälzungen geprägt. Wachsende Lohnungleichheit geht mit dramatischen relativen Bildungsverlusten einher, hielt Dimmel fest. Ungeachtet des Schlagwortes "making work pay" schütze Lohnarbeit für einen merklich wachsenden Anteil unselbstständig Erwerbstätiger nicht mehr vor Armut, lohne sich nicht mehr, ergänzte er.

Die Gehaltsspreizung entstehe vor allem dadurch, dass sich die oberen Ränge untereinander messen und nicht mit den einfachen Arbeitern, erklärte Karmasin. "Früher wurde der Geltungskampf über die Ehre ausgetragen, heute ist es das Geld."

Dass die Arbeit ausreichend Geld abwirft, sei nur ein Anspruch, die Motive, wann Arbeit glücklich macht, seien vielfältig. Selbstverwirklichung habe dabei an Stellenwert gewonnen, ergänzt die Motivforscherin. "Doch unsere Gesellschaft braucht nicht nur Selbstverwirklicher." Sie sieht vor allem drei Gruppen, bei denen die Rahmenbedingungen und Ansprüche verbessert bzw. berücksichtigt werden müssen. "Das sind Frauen, Ältere und die, die schon als Kinder und Jugendliche zu kurz gekommen sind", fügt sie an.

Bescheidenheit keine notwendige Tugend

Novomatic versuche gezielt Mitarbeiter ab 40 zu rekrutieren. "Weil sie Erfahrung und Stabilität mitbringen", begründet Vera Futter-Mehringer, Konzernpersonalchefin und Prokuristin von Novomatic. Das Unternehmen versuche seinen Mitarbeitern eine "Familie zu geben" erklärt sie weiter. Es gehe dabei nicht um einen Eingriff ins Privatleben der Mitarbeiter, sondern darum, dass Mitarbeiter bei Problemen mit der Unterstützung des Unternehmens rechnen dürfen. Dafür brauche es keine großartigen Betriebsvereinbarungen, sondern einen Verhaltenskodex, der das wertschätzende Miteinander fördert.

Bescheidenheit sei für Prehofer keine notwendige Tugend im Beruf. "Weil Frauen ohnehin häufig viel zu bescheiden sind." Viel wichtiger seien der Hausverstand und ein gesundes Selbstvertrauen, sagt Prehofer. Die Bereitschaft zur Veränderung - von geografischer Mobilität über neue Qualifikationen bis zu Branchenwechsel - werde auch in Zukunft weiterhin wichtig sein. "Dafür müssen Unternehmen Weiterbildung auch uneigennütziger anbieten", fügt Prehofer an.

Bildung werde eine wichtige Voraussetzung für die Zukunft, stimmt Karmasin zu. Der Staat müsse aber früher mit der Förderung beginnen und vor allem Geld in diesen Bereich investieren. Gleichzeitig sieht sie eine größer werdende Kluft zwischen gutem und schlechtem Umfeld, in dem Kinder aufwachsen. Verwundern dürfe das nicht. "Man kann sich nicht beklagen, dass es immer weniger gut erzogene und gebildete Jugendliche gibt, und gleichzeitig wird im Fernsehen ein Unterschichtenfernsehen gefördert, das genau das Gegenteil zeigt." (Gudrun Ostermann, DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.5.2011)

  • Wie wir in Zukunft arbeiten werden (v. li.): Moderatorin Karin Bauer (Der Standard), Regina Prehofer (WU Wien), Helene Karmasin (Karmasin Motivforschung), Vera Futter-Mehringer (Novomatic) und Thomas Rihl (Job-Transfair).
    foto: standard/andy urban

    Wie wir in Zukunft arbeiten werden (v. li.): Moderatorin Karin Bauer (Der Standard), Regina Prehofer (WU Wien), Helene Karmasin (Karmasin Motivforschung), Vera Futter-Mehringer (Novomatic) und Thomas Rihl (Job-Transfair).

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