"Lässt man locker, hat man verloren"

6. Mai 2011, 17:31
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Rastloser 68er geht anlässlich der Magna Racino Spring Tour mit der 14-jährigen Ukinda und dem siebenjährigen C.T. über die Hürden

Standard: Was kann Hugo Simon lernen von den jungen Pferden?

Simon: Man lernt immer von Pferden. Aber dieses Pferd, das Sie jetzt ansprechen, C.T., hat viel, viel Ähnlichkeit mit meinem Toppferd E.T. Vom Aussehen, vom Charakter her. Ich freue mich, dass ich noch einmal so ein Pferd bekommen habe.

Standard: Wann erkennen Sie bei einem Pferd, dass es für die Weltklasse taugt?

Simon: Wenn man die ersten Turniere geht, sieht man, ob es ein Turnierpferd oder nur ein Trainingspferd ist. Man merkt relativ schnell, ob es den Sport möchte oder nicht. Aber ob C.T. für die Weltklasse taugt, muss er erst noch beweisen.

Standard: Kann man Pferden die Liebe zum Sport beibringen?

Simon: Man kann sie ihnen beibringen. Ich will es so vergleichen: Es gibt Menschen, die gerne in die Schule gehen, gerne lernen. Man kann auch anderen Schülern etwas beibringen, aber sie werden es dann nicht so weit bringen.

Standard: Wer ist wichtiger im Team, das Pferd oder der Reiter? Wer kann besser die Fehler des anderen kompensieren?

Simon: Das ist relativ. Es gibt Pferde, die einen Amateurcharakter haben, die auch vieles verzeihen. Und es gibt Pferde, die nichts verzeihen, aber dafür sehr viel Qualität haben.

Standard: Wie oft werden Sie im Racino in diesen drei Wochen antreten?

Simon: Wir sind mit neun Pferden hier. Ich reite Ukinda in der Grand Prix Tour und C.T. in der Youngster Tour. Neunmal komme ich insgesamt dran. Die anderen Pferde übernimmt mein Bereiter.

Standard: Was ist der Unterschied zwischen Ukinda, mit der Sie 2007 den Grand Prix in Wien gewonnen haben, und C.T.?

Simon: Ukinda ist ein springgewaltiges Pferd, die einfach von ihrer Größe und ihrer Sprungkraft lebt. C.T. lebt von seiner Intelligenz und seiner Schnellkraft.

Standard: Wie viele Tage gibt es im Jahr, an denen Sie nicht auf dem Pferd sitzen?

Simon: Genügend. Ich reite nur Turniere. Ich hab so 'ne Nebenbeschäftigung, man nennt das Geldverdienen.

Standard: Ist Ihre Präsenz im Sport nach wie vor wichtig fürs Geschäft?

Simon: Nein. Ich bin ja Immobilienhändler, der Handelsstall ist mehr Hobby.

Standard: Wie viele Pferde haben Sie in Ihrem Leben schon verkauft?

Simon: Das kann ich gar nicht beantworten. Jedenfalls genügend.

Standard: Wenn man ein Pferd verkauft, ist da auch ein bisschen Schmerz dabei?

Simon: Meine Toppferde, die ich auf Turnieren geritten habe, die habe ich immer behalten. Die hatten mit den Handelspferden nichts zu tun. E.T und Apricot stehen noch auf der Weide. Gladstone, Flipper und Lavendel hatten auch das Gnadenbrot.

Standard: Sind Sie je außerhalb des Parcours geritten? Hat Sie Wanderreiten interessiert?

Simon: Interessiert schon, aber dafür hatte ich nie die Zeit. Ich bin froh, wenn ich Zeit habe, meine Turnierpferde zu reiten.

Standard: Ist Olympia, WM oder EM für Sie noch ein Thema?

Simon: Championate kommen nicht mehr infrage. Die Vorbereitung nimmt zu viel Zeit in Anspruch. Auf sechs Olympischen Spielen war ich ja.

Standard: C.T. ist sieben Jahre alt, Sie sind 68. Wann kommt C.T. ins beste Alter?

Simon: Ins beste Alter kommen sie normal mit zehn. E.T. hat aber schon mit acht ein Derby gewonnen, C.T. ist auch frühreif. Weil er diese Qualität hat, glaube ich, dass er früh in den besseren Sport kommt. Ich werde versuchen, ihn aufzubauen für größere Sachen.

Standard: Spürt ein Pferd, wenn es gewinnt?

Simon: Ja. C.T. ist ein Sieger, es gibt Sieger und andere Pferde.

Standard: Das heißt, einem Pferd ist auch bewusst, dass ein Wettkampf ist?

Simon: Hundertprozentig. Wenn die Pferde oft genug mitgereist sind, und man lässt sie einmal zu Hause, dann wollen sie mit, die wollen den Sport.

Standard: Wann sind Sie zuletzt vom Pferd gefallen?

Simon: Im Jänner in Zürich, wo ich Dritter im Großen Preis war, da hat Ukinda im Weltcup schneller gedreht, als ich wollte, und da bin ich zur Seite runtergerutscht.

Standard: Haben Sie sich auch schwerer verletzt?

Simon: Vor ein paar Jahren die Schulter. Aber da bin ich runtergefallen, auf den Beinen gelandet, bin weitergelaufen gegen die Bande. Aber das war kein Sturz in dem Sinn, eher wie ein Fahrradunfall.

Standard: Haben Sie in Ihrer Karriere je Rücktrittsgedanken gehabt?

Simon: Mein Gedankengang ist in jeder Beziehung immer vorwärts, an rückwärts denke ich nie.

Standard: Kennen Sie Kollegen in Ihrem Alter, die den Sport noch auf diesem Niveau ausüben?

Simon: Hat es noch nie gegeben. Es ist ja unglaublich, ich bin mit 68 auf ein Fünf-Sterne-Turnier gereist. Und da im Großen Preis Dritter zu werden, das ist schon eine sehr große Leistung. Aber das geht nur, weil mir der liebe Gott so eine Gesundheit gegeben hat.

Standard: Das Reiten hängt ja weniger mit Kraft zusammen als mit Gefühl. Entwickelt sich das Gefühl nach wie vor weiter?

Simon: Wichtig ist, dass die Reflexe da sind, sonst geht es nicht. Und dass man körperlich beweglich ist. In dem Alter, in dem ich bin, sind viele Menschen schon nicht mehr beweglich. Ich habe auch das Glück, dass ich nicht so groß bin. Ich tu aber auch viel dafür, dass ich beweglich bleibe. Ich geh jeden Morgen um Viertel vor Sechs schwimmen. Es hängt auch viel mit Willenskraft zusammen. Wenn man einmal locker lässt, hat man schon verloren. (Benno Zelsacher, DER STANDARD Printausgabe, 7./8. Mai 2011)

Hugo Simon (68), Sohn eines Pferdehändlers aus Weisenheim am Sand, Hessen, nahm 1972 die österreichische Staatsbürgerschaft an, um bei Olympia in München reiten zu können. Er wurde wie auch 1996 in Atlanta Vierter. 1992 in Barcelona gewann er mit der Mannschaft Silber. Weltcupsieger 1979, 1996, 1997.

Am 4. Mai begann in Frank Stronachs Magna Racino die Spring Tour, am 23. Mai wird sie finalisiert. An den drei Sonntagen gibt es jeweils einen Grand Prix, der ist wie vier weitere Weltranglistenspringen mit 32.000 Euro dotiert. Insgesamt sind 814 Pferde aus 32 Ländern gemeldet, die Gesamtdotation der Tour beträgt 312. 000 Euro.

Es gibt Bewerbe für Profis und in allerlei Nachwuchskategorien. Im GP sind die Hindernisse 1,60 Meter hoch, die Siebenjährigen beispielsweise, die noch in Ausbildung stehen, haben 1,30 Meter zu überwinden. Die Pferde sind drei Wochen lang auf der Anlage, zu futtern gibt's 20 Tonnen Karotten, 60 Tonnen Kraftfutter und 120 Tonnen Heu.

  • Der ewige Hugo Simon und seine neue große Hoffnung, der Holsteiner 
Wallach C.T., der mit dem pensionierten E.T. zwar nicht verwandt, ihm 
aber doch sehr ähnlich ist.
    foto: manfred leitgeb

    Der ewige Hugo Simon und seine neue große Hoffnung, der Holsteiner Wallach C.T., der mit dem pensionierten E.T. zwar nicht verwandt, ihm aber doch sehr ähnlich ist.

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