Die Vertreibung aus einem Paradies

6. Mai 2011, 16:58
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Die Hinteralm im oberen Mürztal ist auch in der hüttenlosen Zeit ein sehr lohnendes Ziel

Zu Kaisers Zeiten war die Hinteralm im oberen Mürztal streng geschütztes Jagdgebiet, in dem man von Bergwanderern nichts wissen wollte. Bis in die heutige Zeit sind die Jagdsperren in dieser Region besonders lang. Nun ist die Wiener-Lehrer-Hütte, ein besonders beliebter Stützpunkt, "bis auf weiteres geschlossen", was den Zutritt zu dieser paradiesischen Gegend nicht gerade leichter macht. Trotzdem: Mit genügend Proviant und Getränken im Rucksack sollte auch die "hüttenlose" Zeit kein Hindernis sein, den Gipfeln der herrlichen Hochfläche einen Besuch abzustatten und einer Vertreibung aus diesem Paradies entgegenzuwirken.

Von den leicht erreichbaren Kuppen bietet sich eine herrliche Rundsicht zu Veitsch, Tonion, Gippel und Göller. Zu sehen sind weiters der Hochschwab und viele Erhebungen des Mariazellerlandes. Vom oberen Rand der Klobenwände überblickt man das ausgedehnte Naßköhr, eines der größten Hochmoore der Ostalpen. In diesem baute man im 19. Jahrhundert Torf ab, was sich wegen der hohen Transportkosten nicht rentierte, obgleich die nutzbaren Schichten stellenweise eine Mächtigkeit von acht Metern erreichen. Das Naßköhr wird durch einen unterirdischen Abfluss, den Durchfall, entwässert. Mehrere hundert Meter des Gangsystems sind schon erforscht, Färbeversuche ergaben, dass das Wasser im Tirol - benannt nach einer ehemaligen Siedlung Tiroler Holzfäller - wieder ans Tageslicht tritt.

Das Naßköhr mit insgesamt 21 Moorflächen ist seit einigen Jahren als Ramsar-Schutzgebiet ausgewiesen, vor allem die Capellaro- und die Zerbenwiese gelten als international bedeutende Latschenmoore.

Die Hinteralm aber hat noch wesentlich mehr zu bieten: vor allem eine einmalige Pflanzenwelt mit seltenen Alpenblumen wie Kohlröschen oder Edelweiß. Um diese Zeit trifft man auf sehenswerte Bestände an Petergstamm und Clusiusprimeln. Immer wieder ist dort der Steinadler zu beobachten, angeblich wurde auch der Steinbock angesiedelt. Gämsen sind keine Seltenheit.

Die Tour verlangt einigermaßen gute Kondition, ist aber nicht schwierig. Ein Teil ist nicht markiert, aber leicht zu finden.

Die Route: Von der Brücke in Frein an der Mürz folgt man der roten Markierung, die steil über den Hochriegel zur Höhe führt. Bald nach Erreichen der Hochfläche verlässt man die Markierung nach links und steigt zum längst sichtbaren Gipfel des Roßkogels auf. Gehzeit ab Frein 1½ Stunden. Über freies Almgelände wandert man weiter zum Spielkogel, dort hält man sich südlich und steigt bis zum Rand der Klobenwände ab. Nun geht es ein Stück auf der roten Markierung nach links bis zur unbewirtschafteten Waxenegghütte und dann markierungslos über freies Gelände auf die Hohe Schneid. Ab Roßkogel eine Stunde.

Zurück auf der Anstiegsroute und dann auf Rot weiter zur Wiener-Lehrer-Hütte. Ab Hoher Schneid 1¼ Stunden. Über den Hochriegel geht es in 1¼ Stunden zurück zum Ausgangspunkt. (Bernd Orfer/DER STANDARD/Printausgabe/07.05.2011)

  • Gesamtgehzeit fünf Stunden, Höhendifferenz 900 Meter. Öffnungszeiten der Wiener-Lehrer-Hütte ungewiss. ÖK25V Blatt 4211-Ost (Schneealpe), Maßstab 1:25.000
    grafik: der standard

    Gesamtgehzeit fünf Stunden, Höhendifferenz 900 Meter. Öffnungszeiten der Wiener-Lehrer-Hütte ungewiss. ÖK25V Blatt 4211-Ost (Schneealpe), Maßstab 1:25.000

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