Arbeiten in der Dunkelheit

10. Mai 2011, 13:04
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In einem Dunkelrestaurant in Wien haben sehbehinderte Mitarbeiter Sehenden etwas voraus

"Schau was du fühlst, wenn du nichts siehst" ist an der Wand des Noir, einem Dunkelrestaurant in Wien, zu lesen. Eine Botschaft für die sehenden Gäste bevor sie sich auf das absolute Dunkel einlassen. Das Besondere an dem Konzept ist, dass die Mitarbeiter dort vorwiegend Menschen mit Seheinschränkungen sind. Für Sehende wäre es schwer sich in völliger Dunkelheit perfekt um die Kundschaft zu kümmern - sie hören, merken, tasten schlechter.

Arbeiten ohne Licht

Wie füllt die Servicekraft exakt ein Viertel Rot ins Glas? Das ist eine der Fragen, die die des Sehsinns entledigten Gäste oft beschäftigt. Wie Arbeiten ohne Licht funktioniert, weiß Kellner und Gäste-Guide Harald Hasler ganz genau. Er hat vor Jahren sein Augenlicht beinahe ganz verloren und hat im Restaurant wieder einen Job gefunden. Für ihn ist sein Beruf auch persönliche Mission: "Dass ich Sehende zum Tisch bringen und bedienen kann und sie dadurch ein Stück weit in meine Welt kommen, gefällt mir ganz besonders", erzählt er. 

Er kann sich die kompletten Bestellungen eines Abend merken, wie die Gäste heißen und wo sie sitzen. Der Kontakt funktioniert anders als in anderen Lokalen, wo eher ein knappes "Bitte" und "Danke" einander abwechseln. "Die Sprache ist im Dunkeln das Wichtigste, verbale Kommunikation ist ein Muss. Das ist auch toll für den Gast, denn dadurch steigt der Service", erklärt Geschäftsführer Kevin Möhring. Bei Harald Hasler ist die Praxis so: "Ich erkläre dem Gast wie es am Tisch aussieht, damit er sich orientieren kann. Beim Essen servieren frage ich um seine Hand und gebe ihm vorsichtig den Teller." Umgekehrt stellen die Gäste den Kellnern auch viele Fragen wie sie ohne oder mit wenig Sehkraft den Alltag bewältigen. 

Teamwork ganz direkt

Die Zusammenarbeit mit den sehgehandicapten Kollegen funktioniere gut. Man verständigt sich per Knopf im Ohr über Funk. Die Kollegen fragen sich gegenseitig ganz direkt um Hilfe - falls nötig - denn nonverbal funktioniert es nun einmal nicht. "Wir haben uns schon im Vorfeld viele Gedanken dazu gemacht, denn wir können ja nichts aufschreiben. Deshalb haben wir das Funksystem installiert, das sehr viel erleichtert", erklärt Möhring. Es ist ein Netzwerk zum gegenseitigen Austausch zwischen Restaurantleiter, Guides und der Küche. Zur Arbeitsplatzausstattung gehören auch ein Bonier- und Bestellsystem, das über einen Brailledrucker läuft und ein eigenes Sortiersystem. 

Die baulichen Gegebenheiten wurden gemeinsam mit den Mitarbeitern erarbeitet: Laufwege ohne Hindernisse und Orientierungspunkte waren ein Muss. Auch bei den Arbeitsabläufen haben die Angestellten ein großes Wort mitgesprochen. Sie sind es schließlich, die schnell und sicher arbeiten müssen. Das Rezept für einen reibungslosen Betrieb ist ein Zusammenspiel von Sehenden und Nicht-Sehenden im Team. 

Erfahrungsaustausch im Dunkeln

Möhrung hat schon viel von seinen Mitarbeitern und aus der Dunkelheit gelernt: Mit Sehenden macht der Geschäftsführer daher oft Bewerbungsgespräche im Dunkeln: "Das ist sehr spannend, weil man Menschen sensibler wahrnimmt und nicht auf das Äußere achten kann." Diesen Vorteil nützt in Kooperation mit dem Restaurant auch der Seminaranbieter IT&O. Teilnehmer sollen in absoluter Dunkelheit durch den Wegfall der optischen Reize ihre Sinne schärfen - in Bezug auf Selbstwahrnehmung und Kommunikation. "Im Dunkeln wird schnell klar, wer führt und wer geführt wird", erklärt Anbieter Klaus Schwarz. Mitunter eine emotionale Herausforderung für Teams und Führungskräfte, weil Distanzen ohne Sehsinn manchmal anders wahrgenommen werden.

Sozialer Gedanke

Keine Distanz kennt Möhring zu Menschen mit Handicap: "Unternehmen haben Scheu sich einer Person anzupassen, denn normalerweise muss sich die Person dem Betrieb anpassen. Unser Konzept ist, dass wir uns den Mitarbeitern anpassen." Auch für Aufträge nach außen bevorzugt er Firmen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen. Für Möhring haben seine Mitarbeiter kein Handicap - ganz im Gegenteil: "Ich bin auf ihre Hilfe im Dunkeln angewiesen." (Marietta Türk, derStandard.at, 10.5.2011)

P.S. zum Artikel: Die Auflösung zur Frage wie man den Wein exakt einschenkt: ein so genannter Füllstandsmesser mit akustischem Signal macht es möglich.

  • Das Team des Noir mit Geschäftsführer Kevin Möhring (links hinten), Gäste-Guide Harald Hasler (3.v.l.) und der neuen Restaurantleiterin Martina Sulzenbacher
    foto: derstandard.at/türk

    Das Team des Noir mit Geschäftsführer Kevin Möhring (links hinten), Gäste-Guide Harald Hasler (3.v.l.) und der neuen Restaurantleiterin Martina Sulzenbacher

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