Lehrergewerkschafter Kimberger fordert "effektivere Erziehungsmittel" und eine Neuverteilung der Lebensarbeitszeit für Lehrer
In der Pflichtschullehrergewerkschaft gab es einen Wechsel an der Spitze: der 43-jährige Oberösterreicher Paul Kimberger folgt auf Walter Riegler. Er wird bei den Verhandlungen um das neue Lehrerdienstrecht mit SPÖ-Bildungsministerin Claudia Schmied die Forderungen der Pflichtschullehrer vertreten. Warum er sich gegen eine Erhöhung der Lehrerarbeitszeit ausspricht, sich aber vorstellen kann, eine "Lebensarbeitszeitmodell", das über die Jahre flexibel gestaltet wird, zu entwickeln, sagt er im Interview mit derStandard.at. Kimberger fordert außerdem mehr Entlastung für die Lehrer in Erziehungsfragen. Wenn Schüler Spielregeln verletzen, sollen sie ihre Fehler in Form von Sozialdienst wieder gut machen.
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derStandard.at: Sie sind gestern mit 97 Prozent zum neuen Vorsitzenden der Pflichtschullehrergewerkschafter gewählt worden. Mit welchen Forderungen starten Sie Ihre Amtszeit?
Kimberger: Wir müssen ein attraktives, modernes Dienstrecht mit deutlich höheren Einstiegsgehältern und einer gleichbleibenden Arbeitszeit basteln. Im Moment bin ich nicht für eine Erhöhung der Lehrer-Arbeitszeit, wie sie von verschiedenen Seiten gefordert wird, zu haben. Außerdem brauchen wir moderne, zeitgemäße Arbeitsplätze in den Schulen, da haben wir höchsten Handlungsbedarf. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass ich mir eine längere Anwesenheit von LehrerInnen an den Schulen nicht vorstellen kann.
Weiters geht es um einen deutlichen Ausbau von Unterstützungssystemen. Wir brauchen mehr Schulpsychologen, Betreuungslehrer und Sozialarbeiter. Wir müssen Werkzeuge in die Hand bekommen, um zum Beispiel die Verhaltensauffälligkeit in den Griff zu bekommen. Da geht meine Forderung auch in Richtung effektiver rechtlicher Interventionsmöglichkeiten, sprich Erziehungsmittel.
derStandard.at: Was kann man sich unter diesen "rechtlichen Interventionsmöglichkeiten" vorstellen?
Kimberger: Im Sport gibt es Spielregeln und es ist ganz klar, wenn ein Spieler ein Foul begeht, wird er sich in erster Linie eine Verwarnung zuziehen. Wenn er sich dann weiterhin nicht an die Spielregeln hält, wird man ihn irgendwann von dem Spiel ausschließen. Das, was im Sport selbstverständlich ist, sollte auch in der Schule selbstverständlich sein. Kinder sollen die Konsequenzen spüren, nämlich die Konsequenzen ihres Handelns. Es geht nicht nur ums Negative, sondern natürlich zu allererst in die positive Richtung. Aber wir haben - zugegebenermaßen einen geringen Prozentsatz - von verhaltensauffälligen Schülern und Schülerinnen in den Klassen. Sie stören die anderen Kinder, gefährden Sicherheit und machen die Unterrichtszeit kaputt.
derStandard.at: Es gibt also derzeit zu wenige Möglichkeiten für Lehrer einzugreifen?
Kimberger: Letztendlich gibt es einige Möglichkeiten im Schulunterrichtsgesetz, aber die reichen bei weitem nicht aus. Wenn sich ein Lehrer von einem Schüler beschimpfen lassen muss - das kommt immer wieder vor - kann der Lehrer nur drauf sagen, wie hast du das gemeint? Das ist für mich etwas zu wenig. Ich kann mir durchaus Maßnahmen bis hin zu leichteren Suspendierungsmöglichkeiten vorstellen. Oder man könnte Kinder mit ihren Erziehungsberechtigten etwa zu einer sogenannten Wiedergutmachung heranziehen.
derStandard.at: Eine Wiedergutmachung wäre zum Beispiel Sozialdienst zu leisten?
Kimberger: Sozialdienst wäre eine Beispiel, da wäre einiges vorstellbar. Vielleicht auch eine finanzielle Gutmachung, wenn wirklich etwas in der Schule zerstört wird, das dann wiederherzustellen ist.
derStandard.at: Wie viele Kinder in den Schulen sind verhaltensauffällig?
Kimberger: Man kann von fünf Prozent sprechen, Tendenz steigend.
derStandard.at: Ist die Zahl in den letzten Jahren gestiegen?
Kimberger: Ich würde nicht sagen, dass es unbedingt quantitativ eine Steigerung gegeben hat, aber qualitativ. Gewalt an Schulen ist ein Thema und die Verhaltensauffälligkeiten werden deutlich mehr. Das hat auch damit zu tun, dass die Schule sehr viele Aufgaben übernimmt, die früher eigentlich das Elternhaus geleistet hat.
Wir müssen uns mit dieser Situation auseinandersetzen. Weil wir so viele Aufgaben in die Schulen hereinbekommen, geht das natürlich auf Kosten anderer Aufgaben, wie Unterricht oder Wissensvermittlung. Das muss uns allen klar sein. Weil wir Erziehung und grundlegende Dinge wie Sozialisierung permanent nachholen muss.
derStandard.at: Was sagt Ministerin Schmied zu diesen Forderungen?
Kimberger: Ich habe die Bildungsministerin mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass das Erziehungsthema ein ganz brennendes ist, sie hat es zur Kenntnis genommen. Ein Angebot von Seite des Dienstgebers ist mir bis jetzt nicht bekannt, aber wir werden weiterhin rechtssichere Interventionsmöglichkeiten und effektive Erziehungsmittel einfordern.
derStandard.at: Die Verhandlungen für das neue Lehrerdienstrecht sind schon gestartet. Was empfangen Sie bisher für Signale von Schmied?
Kimberger: Das Gesprächsklima ist im Moment ein sehr gutes und ein sehr konstruktives. In der ersten Verhandlungsrunde haben natürlich beide Seiten, nämlich einerseits das Ministerium und andererseits die Lehrergewerkschaften, ihre Vorstellungen, Forderungen, und Rahmenbedingungen präsentiert. Es wurde ein ungefährer Fahrplan festgelegt. Die verschiedenen Bereiche müssen jetzt abgearbeitet werden. Von meiner Seite kann ich sagen, dass ich die Verhandlungen wirklich ernst nehme und ich werde alles dazu tun, dass wir ein gutes Ergebnis bekommen: nämlich ein modernes, attraktives Lehrerdienstrecht. Das ganze muss so attraktiv sein, dass wir in den nächsten Jahren sehr, sehr viele junge Lehrer in den Schuldienst hereinbekommen. Wir werden sie nämlich brauchen.
derStandard.at: Zur Lehrerarbeitszeit haben Sie vorgeschlagen ein flexibleres Arbeitszeitmodell zu entwickeln. Wie kann man sich das vorstellen?
Kimberger: Wir sollten über ein Lebensarbeitszeitmodell nachdenken. Das heißt, die Lebensarbeitszeit muss natürlich gleich bleiben, aber man könnte Sie anders gewichten. In jüngeren Jahren, wenn noch mehr Kraft da ist, könnte man durchaus eine höhere Lehrverpflichtung fahren, wenn es Richtung Pensionsalter geht, könnte man diese Unterrichtsverpflichtung abflachen, Stichwort Gleitpension, Stichwort Altersteilzeit.
derStandard.at: Was ist denn das Schöne am Lehrerberuf?
Kimberger: Es ist ein sehr positiver Beruf. Lehrer beschäftigen sich mit dem wertvollsten Gut, das wir in unserer Gesellschaft haben. Das sind unsere Kinder bzw. ist das die Zukunft unserer Kinder. Es gibt ja eine fälschliche Meinung: viele glauben, dass die großen Industriekapitäne massiven Einfluss auf unsere Welt, auf unsere Gesellschaft haben. Ich sage: den größten Einfluss auf die Formung und Heranbildung von Menschen haben Lehrer. Sie prägen Kinder, das wirkt sich dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig, siebzig Jahre aus. Die Verantwortung ist eine ganz große. Das ist das schönste an diesem Beruf.
derStandard.at: Dennoch werden die Lehrer in der Öffentlichkeit oft angegriffen, wie geht man damit um?
Kimberger: Ich glaube, dass wir mit konstruktiver Kritik sehr gut umgehen können, was ich aber ablehne, sind immer wieder die Klischees, die kommen, und eine sehr destruktive Kritik. Man sollte den Lehrerberuf wirklich sachlich analysieren: was kann die Schule leisten, was kann sie nicht leisten? Dass die Diskussion in manchen Medien, vor allem in den kleinformatigen, unter die Gürtellinie abgleitet, ist sehr bedauerlich und sollte eigentlich nicht passieren.
derStandard.at: Sie sind mehr als 15 Jahre jünger als Ihr Vorgänger Walter Riegler, auch bei den AHS-Gewerkschaftern hat es vergangenen Herbst mit dem neuen Vorsitzenden Eckehard Quin eine Verjüngung gegeben. Kann man von einem Generationenwechsel bei den Lehrergewerkschaftern sprechen?
Kimberger: Ich glaube schon, dass es sich hier um einen Generationenwechsel handelt, um einen ganz deutlichen. Ich denke, dass dieser Generationenwechsel insgesamt auch sehr gut über die Bühne gegangen ist, ich kann dem sehr viel Positives abgewinnen.
derStandard.at: Die Lehrer-Gewerkschafter haben ein Aussitzer- und Betonierer-Image. Mit welchen Eigenschaften wollen Sie Ihre Ziele durchsetzen?
Kimberger: Ich bin sehr oft gefragt worden, was ich zum Stichwort Beton zu sagen habe. Das ist ein moderner, sehr variabel einsetzbarer Baustoff, mehr kann ich mit dem Stichwort Beton nicht anfangen. In Oberösterreich habe ich den Ruf, nicht ein Verhinderer, sondern ein Macher zu sein. Und ich gehe pragmatisch, ziel- und lösungsorientiert an die Sache heran. Es kann natürlich auch passieren, dass von mir das Wort "Nein" kommt. Aber man muss sich dann auch den Gegenvorschlag anhören, der - das kann ich Ihnen versprechen - immer sehr konstruktiv und lösungsorientiert sein wird. Wofür ich nicht zu haben bin, ist eine Reform der Reform willen, sondern es muss etwas Gescheites, etwas Vernünftiges herausschauen. Ich gehe mit drei Dingen an die verschiedenen Herausforderungen heran: Das ist Vernunft, Augenmaß und - was mir ganz wichtig ist - Hausverstand.
derStandard.at: Wie wichtig ist Fritz Neugebauer in den Verhandlungen für die Gewerkschafter?
Kimberger: Letztendlich wird sich Fritz Neugebauer immer wieder in verschiedene Beratungen einbringen, er hat in der Gewerkschaft öffentlicher Dienst die Gesamtverantwortung, aber fachlich und sachlich werden wir das Lehrerdienstrecht autonom verhandeln. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 6.5.2011)
PAUL KIMBERGER (43) hat
das Hauptschullehramt in Mathematik, Sport und Informatik. Er begann
1991 zu unterrichten, seit 1994 engagiert er sich in der
Gewerkschaft. 2006 hat er den Vorsitz der oberösterreichischen
Lehrergewerkschaft übernommen, nun wurde er mit 97 Prozent zum österreichweiten Vorsitzenden der Pflichtschullehrer gewählt. Er folgt Walter Riegler nach, der weiterhin neben Kimberger das neue Lehrerdienstrecht als Vermittler zwischen den einzelnen Lehrergewerkschaftern verhandeln wird.