Lebenshunger, Worthunger

6. Mai 2011, 17:41
posten

"Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel": Ein Band mit Herta Müllers beeindruckenden Reden und Essays

"Ich war ein Treppenwitz und mein Büro ein Taschentuch", erzählt Herta Müller 2009 in ihrer Nobelpreisrede. Wie in all ihren literarischen Äußerungen spricht sie aus ihrer Erfahrung in der rumänischen Diktatur und konzentriert sie in starken Worten, die ins Schwarze treffen.

Als Landkind war sie in die Stadt zum Studium gekommen, hatte sich mit den jungen Dichtern der "Aktionsgruppe Banat" angefreundet und war damit ins Visier der Securitate geraten. Als ein Geheimdienstler sie anwerben wollte, erteilte sie ihm eine Abfuhr. "Wir ersäufen dich im Fluss", sagte er und damit begann eine Unzeit der Unterdrückung, Demütigung, Einschüchterung.

Ihres Büros in der Traktorenfabrik wurde sie verwiesen, bei den anderen als Spitzel denunziert, und ihre Übersetzungen musste sie im Stiegenhaus, auf einem Taschentuch sitzend, machen. Der Treppe geht sie in der ihr eigenen sprachlichen Gründlichkeit auf den Grund der Wörter - die erste Stufe heißt Antritt, die letzte Austritt -, und mit dem Taschentuch, das sie an eine tägliche Frage der Mutter erinnert, beginnt sie eines ihrer Motivnetze zu knüpfen.

Es ist die bewundernswerte Leistung von Herta Müller, derartige Zustände, persönliche und gesellschaftliche, in einer ebenso klaren wie bildhaften Sprache zu schildern und zugleich beides, Zustände und Sprache, zu reflektieren.

Nun legt sie ihre gesammelten Reden und Essays der letzten Jahre vor, unter einem Titel ganz in ihrer Handschrift: Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel. Eine äußerst interessante Zusammenstellung ihrer Poetikvorlesungen und Vorträge, Dankesworte und Aufsätze über Kollegen (Blecher, Fuchs, Cioran, Kramer), ihrer essayistischen Berichte über Oskar Pastior und der Geschichte ihrer Verfolgung, die mit Ende des Ceauºescu-Regimes keineswegs aufgehört hat. All dies ergibt eine ausdrucksreiche, tiefgreifende Vorstellung, aus welchen Bedingungen ihre Literatur ersteht, welchen Anschauungen sie geschuldet und verpflichtet ist.

Immer wieder kommt sie auf die Grundpfeiler des Lebensbogens zurück, mit harten wie mit poetischen Worten: "Beim Kühehüten im Tal sah ich ja jeden Abend, wie sich der Himmel rötet und herunterkommt und das Gras frisst, wenn es dunkel wird, bis er den Tag geschluckt hat. Dann war alles leergefressen und schwarz."

Dort auf der Treppe hat ihr Schreiben begonnen. "Ich reagierte auf die Todesangst mit Lebenshunger. Der war ein Worthunger. Nur der Wortwirbel konnte meinen Zustand fassen." Das Taschentuch gibt einen jener sinnbildhaften Zusammenhänge, die Herta Müller durch ihre Sprachkunst zieht, mit denen sie einen hineinzieht.

In der Dankrede zum Hasenclever-Preis schildert sie einen anderen Anstoß ihres Schreibens, den Tod des Vaters, der bei der SS gewesen war. Es schneite "taschentuchgroße Fetzen", "ich schaute nur noch auf den Boden, sah meine Schuhe beim Gehen und ging doch ohne Füße, als hätten die Augen Schuhe an. Im Schneeflattern war mir klar, dieser Sterbetag schmeißt mit den Fetzen meiner Kindheit um sich." Und ein Taschentuch ist ein Leitmotiv in dem meisterlichen Roman Atemschaukel, in dem Herta Müller die Erfahrungen Oskar Pastiors im sowjetischen Lager verarbeitete (das gemeinsame Vorgehen dabei erzählt sie in ihrer Zürcher Poetikvorlesung 2007).

Überhaupt Oskar Pastior. Genau geht sie auf seine Literatur ein und schließlich in dem bislang unveröffentlichten Aber immer geschwiegen auf die Enthüllungen nach seinem Tod, dass er Informant der Securitate war. Hier findet sie, trotz aller Wut und Enttäuschung, tiefe Worte der tiefen Trauer.

"Er sagte, die Sprache sei ihm im Lager zerbrochen. Heute weiß ich, Pastior ist die Sprache nicht nur einmal, sondern noch ein zweites Mal zerbrochen."

Prägnant bringt Herta Müller zur Sprache, nicht ohne Freiheiten des Zweifelns zu lassen. Die "vielleicht kürzeste Form", die Tage in der Diktatur zu beschreiben: "Private Feigheit bis zur Selbstzerstörung, staatliche Kontrolle bis zur Zerrüttung des Individuums." Literatur vermöge nichts zu ändern, aber sie könne "durch Sprache eine Wahrheit erfinden, die zeigt, was in und um uns herum passiert, wenn die Werte entgleisen."

Dazu schaut die Nobelpreisträgerin genau hin.

Beeindruckend, welche Eindrücke sie vermittelt, welche Reflexionen sie bietet. Wie sie feststellt, dass aus ihrer Erfahrung betrachtet in Elias Canettis Masse und Macht nichts stimme - es sei denn, man setze für "Masse" immer "Macht". Bedrückend das Unentrinnbare des Totalitarismus: wie der Arm der Securitate bis ins Jahr 2008 reicht, was eine so oft verweigerte Akteneinsicht dann zutage bringt, welch ungute Rolle die Banater Landsmannschaft in Deutschland spielt.

In ihrer Klagenfurter Rede betonte Herta Müller 2004: "Literatur ist ein fades Wort. Der Literatur bin ich keinen Satz schuldig, sondern dem Erlebten. Mir selber und mir allein, weil ich das, was mich umgibt, sagen können will." Es sei möglichst vielen Menschen gesagt. (Klaus Zeyringer/ DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.5.2011)

  • Herta Müller, "Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel". € 20, 50
 / 
251 Seiten. Hanser, München 2011
    foto: hanser

    Herta Müller, "Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel". € 20, 50 / 251 Seiten. Hanser, München 2011

Share if you care.