Österreichs Verband will dem Rückfall des Nationalteams mit Strukturänderung begegnen - Wiener NHL-Scout gehen Talente ab, die Sprung ins Ausland wagen
Achtung, Achtung! "Der österreichische Eishockeyverband überlegt, seine
Strukturen zu verändern." Also sprach am Donnerstag Dieter Kalt, der
nämlichem Verband (ÖEHV) als Präsident vorsteht. Eine Consulting-Firma
wurde mit Bestandsaufnahme und Evaluierung beauftragt, der ÖEHV will
sich neu positionieren. Change Management nennt man das wohl, wir tun
etwas, tönt dieses Instrument, wir wollen nicht, dass es so weiterläuft.
So, das sind drei klare Vorrundenniederlagen und der drohende Abstieg
bei der WM in der Slowakei.
Am Donnerstag begann die Relegation mit 2:7 (0:3, 0:2, 2:2) gegen Weißrussland. Gegen Slowenien (Samstag, 12.15) und Lettland (Sonntag, 20.15) setzt sie sich fort. Slowenien, das die Letten 5:2 schlug, ist klar zu favorisieren, das Lettland-Spiel könnte schon bedeutungslos sein.
Ob eine Strukturänderung im ÖEHV, die frühestens 2012 greifen würde,
groß etwas bewirken kann, bleibt abzuwarten. Derweil hofft Kalt, dass
die WM auch an den Funktionären der Liga-Vereine nicht spurlos
vorbeigeht. "Vielleicht fällt ihnen auf, wie viele Tore Österreich bei
dieser WM erzielt hat. Und vielleicht schauen sie sich dann die
Torschützenliste der Liga an." Dort dominieren die Legionäre, von denen
die Klubs nach Meinung des Verbands jedes Jahr zu viele einsetzen. Unter
den zehn besten Liga-Scorern rangieren nur drei Teamstürmer, Michael
Raffl (4.), Thomas Koch (7.) und Manuel Latusa (9.).
Der Wiener Bernd Freimüller ist seit 13 Jahren für den NHL-Klub Atlanta
Thrashers als Scout tätig. Freimüller war früher Journalist und
WEV-Berater, war immer schon Eishockeyfreak. Nach dem Vorhangfall
besuchte er selbst unterklassige Partien und Nachwuchsspiele im
ehemaligen Ostblock, auf einer dieser Reisen traf er den Scoutingchef
Atlantas, der ihn vom Fleck weg verpflichtete. Freimüller hat für das
Spiel und die Spieler ein Auge wie kaum jemand sonst. Österreichs
Misserfolgslauf hat ihn, der allen 16 Teams zusah, nicht überrascht.
"Ich habe 15 A-Nationen gesehen und eine B-Nation."
Kein Vorwurf an die Spieler
Die B-Nation ist Österreich. "Damit müssen wir uns abfinden", sagt
Freimüller. "Das ist auch gar kein Vorwurf an die Spieler, die da sind."
Die Absagen einiger Stützen seien nicht zu verkraften gewesen. Wieso
Österreich insgesamt zurückgefallen ist, wieso andere Länder
vorbeigezogen sind? Freimüller hat mehrere Erklärungen dafür, die vielen
Legionäre in der Liga sind eine, aber nicht die wichtigste. "Österreich
hat nicht das Potenzial, viele Spieler hervorzubringen", sagt
Freimüller. "Aber auch die wenigen, die als Junioren auffallen,
entwickeln sich nicht."
Kaum ein junger Österreicher sei gewillt, sich ein Beispiel zu nehmen an
den aktuellen NHL-Spielern (Vanek, Grabner, Nödl). "Doch wer daheim
bleibt, stagniert. Gute Jugendliche müssen ins Ausland gehen und sich
durchbeißen, auch wenn sie dort eine Zeitlang kaum etwas verdienen." Im
ÖEHV-Team wirkt aktuell Oliver Setzinger vom Schweizer Zweitligisten
Lausanne als einziger Legionär. Andere haben es eine Zeitlang versucht
im Ausland, sind aber mehr oder weniger unverrichteter Dinge wieder
zurückgekehrt. Freimüller: "Viele bringen in der Liga gute Leistungen,
keine Frage, aber sie haben auch ein gutes Leben dort und werden mit
Geld zugeschüttet."
Als Scout, der Talente sucht und bewertet, konzentriert sich Freimüller
nicht mehr auf Tschechien und die Slowakei, deren Nachwuchs nachgelassen
haben, sondern auf Schweden. Dort sieht er, wie die starke Liga von
dänischen und norwegischen Talenten überschwemmt wird. Und im Gegensatz
zu Österreich kann Schweden ein Sprungbrett nach Nordamerika darstellen.
Ohne Legionäre sei es gut möglich, dass sich Österreich bald als
B-Nation etablieren werde.
Ein einziger Österreicher fiel Freimüller zuletzt auf, der 18-jährige
Wiener Konstantin Komarek vom schwedischen Klub Lulea. Dass er nicht im
WM-Aufgebot steht, hat den Scout verwundert. "Geschadet hätte er auch
nicht. Und man hätte dokumentiert, welchen Weg man gehen will." Man, das
bezeichnet in diesem Fall den ÖEHV. Doch der setzt jetzt ohnehin auf
Change Management. (Fritz Neumann aus Kosice, DER STANDARD Printausgabe, 6.5.2011)