Animalisches Kinoerlebnis

11. Mai 2011, 13:46
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Von poetischen Seepferdchen und schreienden Käfern: Die 57. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen widmeten sich in einer großen Sonderschau dem vielgestaltigen "Kino der Tiere"

Seltsame Schimären zierten in diesem Jahr Festivaldrucksorten und Merchandise. Schwarze Schattenrisse auf weißem Grund, in ihrer Vielgestaltigkeit dem Kurzfilm nicht ganz unähnlich, der in einem Habitat, wie es das Oberhausener Festival seit mehreren Jahrzehnten bietet, unterschiedlichste Formen annehmen und Vermögen ausprägen kann.

Das Kino der Tiere hieß die diesjährige Sonderreihe. Elf Programme mit rund 90 Beiträgen hatten der Biologe Cord Riechelmann und der Filmemacher Marcel Schwierin als Anschauungsmaterial zusammengetragen. Und zwar, um der Frage nachzugehen, was es mit dem Verhältnis von Tier und Kurzfilm auf sich hat. Einem Verhältnis mit langer Geschichte, schließlich ist das Tier bereits untrennbar mit vorfilmischen Formen verbunden: mit der Phasenfotografie von Eadweard Muybridge - der seine Bewegungsstudien mit Pferden begann - oder den Arbeiten von Étienne-Jules Marey und Georges Demeny.

Tiere sind darin (wie in anderen Muybridge-Serien die nackten Menschen) einem wissenschaftlich-technischen Interesse unterworfen. Die Wahrnehmungen, die das neue Medium bald in Großaufnahme, Zeitlupe, Zeitraffer oder mithilfe von allerhand Nach- und Umbauten "natürlicher" Lebensräume ermöglichte, entwickelten aber auch ästhetische Qualitäten. Das wussten nicht zuletzt nachmalige Klassiker des Tierfilms, wie die poetische Unterwasserminiatur L'Hippocampe / Das Seepferdchen (1933) von Jean Painlevé oder Heinz Sielmanns Specht-Beobachtung Zimmerleute des Waldes (1954), für sich zu nutzen.

Von Menschen gemacht

Stärker als um die Auseinandersetzung mit den Apparaturen oder mit der filmischen Form kreiste die Schau jedoch um den Aspekt, dass Filme über Tiere häufig viel (oder sogar mehr) über die Menschen erzählen, die sie machen, über Gesellschaft, wissenschaftliches Erkenntnisinteresse und politische Systeme - nicht immer so beklemmend eingeschrieben wie in einem deutschen "Kulturfilm" von 1938, der für Zyklon-B als effizientes Insektenbekämpfungsmittel wirbt; nicht immer so unfreiwillig komisch wie in einer US-Verhaltensstudie von 1932, in der die Reaktionen eines Schimpansen viel "natürlicher" wirken als jene des gleichaltrigen, perfekt dressierten Babys neben ihm.

Im Einzelnen gab es viel Eindrückliches zu entdecken, zu sehen und zu hören, den Schrei eines Käfers in Chen Sheinbergs Dreiminüter Pirkus (1998) beispielsweise: Das in Großaufnahme auf dem Rücken liegende Insekt spannt seinen Körper immer wieder aufs Äußerste an und stößt dabei Laute aus, die einen erschauern lassen wie die Geräuschkulisse aus einem Horrorfilm.

Im Publikumsgespräch wurde der Filmemacher dann ausführlich über seine Behandlung des Käfers befragt (den nicht er in die missliche Lage gebracht hatte, aus der er ihn nach Abschluss des Drehs dann auch befreite). Das spiegelte das Dilemma wider, dass Fragen nach filmischen Strategien und Traditionen gegenüber inhaltlichen oder moralischen Aspekten des Themas häufig in den Hintergrund rückten. In jedem Fall wurde der Blick fürs Tier im Film geschärft, und die Tiere waren plötzlich auch in den übrigen Festivalsektionen allgegenwärtig.   (Isabella Reicher aus Oberhausen / DER STANDARD, Printausgabe, 12.5.2011)

Der französische Videokünstler Neil Beloufa ist der große Gewinner der 57. Kurzfilmtage Oberhausen. Für seinen 15-Minuten-Farbfilm "Sans titre" (Ohne Titel) bekam der junge Franzose am Dienstagabend den Großen Preis der Stadt Oberhausen und zusätzlich den Preis des NRW-Kulturministeriums. Er nahm damit insgesamt 12.500 Euro Preisgeld mit nach Hause. Der Film behandle auf originelle Weise große Themen wie Macht und Hierarchie, urteilte die Jury, an der auch der österreichische Regisseur Michael Glawogger teilnahm.

Insgesamt wurden bei den Kurzfilmtagen in verschiedenen Wettbewerben 41.000 Euro Preisgelder vergeben, 470 Kurzfilme aus 53 Ländern liefen in fünf Wettbewerben. Mit knapp 17.500 Besuchern kamen seit dem 5. Mai etwas weniger Menschen als im Vorjahr. Festivalleiter Lars Henrik Gass zeigte sich trotzdem zufrieden. 34 der rund 90 Vorstellungen seien ausverkauft gewesen. (APA)

  • Von der Raupe ...
    foto: kurzfilmtage oberhausen

    Von der Raupe ...

  • ... zum Schmetterling, "La chenille de la carotte" von 1911: 
Naturphänomene in Großaufnahme gehörten schon zum Standardrepertoire des 
frühen Kinos.
    foto: kurzfilmtage oberhausen

    ... zum Schmetterling, "La chenille de la carotte" von 1911: Naturphänomene in Großaufnahme gehörten schon zum Standardrepertoire des frühen Kinos.

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