Nationalratspräsidentin fordert mehr Zivilcourage ein

5. Mai 2011, 17:49
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Bei der traditionellen Gedenkveranstaltung für die Opfer des Holocausts erinnerte Barbara Prammer an die Pflicht zur Selbstverantwortung - Für die Zeitzeugin Ruth Klüger bleibt der "Kern der Sache unbegreiflich"

Wien - Die Selbstbestimmung der Bürger eines Staates führt manchmal zum Fortschritt und zum Guten, manchmal aber ins abgrundtief Böse. Es sind die Unfassbarkeit und Unbegreiflichkeit der Gräuel des Zweiten Weltkriegs, die Ruth Klüger in den Mittelpunkt ihrer Rede bei der heurigen Gedenkveranstaltung gegen Rassismus und Gewalt stellt.

Die Autorin, Literaturwissenschafterin und Überlebende von drei Konzentrationslagern warnte davor, dass man seit der Zeit der NS-Diktatur wisse, dass ein Rechtsstaat nicht unbedingt ein Rechtsstaat bleiben müsse (siehe Im Wortlaut).

Der Holocaust gähne wie ein schwarzes Loch in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, der "Kern der Sache bleibt unbegreiflich". Wirtschaftliche Gründe schieden aus, schließlich hätte es ärmere Länder gegeben. Auch an Unwissenheit könne es nicht gelegen haben, die Täter verfügten über ein relativ hohes Bildungsniveau.

Es bleibe nichts als die Hoffnung, dass "weiteres Forschen, Dichten, Nachdenken und Diskutieren zu einer Erhellung führen möge über unser Tun und Lassen, das heißt, über die Möglichkeiten und Grenzen dieser unserer zwielichtigen, zweideutigen, zwiespältigen menschlichen Freiheit". Mit diesem Satz schloss die in den USA lebende 79-Jährige, die durch ihren autobiografischen Roman weiter leben Weltruhm erlangt hatte.

Befreiung von Mauthausen

Der 5. Mai wird im Parlament seit 1998 als Gedenktag begangen: Es war der Tag, an dem 1945 das Konzentrationslager Mauthausen bei Linz befreit wurde. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer erinnerte in ihrer Rede vor allem an die Pflicht zur Selbstverantwortung. "Es gibt keine Demokratie ohne Demokraten."

In einer freien Gesellschaft zu leben bringe auch die Pflicht mit sich, diese zu verteidigen. Die Antworten auf die Verbrechen der Nationalsozialisten fände man in den Menschenrechten. Die würden aber nicht vor Gleichgültigkeit schützen, "sich selbst schützen die Menschenrechte nicht". Jeder Mensch müsse sich täglich neu die demokratischen Grundsätze vor Augen führen. Prammer wies auf die Instrumentalisierung der Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus hin und warnte vor blindem Gehorsam.

Kritisches Denken

"Jeder Einzelne hat es in der Hand, Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung entgegenzutreten." Nur kritisches Denken und Hinterfragen garantiere friedliches Zusammenleben.

Zu der Gedenkveranstaltung waren viele Mitglieder der Bundesregierung gekommen. Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) fehlte wegen einer Dienstreise nach China, auch sonst war die SPÖ geringer vertreten als die ÖVP-Fraktion. Im historischen Sitzungssaal des Hohen Haus nahmen auch Bundespräsident Heinz Fischer, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, und Rechnungshof-Präsident Josef Moser Platz.

Neben Prammer war auch der Zweite Nationalratspräsident Fritz Neugebauer (ÖVP) anwesend. Der Dritte Präsident Martin Graf (FPÖ), Mitglied der als rechtsextrem bezeichneten Burschenschaft Olympia, fehlte allerdings. Immerhin nahm sein Chef, FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache, an der Gedenkveranstaltung teil. (Saskia Jungnikl, DER STANDARD; Printausgabe, 6.5.2011)

Cremers Photoblog zum Gedenken gegen Rassismus und Gewalt

  • Das Ausmaß des Holocausts sprengte alle Rahmen und Raster: Regierung 
und Abgeordnete gedachten im Parlament der Opfer.
    foto: der standard/cremer

    Das Ausmaß des Holocausts sprengte alle Rahmen und Raster: Regierung und Abgeordnete gedachten im Parlament der Opfer.

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