Dunkelrestaurant

Arbeiten in der Dunkelheit

Marietta Türk, 10. Mai 2011, 13:04
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    foto: derstandard.at/türk

    Das Team des Noir mit Geschäftsführer Kevin Möhring (links hinten), Gäste-Guide Harald Hasler (3.v.l.) und der neuen Restaurantleiterin Martina Sulzenbacher

In einem Dunkelrestaurant in Wien haben sehbehinderte Mitarbeiter Sehenden etwas voraus

"Schau was du fühlst, wenn du nichts siehst" ist an der Wand des Noir, einem Dunkelrestaurant in Wien, zu lesen. Eine Botschaft für die sehenden Gäste bevor sie sich auf das absolute Dunkel einlassen. Das Besondere an dem Konzept ist, dass die Mitarbeiter dort vorwiegend Menschen mit Seheinschränkungen sind. Für Sehende wäre es schwer sich in völliger Dunkelheit perfekt um die Kundschaft zu kümmern - sie hören, merken, tasten schlechter.

Arbeiten ohne Licht

Wie füllt die Servicekraft exakt ein Viertel Rot ins Glas? Das ist eine der Fragen, die die des Sehsinns entledigten Gäste oft beschäftigt. Wie Arbeiten ohne Licht funktioniert, weiß Kellner und Gäste-Guide Harald Hasler ganz genau. Er hat vor Jahren sein Augenlicht beinahe ganz verloren und hat im Restaurant wieder einen Job gefunden. Für ihn ist sein Beruf auch persönliche Mission: "Dass ich Sehende zum Tisch bringen und bedienen kann und sie dadurch ein Stück weit in meine Welt kommen, gefällt mir ganz besonders", erzählt er. 

Er kann sich die kompletten Bestellungen eines Abend merken, wie die Gäste heißen und wo sie sitzen. Der Kontakt funktioniert anders als in anderen Lokalen, wo eher ein knappes "Bitte" und "Danke" einander abwechseln. "Die Sprache ist im Dunkeln das Wichtigste, verbale Kommunikation ist ein Muss. Das ist auch toll für den Gast, denn dadurch steigt der Service", erklärt Geschäftsführer Kevin Möhring. Bei Harald Hasler ist die Praxis so: "Ich erkläre dem Gast wie es am Tisch aussieht, damit er sich orientieren kann. Beim Essen servieren frage ich um seine Hand und gebe ihm vorsichtig den Teller." Umgekehrt stellen die Gäste den Kellnern auch viele Fragen wie sie ohne oder mit wenig Sehkraft den Alltag bewältigen. 

Teamwork ganz direkt

Die Zusammenarbeit mit den sehgehandicapten Kollegen funktioniere gut. Man verständigt sich per Knopf im Ohr über Funk. Die Kollegen fragen sich gegenseitig ganz direkt um Hilfe - falls nötig - denn nonverbal funktioniert es nun einmal nicht. "Wir haben uns schon im Vorfeld viele Gedanken dazu gemacht, denn wir können ja nichts aufschreiben. Deshalb haben wir das Funksystem installiert, das sehr viel erleichtert", erklärt Möhring. Es ist ein Netzwerk zum gegenseitigen Austausch zwischen Restaurantleiter, Guides und der Küche. Zur Arbeitsplatzausstattung gehören auch ein Bonier- und Bestellsystem, das über einen Brailledrucker läuft und ein eigenes Sortiersystem. 

Die baulichen Gegebenheiten wurden gemeinsam mit den Mitarbeitern erarbeitet: Laufwege ohne Hindernisse und Orientierungspunkte waren ein Muss. Auch bei den Arbeitsabläufen haben die Angestellten ein großes Wort mitgesprochen. Sie sind es schließlich, die schnell und sicher arbeiten müssen. Das Rezept für einen reibungslosen Betrieb ist ein Zusammenspiel von Sehenden und Nicht-Sehenden im Team. 

Erfahrungsaustausch im Dunkeln

Möhrung hat schon viel von seinen Mitarbeitern und aus der Dunkelheit gelernt: Mit Sehenden macht der Geschäftsführer daher oft Bewerbungsgespräche im Dunkeln: "Das ist sehr spannend, weil man Menschen sensibler wahrnimmt und nicht auf das Äußere achten kann." Diesen Vorteil nützt in Kooperation mit dem Restaurant auch der Seminaranbieter IT&O. Teilnehmer sollen in absoluter Dunkelheit durch den Wegfall der optischen Reize ihre Sinne schärfen - in Bezug auf Selbstwahrnehmung und Kommunikation. "Im Dunkeln wird schnell klar, wer führt und wer geführt wird", erklärt Anbieter Klaus Schwarz. Mitunter eine emotionale Herausforderung für Teams und Führungskräfte, weil Distanzen ohne Sehsinn manchmal anders wahrgenommen werden.

Sozialer Gedanke

Keine Distanz kennt Möhring zu Menschen mit Handicap: "Unternehmen haben Scheu sich einer Person anzupassen, denn normalerweise muss sich die Person dem Betrieb anpassen. Unser Konzept ist, dass wir uns den Mitarbeitern anpassen." Auch für Aufträge nach außen bevorzugt er Firmen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen. Für Möhring haben seine Mitarbeiter kein Handicap - ganz im Gegenteil: "Ich bin auf ihre Hilfe im Dunkeln angewiesen." (Marietta Türk, derStandard.at, 10.5.2011)

P.S. zum Artikel: Die Auflösung zur Frage wie man den Wein exakt einschenkt: ein so genannter Füllstandsmesser mit akustischem Signal macht es möglich.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 41
1 2
Pronoia
01
21.9.2011, 22:05
aus Interesse

ist die Küche eigentlich auch im Dunkeln?

Lenny Leonard
00
11.5.2011, 15:39
Schade,

dass sie dort kein Bier haben.

knievel
01
11.5.2011, 10:51

sich in einem lichtlosen lokal ein glas rotwein bestellen ist schon mutig.
ein auftrag für den weissen riesen :-)

Weinpolter Franz
05
11.5.2011, 00:01
im dunklen wein einschenken

akustischer füllstandsmesser?

einfach den finger leicht ins glas halten und schenken bis er nass ist ;)
mach ich immer so

Smoothies? Obst gehört gebrannt
00
11.5.2011, 12:45

Im Dunkeln wird aus der Flasche getrunken.

Sieht ja eh keiner ;-)

Chukche
01
10.5.2011, 18:56

Ich war in Berlin einmal in einem Dunkeltrestaurant. Es ist wirklich verblüffend: Durch das Rauchverbot und die Dunkelheit hat man tatsächlich ein gesteigertes Aufnahmevermögen für olfaktorische und geschmackliche Reize. Und auch dort war der Service außerordentlich gut und zuvorkommend.

Der Große von Gegenüber
32
11.5.2011, 07:24

waren Sie nicht vielmehr in einem einschlägigen darkroom?

Nothing Hill
01
11.5.2011, 11:12

ach, das war kein lolly, an dem er geschleckt hat ;-)

Chukche
00
11.5.2011, 14:05

Ja ja, Ihr habt gut feixen!

audrey187
02
10.5.2011, 18:06
hahaha, das erinnert mich an...

ich war vor einigen jahren mit meinem mann in einer "dunkel"-bar, wo ausschließlich blinde und seheingeschränkte menschen gearbeitet haben. es war ein unglaubliches erlebnis.
und, weil wir uns gedacht haben, wir sind super, haben wir uns dort, gleich, nachdem ich mein zuckersackerl für den kaffee überall erfolgreich verteilt hatte, leidenschaftlich geküsst. so nach dem motto: sieht eh keiner was.
wieder draußen haben wir uns noch von allen (auch nicht seheingeschränkten) leuten verabschiedet.
allerdings sind wir dann im auto draufgekommen, dass mein lippenstift auf unseren beiden gesichtern recht regelmäßig verteilt war. wie blöd man doch sein kann...

ideeal
02
11.5.2011, 13:03

haben sie sich nach dem verlassen der dunkelheit dann gegenseitig bis ins auto keines blickes mehr gewürdigt? ;-)

audrey187
00
11.5.2011, 22:27
gute frage...

meinem mann ist eine kleinere veränderung an meinem äußeren noch nie wirklich aufgefallen ;-)
und er hat einen vollbart, da sieht mans nicht so gut...

presumption of innocence
00
12.5.2011, 02:01
Osama ist doch nicht tot!

shinkyshonky
00
10.5.2011, 17:23
spannend

werd ich sicher demnaechst mal ausprobieren!

ich erinner mich noch an eine ausstellung vor vielen jahren zum thema blinde, die war (u.a.?) in salzburg u. wien zu erleben, da ist u.a. auch eine bar vorgekommen, war ein "erhellendes" erlebnis.

:)

_eva_
00
11.5.2011, 10:27
Die Ausstellung heißt Dialog im Dunkeln

Gibts immer noch bzw. wieder, nämlich auf der Freyung.
Google weiß mehr - "Dialog im Dunkeln Wien"
Dinner im Dunkeln wird dort auch angeboten.

Hui Buh
00
11.5.2011, 01:38
Ja, ich erinnere mich auch daran,

war irgendwann in den 90ern im NHM. Spannend, beeindruckend und aufregend. Kann mich aber an den Titel nicht mehr erinnern. Wäre toll, das mal zu wiederholen.

_eva_
00
11.5.2011, 10:34
sag ich ja

Dialog im Dunkeln. Im Schottenstift :)

Hui Buh
00
11.5.2011, 12:09
Danke für den Titel!

Damals war es im NHM.Die hohen Fenster des NHM waren mit schwarzen Decken verhüllt.

José Atento
010
10.5.2011, 16:31
Optimal

für ein blind date :)

Bekleidung und Aussehen ist auch egal.

Anna Bolika
00
10.5.2011, 16:26
super und weiter so!!!!

mahtiaivo
212
10.5.2011, 14:58
man ißt nicht nur mit dem Gaumen,

sonder auch mit dem Auge...

außerdem möcht ich gar nicht wissen, was man dort alles auf den Teller geschummelt bekommt "sieht ja eh keiner" ...

Standardabweichung
00
27.9.2011, 11:23

Es geht ja grad darum, einmal vorübergehend den Sehsinn auszuschalten und sich ausschließlich nur auf den Geschmackssinn einzulassen.

Beim letzen Punkt kann ich Ihnen nicht helfen. Das kann Ihnen in jedem Restaurant passieren. Wenn Sie paranoid sind, sollten Sie sich am besten nur noch aus dem eigenen Garten ernähren.

presumption of innocence
01
12.5.2011, 02:02
Ich esse mit dem Mund

skaldjur
10
11.5.2011, 10:52

ich kann sie zwar nicht sehen, aber ich bin mir sicher, sie sind eine grottenhässliche figur

KhalilG
 
00
10.5.2011, 23:15

das menü wird vorher, im hellen, laut speisekarte ausgesucht, und das bekommt man auch.
es ist schon ein besonderes erlebnis, wenn das auge nichts sieht wird der geschmack und geruchssinn stärker.
bei fiel mir auf das nach einiger zeit sich in meinem kopf der raum gebildet hatte an dem ich mich orientieren konnte, was besteck, tasse oder glas betraf, sehr erstaunlich. man sieht wirklich nichts, gar nichts. so finster ist es nicht mal in der nacht.

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