Von der Wackelkandidatin zur Rot-Grün-Verbinderin

5. Mai 2011, 19:30
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Vor der Wiener Wahl galt die Ablöse von Ulli Sima als Umweltstadträtin als so gut wie fix - Doch die grüne Regierungsbeteiligung stärkt ihre Position in der Partei - auch wenn sie weiterhin nur Wohlfühlthemen betreut

Wien - Symbolik und Selbstinszenierung sind Ulli Simas stärkste politische Disziplinen. In Japan passiert ein Atom-Unglück, in Rust erscheint die Umweltstadträtin im leuchtend gelben "Stopp-Mochovce" -Shirt zur Klubklausur der Wiener SP. Kein Liegestuhl, keine Kläranlage, kein Mistkübel wird in Wien in Betrieb genommen, ohne dass Sima Boulevard-wirksam zum Fototermin lädt. Dabei weiß sie auch ganz genau, was sie nicht will: Abdrücken dürfen die Fotografen erst, wenn sie ihre Brille abgenommen hat.

Simas Ressort ist nicht das der großen Würfe, aber das scheint sie nicht weiter zu stören: "Wir können viel für die Lebensqualität in dieser Stadt tun", sagt sie, ob das nun die Gackerl-Sackerl-Kampagne, Blumenschmuck oder die Trinkwasserversorgung ist. Bei Sima ressortieren 7000 Mitarbeiter, etwa die Hälfte davon bei der Müllabfuhr. Weiters ist sie für die Landwirtschaftsbetriebe und den Tierschutz zuständig und führte im Wahljahr den umstrittenen Hundeführschein ein.

Fehlende Hausmacht

Dass die 42-Jährige 2010 politisch "überlebt" hat, hatten ihr die wenigsten zugetraut. Wenn die absolute Mehrheit flöten gehe, stünde sie ganz oben auf der Liste der Ablösekandidaten, tuschelte man im Rathaus. Doch die Grünen bekamen in den Koalitionsverhandlungen nicht das Umwelt-, sondern das Verkehrsressort - und Sima ging als personifizierte Rot-Grün-Verbinderin gestärkt in die neue Legislaturperiode.

Dennoch fehlt ihr in der Partei, in der Gemeinderäte oft schon gemeinsam in den Kindergarten gegangen sind, die Hausmacht. Sima startete ihre politische Karriere als Studentin bei den Grünen, nach ihrem Abschluss in Molekulargenetik arbeitete sie bei Global 2000.

Im Vorfeld der Nationalratswahl 1999 - Sima war auf der grünen Liste auf unwählbarer Stelle gereiht - kam plötzlich der fliegende Wechsel: Sie kandidierte für die SPÖ und zog als deren Umweltsprecherin in den Nationalrat ein. Darunter litt auch ihre Freundschaft zur heutigen Grünen-Bundessprecherin Eva Glawischnig, mit der sie bei Global 2000 zusammengearbeitet hatte. Mittlerweile haben sich die beiden versöhnt, und auch beim Koalitionspartner lobt man die Umweltstadträtin: "Sima ist strukturiert, kommt gut vorbereitet zu Sitzungen und ist zur Selbstkritik fähig", sagt Umweltsprecher Rüdiger Maresch. Da scheint es die Grünen auch nicht zu irritieren, dass Sima ihr ureigenstes Thema Atom besetzt hat.

Familienbande

Es war Bürgermeister Häupl - wie Sima Naturwissenschafter - der sie 2004 vom Parlament ins Rathaus holte. "Lange nachdenken musste ich über sein Angebot nicht", erinnert sich die Stadträtin. Typisch für das Familienunternehmen SPÖ Wien ist freilich, dass es eine private Entscheidung Simas war, die ihr Verhältnis zu Häupl nachhaltig gestört haben soll: 2008 ließ sie sich von Christian Oxonitsch, dem damaligen roten Klubchef, scheiden. Zu ihren Gunsten hatte der nunmehrige Bildungsstadtrat zuvor auf einen Regierungssessel verzichten müssen. Die beiden haben eine siebenjährige Tochter, aus einer früheren Beziehung hat Sima zudem einen 17-jährigen Sohn.

Die politischen und familiären Wurzeln der Wahlwienerin liegen in Kärnten. Dort war ihr Großvater Hans Sima von 1965 bis 1974 roter Landeshauptmann. Der 1972 im Nationalrat eingebrachte Antrag, zweisprachige Ortstafeln aufzustellen, ging unter anderem auf seine Initiative zurück. Zwei Jahre nach dem so genannten Ortstafelsturm trat Hans Sima schließlich zurück. "Dieses Ereignis hat meinen Großvater bis an sein Lebensende geprägt", sagt seine Enkelin.

Aufgewachsen ist Sima unter anderem in England und Luxemburg, wo sie maturierte. "Bei den Ursulinen in Klagenfurt hatte ich immer einen Zweier in Betragen, weil ich zurückgeredet habe" , erinnert sie sich. In der Schule in Luxemburg sei hingegen der kritische Diskurs gefördert worden.

"Gut reden" könne man auch heute im Rathaus mit der Umweltstadträtin, sagt VP-Umweltsprecher Roman Stiftner, der ansonsten aber nicht allzu viel von Sima hält: "Sie ist eine adrette Frau und eine wunderbare Selbstverkäuferin, aber ich vermisse jegliche Substanz." Ihr eigentliches Karriereziel sei das Umweltministerium, mutmaßt Stiftner. In der SPÖ wird sie freilich von kaum jemandem als ministrabel eingeschätzt. Dass man die eigene Karriere nicht nur mit Wohlfühlthemen befördern kann, weiß Sima jedenfalls: "Politisch punkten kann man nur mit kontroversiellen Themen."(Bettina Fernsebner-Kokert, Andrea Heigl, DER STANDARD; Printausgabe, 6.5.2011)

  • Gackerl-Sackerl, Mistkübel und Blumenschmuck: Wiens Umweltstadträtin 
Ulli Sima ist gern für die Wohlfühlthemen zuständig. Für die VP macht 
sie das zu einer "Selbstverkäuferin"  ohne Substanz, während die Grünen 
Sima loben - obwohl sie ihnen auch das Anti-Atom-Thema erfolgreich 
abgegraben hat.
    foto: der standard/corn

    Gackerl-Sackerl, Mistkübel und Blumenschmuck: Wiens Umweltstadträtin Ulli Sima ist gern für die Wohlfühlthemen zuständig. Für die VP macht sie das zu einer "Selbstverkäuferin" ohne Substanz, während die Grünen Sima loben - obwohl sie ihnen auch das Anti-Atom-Thema erfolgreich abgegraben hat.

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