Schuhplatteln am Teich

  • Radikalisierung Richtung Lady Gaga: Gustav am Popfest Wien.
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    foto: apa / herbert pfarrhofer

    Radikalisierung Richtung Lady Gaga: Gustav am Popfest Wien.

Man muss nicht immer den Rappel- und Zappelkönig James Brown nachahmen, um funky zu sein: Skero, S.K. Invitational und Gustav

...  spielten zur Eröffnung des zweiten Wiener Popfests am Karlsplatz auf.

Wien - Ein Volksfest beginnt am besten mit einem Tusch, um sich dann ordentlich zu steigern. Am lautesten krachen lassen können es dabei die Volkshelden. Der Linzer Rapper Skero ist in Sachen danubischer Volksheld den Weg des Willi Resetarits gegangen. Aus dem Genossen Wilhelm mit seinem Engagement unter anderem bei den politischen Linksauslegern Schmetterlinge wurde einst als leiwander Zeitausgleich der Ostbahn-Kurti.

Auch Skero musste sich im Vorjahr nach eineinhalb Jahrzehnten als halbbekannter Rapper der sozial und politisch engagierten HipHop-Crew Texta von seinen Kollegen einiges Gematschkere bezüglich "Ausverkauf" anhören. Er ging solo mit seinem Album Memoiren eines Riesen und dem österreichischen Welthit Kabinenparty den Weg in die Landdiskos. Im autonomen Linzer Jugendzentrum Kapu, der biografischen Heimat Skeros, wiegt das ähnlich schwer, als würde man dem bewaffneten Arm der ÖVP, also einer Goldhaubengruppe, beitreten.

Zum Start des zweiten Wiener Popfests am Karlsplatz begeisterte Skero die Tausendschaften angereister junger Leute mit Variationen seiner Memoiren eines Riesen. Gemeinsam mit der Wiener Funkband S.K. Invitational gab der dürre Hüne am Ende nicht nur eine Massenkaraokeversion der Kabinenparty zum Besten. Zuvor stellte er unter Beweis, dass man auch funky sein kann, ohne den Rappel- und Zappelkönig James Brown nachzuahmen. Gemma Voigas? Easy, Oida, nur net hudeln. Hudeln, der neue Weltmeister-Song für ein 2012 geplantes nächste Soloalbum, beweist mit umgekehrten Düsenantrieb auf Turbopolkabasis, dass man in der Raserei des Alltags Widerstand leisten kann. Man bringt sich selbst zum Stillstand.

Danach ging Eva Jantschitsch alias Gustav nach längerer Live-Pause in Wien musikalisch interessanterweise den umgekehrten Weg. Anstatt alte Protestsongklassiker oder wenigstens den Protestsong ironischer verhandelnde Beschwerdelieder in den alten Bandarrangements nachzustellen - wie das streng unter Artenschutz und Anführungszeichen stehende Lied Rettet die Wale (und stürzt das System) - radikalisierte sie sich mit neuen Stücken Richtung Lady Gaga.

Gustav behielt dabei aber immer Übermutter Laurie Anderson als Haupteinflussquelle ihrer Musik im Visier. Mit militanten Eurodance-Beats und Quietschenten-Gesangseffekten marschierte sie in der Großraumdisco ein. Und forderte den dortigen DJ mit Laptop im Anschlag auf, sofort alte Stücke von Philip Glass auf die Tanzfläche zu blasen. Das Publikum reagierte enthusiastisch.

Auf der Bühne verschränkte man Robot-Dance mit Schuhplatteln. Das Popfest geht in der Nacht zum Sonntag zu Ende. Dieser Auftritt wird bleiben. (Christian Schachinger/ DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.5.2011)

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