Minderheiten misstrauen Protestbewegung

6. Mai 2011, 11:53
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Regime schürt Ängste der Christen und Alawiten vor der Muslimbrüderschaft

Damaskus - Syriens religiöse und ethnische Minderheiten stehen der gegenwärtigen Protestbewegung gegen die Diktatur der laizistischen Baath-Partei von Präsident Bashar al-Assad mit großem Misstrauen gegenüber. Das ist kein Wunder, denkt man an die schrecklichen Geschehnisse im benachbarten Irak nach der US-Militärintervention und dem Sturz des Baath-Machthabers Saddam Hussein ...

In der griechisch-katholischen Kathedrale von Damaskus betet der Priester Elias Debii in prunkvollem Ornat vor rund 250 Gläubigen: "Möge der Allmächtige unseren Präsidenten, unsere Regierung und unser Volk in der Krise beschützen! Lasset uns beten, dass wir Syrer ein einziges Herz und ein einziger Geist seien." Diese Sonntagspredigt ist Ausdruck der Haltung der meisten Christen in Syrien, die den Sturz des - von Angehörigen der alawitischen Minorität gelenkten - autoritären Regimes befürchten, wenngleich sie sich durchaus dessen Liberalisierung wünschen.

Christen loben Assad

"Die Situation der Christen in Syrien ist heute ausgezeichnet, gerade im Bereich der Religionsfreiheit, dank unserem Präsidenten!", versichert der 36-jährige Staatsbeamte Samer Chamout. "Politische Ambitionen liegen uns fern, wir haben keine Machtansprüche, wir wollen nur in Ruhe und Frieden mit unseren muslimischen Brüdern zusammenleben", sagt der 53-jährige Optiker Imad Layyouss in Damaskus.

"Natürlich wollen auch wir Christen mehr Freiheit, in diesem Sinn fühlen wir uns den liberalen Protestierenden nahe, aber an erster Stelle steht doch unsere Sicherheit", sagt ein christlicher Geschäftsmann in Damaskus, der nicht namentlich genannt werden will. Was die eineinhalb Millionen syrischen Christen am meisten ängstigt, ist eine mögliche Wiederholung des "irakischen Alptraums".

"Schauen sie sich doch nur den Irak an, wo unsere Glaubensbrüder unter Saddam Hussein ungestört und ohne Bedrohung leben konnten", betont der 63-jährige Fremdenführer Michel Channiss. "Und was haben sie (die Iraker) jetzt? ... Die Salafisten und Al-Kaida." Die Lage der christlichen Bevölkerungsteile im Irak hat sich seit dem Sturz des Baath-Regimes dramatisch verschlechtert. Seit der US-Invasion 2003 wurden zahlreiche Geistliche ermordet, wie der entführte chaldäisch-katholische Erzbischof von Mossul, Paulos Faraj Rahho, dessen Leiche auf einer Müllhalde gefunden wurde. Zahlreiche Kirchen wurden niedergebrannt, viele Christen ermordet.

Regime schürt Ängste

Syriens Baath-Regime unternimmt auch alles, um die Initiatoren der Protestbewegung mit gefährlichen, intoleranten Fanatikern gleichzusetzen, die Regierungspropaganda verweist auf Losungen wie jene in einem Youtube-Video "Die Christen und die Alawiten in die Gräber!" Ein angebliches Strategiepapier der syrischen Polizei empfiehlt ausdrücklich, den christlichen und drusischen Minderheiten Angst vor der Muslimbrüderschaft zu machen, um sie davon abzuhalten, sich an regierungsfeindlichen Protesten zu beteiligen (derStandard.at berichtete)

"Hier sind wir zum Glück weder im Irak noch in Ägypten. Unsere Situation ist eine gänzlich andere", unterstreicht die 33-jährige christliche Kommunikationsexpertin Roula Yaziji. Auch die 27-jährige Kauffrau Carine Khoury, Tochter eines Christen und einer Alawitin, fühlt sich dem Assad-Regime innig verbunden und zu Dank verpflichtet: "Unter ihm fühlen wir uns in Sicherheit."

Rund 90 Prozent der Syrer sind Araber, der Rest Kurden, Armenier, Tscherkessen, Türken und Turkmenen. Hinzu kommen eine halbe Million palästinensische Flüchtlinge. Knapp 75 Prozent der Bevölkerung sind Sunniten. Die zahlenmäßig wichtigsten religiösen Minderheiten sind die Alawiten und die Christen, unter denen die Griechisch- und Syrisch-orthodoxen die größten Gemeinden stellen. Der Islam ist nicht wie anderen arabischen Ländern Staatsreligion, die Verfassung garantiert Religionsfreiheit und freie Religionsausübung. (red/APA)

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