Geschminkte Aliens im Sinkflug

5. Mai 2011, 17:57
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Rätselhafte Bilderwelten präsentiert der Fotograf Peter Lindbergh in seinem neuesten Kunstprojekt

 Versuch einer Annäherung von Gregor Auenhammer.

Entsetzen, Verwunderung, Faszination. Menschen mit weit aufgerissenen Augen, starr vor Angst, Entsetzen und Neugier. Schreie. Stumme Schreie, Chaos. Menschenmassen, wirr in verschiedene Richtungen fliehend. Zurück, zur Seite blickend in Richtung eines Mysteriums, das unberechenbar am Firmament schwebt.

In Form eines fotografischen Science-Fiction-Dramas erzählt Peter Lindbergh, der Grandseigneur der Modefotografie, von der Landung eines fremdartigen Wesens auf der Erde. In großformatigen Tableaus visualisiert er Metaphorisches, hinterfragt Begrifflichkeiten wie Fremdheit, Bekanntheit, Gleichheit und Uniformität. Die cinematografisch anmutenden Standbilder sind sowohl Skizzen aufgewühlter Innenleben einzelner Individuen als auch eine kritische Bestandsaufnahme einer zerrütteten Gesellschaft. Den Überfluss überfrachteter Bilderwelten hält Lindbergh wie einen Spiegel vor Augen, indem er zitatenreich Kunst, Kultur und Alltagsleben in versponnenen Details reflektiert.

The Unknown nennt Peter Lindbergh, der seit den 80er-Jahren die Modefotografie mit einzigartigen Perspektiven geprägt hat, sein aktuelles Kunstprojekt, das bis Ende Mai in Peking präsentiert wird. Der 1944 in Duisburg Geborene, der Models wie Tatjana Patitz, Helena Christensen, Linda Evangelista, Cindy Crawford, Naomi Campbell und Nadja Auermann zu Ikonen gemacht hat, kehrt mit dieser Serie zu den Wurzeln als Künstler zurück.

Immer schon waren seine Porträts, abseits aalglatter Werbeästhetik, beseelt vom Glauben an selbstständige und emanzipierte Frauen. Inspiriert von Künstlern wie Joseph Kosuth, Lawrence Weiner oder Günther Kirchberger, bei dem er Malerei studiert hatte, Freunden wie Wim Wenders und Karl Lagerfeld sowie Vogue-Chefredakteurinnen Anna Wintour und Franca Sozzani, strebte Lindbergh stets danach, das Individuum zu zeigen: ungeschminkt, authentisch, ehrlich. Die Ästhetik "natürlicher Schönheit", die aus dem Innersten entsteht, macht die Strahlkraft seiner Porträts aus. Im Versuch, körperliche Distanz und emotionale Nähe in Gleichklang zu bringen, ist Lindbergh bis heute meisterhaft. Seine Bilder vermitteln Seele, Atmosphäre und Charakter.

Im akkordierend zur Ausstellung publizierten Bildband erläutert Lindbergh, warum er Schwarz-Weiß zugleich als abstraktes, im Endeffekt aber reales Abbild empfindet, was an Farbe banal ist, warum er seit 2007 mit Digitalkameras arbeitet, die Daten aber mit einer eigens entwickelten Software verfremdet, um die Anmutung analoger Fotos zu erzielen.

The Unknown ist einerseits Retrospektive emblematischer, verborgener Bilder, gleichsam etwas ganz Neues. Anlässlich des Millenniumswechsels hatte Lindbergh begonnen, seine Arbeit zu hinterfragen, sich aus dem Modebusiness weitgehend zurückgezogen und Dokumentarfilme inszeniert. Die in diesem OEuvre präsentierte Mode ist weitgehend Staffage, unterstreicht aber, richtig eingesetzt, Stil und Einzigartigkeit des Einzelnen, oder Gleichförmigkeit und Uniformität.

Etliche Sequenzen sind bereits in Magazinen wie Vogue und Stern erschienen, darunter die berühmte, in der Mojave-Wüste entstandene Serie mit Helena Christensen und einem Alien, oder Milla Jovovich als Lolita. Das Besondere ist die Neuanordnung, die bewusste Unordnung, die abstrahierende Wiederholung, das Wechselspiel von Variation und Repetition, Licht und Schatten.

Einmal mehr erweitert Peter Lindbergh das fotografische Vokabular, ähnlich einem Choreografen dirigiert er seine Protagonisten durch virtuelle Räume, analog modernem Tanztheater. Er zitiert Dadaismus, Konzeptkunst, entwickelt im übertragenen Sinne eine Art visuelle Cut-up-Methode. Möge der Grenzgänger Lindbergh recht behalten, wenn er meint "Das Schöne am Unbekannten ist, dass man nicht weiß, wie es ausgeht".  (DER STANDARD, Printausgabe, 6.5.2011)

  • Peter Lindbergh erweitert, einmal mehr, sein fotografisches Vokabular um bisher Unbekanntes. Er dirigiert seine Protagonisten durch virtuelle Räume, analog zu Choreografien im modernen Tanztheater.
 
 
    foto: peter lindbergh / courtesy schirmer/mosel verlag 2011

    Peter Lindbergh erweitert, einmal mehr, sein fotografisches Vokabular um bisher Unbekanntes. Er dirigiert seine Protagonisten durch virtuelle Räume, analog zu Choreografien im modernen Tanztheater.

     

     

  • Peter Lindbergh: 
"The Unknown: The Chinese Episode". € 51,- / 200 Seiten, 
Schirmer/Mosel 
Verlag 2011.
Die gleichnamige Ausstellung präsentiert bis 20. 5. 2011 das
 Ullens Center for Contemporary Art in Peking/China.
 
 
    foto: schirmer/mosel verlag

    Peter Lindbergh: "The Unknown: The Chinese Episode". € 51,- / 200 Seiten, Schirmer/Mosel Verlag 2011.

    Die gleichnamige Ausstellung präsentiert bis 20. 5. 2011 das Ullens Center for Contemporary Art in Peking/China.

     

     

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