Eishockey-Krise in Österreich

A fehlt die Klasse, B fehlt der Mut

Fritz Neumann, 5. Mai 2011, 18:50
  • Artikelbild
    foto: apa

    Eishockey-Verbandschef Dieter Kalt setzt den Hebel bei der Struktur an

Österreichs Verband will dem Rückfall des Nationalteams mit Struktur­änderung begegnen - Wiener NHL-Scout gehen Talente ab, die Sprung ins Ausland wagen

Achtung, Achtung! "Der österreichische Eishockeyverband überlegt, seine Strukturen zu verändern." Also sprach am Donnerstag Dieter Kalt, der nämlichem Verband (ÖEHV) als Präsident vorsteht. Eine Consulting-Firma wurde mit Bestandsaufnahme und Evaluierung beauftragt, der ÖEHV will sich neu positionieren. Change Management nennt man das wohl, wir tun etwas, tönt dieses Instrument, wir wollen nicht, dass es so weiterläuft. So, das sind drei klare Vorrundenniederlagen und der drohende Abstieg bei der WM in der Slowakei.

Am Donnerstag begann die Relegation mit 2:7 (0:3, 0:2, 2:2) gegen Weißrussland. Gegen Slowenien (Samstag, 12.15) und Lettland (Sonntag, 20.15) setzt sie sich fort. Slowenien, das die Letten 5:2 schlug, ist klar zu favorisieren, das Lettland-Spiel könnte schon bedeutungslos sein.

Ob eine Strukturänderung im ÖEHV, die frühestens 2012 greifen würde, groß etwas bewirken kann, bleibt abzuwarten. Derweil hofft Kalt, dass die WM auch an den Funktionären der Liga-Vereine nicht spurlos vorbeigeht. "Vielleicht fällt ihnen auf, wie viele Tore Österreich bei dieser WM erzielt hat. Und vielleicht schauen sie sich dann die Torschützenliste der Liga an." Dort dominieren die Legionäre, von denen die Klubs nach Meinung des Verbands jedes Jahr zu viele einsetzen. Unter den zehn besten Liga-Scorern rangieren nur drei Teamstürmer, Michael Raffl (4.), Thomas Koch (7.) und Manuel Latusa (9.).

Der Wiener Bernd Freimüller ist seit 13 Jahren für den NHL-Klub Atlanta Thrashers als Scout tätig. Freimüller war früher Journalist und WEV-Berater, war immer schon Eishockeyfreak. Nach dem Vorhangfall besuchte er selbst unterklassige Partien und Nachwuchsspiele im ehemaligen Ostblock, auf einer dieser Reisen traf er den Scoutingchef Atlantas, der ihn vom Fleck weg verpflichtete. Freimüller hat für das Spiel und die Spieler ein Auge wie kaum jemand sonst. Österreichs Misserfolgslauf hat ihn, der allen 16 Teams zusah, nicht überrascht. "Ich habe 15 A-Nationen gesehen und eine B-Nation."

Kein Vorwurf an die Spieler

Die B-Nation ist Österreich. "Damit müssen wir uns abfinden", sagt Freimüller. "Das ist auch gar kein Vorwurf an die Spieler, die da sind." Die Absagen einiger Stützen seien nicht zu verkraften gewesen. Wieso Österreich insgesamt zurückgefallen ist, wieso andere Länder vorbeigezogen sind? Freimüller hat mehrere Erklärungen dafür, die vielen Legionäre in der Liga sind eine, aber nicht die wichtigste. "Österreich hat nicht das Potenzial, viele Spieler hervorzubringen", sagt Freimüller. "Aber auch die wenigen, die als Junioren auffallen, entwickeln sich nicht."

Kaum ein junger Österreicher sei gewillt, sich ein Beispiel zu nehmen an den aktuellen NHL-Spielern (Vanek, Grabner, Nödl). "Doch wer daheim bleibt, stagniert. Gute Jugendliche müssen ins Ausland gehen und sich durchbeißen, auch wenn sie dort eine Zeitlang kaum etwas verdienen." Im ÖEHV-Team wirkt aktuell Oliver Setzinger vom Schweizer Zweitligisten Lausanne als einziger Legionär. Andere haben es eine Zeitlang versucht im Ausland, sind aber mehr oder weniger unverrichteter Dinge wieder zurückgekehrt. Freimüller: "Viele bringen in der Liga gute Leistungen, keine Frage, aber sie haben auch ein gutes Leben dort und werden mit Geld zugeschüttet."

Als Scout, der Talente sucht und bewertet, konzentriert sich Freimüller nicht mehr auf Tschechien und die Slowakei, deren Nachwuchs nachgelassen haben, sondern auf Schweden. Dort sieht er, wie die starke Liga von dänischen und norwegischen Talenten überschwemmt wird. Und im Gegensatz zu Österreich kann Schweden ein Sprungbrett nach Nordamerika darstellen. Ohne Legionäre sei es gut möglich, dass sich Österreich bald als B-Nation etablieren werde.

Ein einziger Österreicher fiel Freimüller zuletzt auf, der 18-jährige Wiener Konstantin Komarek vom schwedischen Klub Lulea. Dass er nicht im WM-Aufgebot steht, hat den Scout verwundert. "Geschadet hätte er auch nicht. Und man hätte dokumentiert, welchen Weg man gehen will." Man, das bezeichnet in diesem Fall den ÖEHV. Doch der setzt jetzt ohnehin auf Change Management. (Fritz Neumann aus Kosice, DER STANDARD Printausgabe, 6.5.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 140
1 2 3 4
Dr. Ma-Cho, chin. Wunderheiler(In)
00
10.5.2011, 20:07
Ein einziger Österreicher fiel Freimüller zuletzt auf, der 18-jährige Wiener Konstantin Komarek vom schwedischen Klub Lulea

ist das NDR (neue deutsche rechtschreibung) ??

Horstl Schorschl
00
Ein Ösi Funktionär bzw. Verbandschef wie er im Buche steht...

Solange da überall in allen Sportverbänden Österreichs Gestalten aus dem vorigen Jahrhundert sitzen, werden wir in Österreich nie Verbände haben. Wie alt ist der Man 70 !? Lasst ihn doch seine Pension genießen, der kommt mit den schnellen Entwicklungen der heutigen Zeit doch gar nicht mehr mit.

Die Worthülsen unserer Verbandschefs und Funktionäre kann ich nicht mehr hören. In den Vereinen wird teils echt sehr gute Arbeit gemacht und dann so was, geh bitte.

kernoelpapst
01
10.5.2011, 14:55
Richtig!

Es müssen endlich auch die Funktionärsstrukturen verjüngt werden. Auch dort gibt es Nachwuchs, der es besser kann ...

drno
00

jetzt hat der hr. nödl auch urlaub.
aber in 7 stunden von boston in die slowakei wird eng...

Josh Beckett
00

Ich find am besten bei den Österreich-Spielen sind die "Great Moments"-Einspielungen von den Sternstunden der letzten Jahre

Ziegen Käse
11
off topic

interessante geschichte am rande, mailand steigt in die khl ein...zagreb wurde heuer auch bereits von den russen kontaktiert, somit könnten die vielleicht auch in 1-3 jahren in der khl sein und leipzig soll auch im gespräch sein. notiz am rande, leipzig ist bekanntlich ja auch die neue fussballerheimat von red bull, wird dies somit auch in punkto eishockey so sein? was passiert mit salzburg bzw. mit der ebel?

thaelmann-ernstl
02

wenn ich mir die diskussion so anschau, interessant wer aller schuld ist mittlerweile.
ausländer, wiener, die caps. es fehlen noch freimaurer, bilderberger, div. kreise der us ostküste und die weisen von zion.
bin ich froh, daß die spieler und der trainerstab frei von schuld sind :-)

Ziegen Käse
00

naja, wenn bedenkt wird wie der schmid zu seinem geld gekommen ist, halte ich die theorie der freimaurer schon für möglich....aber israel ist definitiv nicht daran schuld, bis auf vanilleeis kennen die in tel-aviv ja nix anderes.....

Edelpiefke
01
Leider wird Eishockey

nicht auf Ski gespielt.

Ich Bins6
00

interessant...

Gonzalo Gerardo
00

das Gros der werten Poster hier scheint den Artikel nicht ganz gelesen zu haben, den Legiobeißreflex gibts ja schon lange und zugegeben die naheligenste Erklärung aber vll. schenken wir mal dem Experten ein bißchen Vertrauen und darum nochmals seine Worte: Freimüller hat mehrere Erklärungen dafür, die vielen Legionäre in der Liga sind eine, aber nicht die wichtigste. Aber die Axt im Haus erspart halt die Zimmermänner!

im übrigen bin ich auch der Meinung dass es ein Witz ist eine "geheime" Consulting Firma anzuheuern. für das Geld, das zu 99,99% ein "Freunderl" bekommt für ein Konzept das schlussendlich als Alibi dient, könnte man bestimmt einen Fachmann fix anstellen, der sich um die größten Baustellen kümmert. aber die

Ziegen Käse
00

wahrscheinlich wird die beraterfirma ein "freunderl" sein, trotzdem halte ich es für keinen fehler, diesen namen nicht preiszugeben....wir wissen ja alle wie es rennt. wenn es heißen würde das firma xy das macht, dann stehen schon die vereine vor deren matte und versuchen es zu ihren gunsten mit zu beeinflussen....geheimhaltung passt schon....

sicsche
00

Warum sollen die Vereine anklopfen beim Berater? Den Vereinen kann der Verband prinzipiell am A**** vorbeigehen. Die Liga ist eigenständig, wäre ja noch schöner wenn ein nationaler Verband in eine internationale Liga dreinredet.

Der Berater hat doch sowieso nur eine Aufgabe, irgendeinen Quatsch von sich zu geben hauptsache Kalt/Mion/Schramm bleiben auf ihre Sessel picken.

Übrigens geht das Gerücht um:
25 Spieler + 3 Trainer + 2 Physios vs 45 Delegierte in Kosice. Tja der Familienurlaub muss ja schön organisiert sein. Hauptsache jammern es is kein Geld da.

Gonzalo Gerardo
00

ich hab auch nichts gegen die Geheimhaltung, da bin ich ganz bei dir, mir stinkt hingegen die gesamte Vorgehensweise!
Consulter? in diesem Fall mehr als sinnlos und hinausgeschmissenes Geld!

Gonzalo Gerardo
00

sorry, die Axt [...] sollte natürlich den krönenden Abschluss bilden, das ist mir irgendwie hineinformatiert worden ;)

Radlerwahn68
00
Vieleicht

sollte man Bedenken,dass Eishockey einer der kostenintensivsten Sportartenist! Das alleine reduziert schon die Auswahl an Talenten. So einen Verein am Leben zu halten ist ja ein unglaublicher finanzieller Aufwand. Für unser Zwutschkerlland ist jeder Vereinssport nur Beschäftigungstherapy.Oder gibt es irgend einen Verein oder Nationalteam, außer Faustball, der international mithalten kann?

Klappe zu, Lindwurm tot.
00
Unser Fußballnationalteam kann international mithalten?

Seit wann?

Senftube2
00
Faust

nicht fussball
aber ich hab mich am anfang auch verlesen ;)

Senftube2
00
FAUST

Mark Syl
00
hm

das hat wohl nix mit der einwohnerzahl zu tun, gerade im eishockey nicht... an dem kanns net liegen, auch net am faninteresse und auch net an der kohle, ö ist eines der reichsten länder

Tom el chileno
02

American Football?!

der tron
 
00

Stimmt, aber hier gibt's ein paar relevante Unterschiede...jahrelange, konsequente Nachwuchsarbeit, schrittweise Reduktion von Importspielern an Schlüsselpositionen, und der mMn wichtigste Unterschied: Alles Amateure, die den Sport aus reiner Freude und mit Herz betreiben, unbezahlt und neben ihren Jobs! Verweise auf das Interview mit Vikings-QB Gross hier in diesem Theater: http://derstandard.at/129782093... -ich-alles

Tom el chileno
00

genau deshalb hab ich American Football als Beispiel gebracht. Hier wird gezeigt, dass man sehr wohl imstande ist, international mitzuhalten. Aber die Strukturen, die Ausländerquote und die Nachwuchsarbeit müssen eben passen - und das ist der Unterschied! Bspw Norwegen hat es im Eishockey auch vorgemacht, dass es möglich ist!

HornToBeWild
00

Landhockey - da sind wir sogar sehr gut.

Außerdem ist die Größe des Landes nicht entscheidend (siehe Schweiz, Lettland, Norwegen, Slowenien, ...)

ice daisie (i managed my heart away)
03

wenn ich dieses zitat vom setzinger les:

"Wir sind zu schwach, haben zu wenig Talent, zu wenig Willen."

dann frag ich mich, ob tatsächlich der verband, die liga oder was auch immer das problem ist, oder ob sich das problem nicht mit ein paar pfefferoni in popsch leichter lösen ließe.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 140
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.