In vertrauter Umgebung entbinden ist in Österreich eher die Ausnahme - Risikoreicher als Spitalsgeburten, sind Hausgeburten nicht
Wer sich heutzutage gegen eine Entbindung im Krankenhaus entscheidet und stattdessen den Nachwuchs in den eigenen vier Wänden auf die Welt bringen will, erntet hierzulande nicht gerade Beifall. Zu groß sei das Risiko und außerdem in der heutigen Zeit der guten Spitalsversorgung auch gar nicht mehr nötig, so der Tenor. Beliebt sind Hausgeburten in Österreich auch nicht wirklich, rund 1,2 Prozent der Kinder werden im Elternhaus geboren.
Heidi Achter, seit mehr als 29 Jahren freiberufliche Hebamme, ist auf die Betreuung von Hausgeburten spezialisiert. Für Achter sind Hausgeburten "das Normale" und kein Risiko. "Untersuchungen belegen, dass geplante Hausgeburten genauso sicher sind wie Spitalsgeburten. Einer Hausgeburt muss daher der gleichberechtigte Platz eingeräumt werden", fordert die langjährige Hebamme. Das gilt allerdings nur, solange die Schwangerschaft normal verläuft. Bei anhaltend regelwidrigen Schwangerschaftsverläufen, einem vorangegangen Kaiserschnitt, Mehrlingsschwangerschaften, bei Quer- und Steißlagen oder vorhersehbaren Komplikationen ist ein Aufenthalt im Krankenhaus unabwendbar.
Maßband statt Ultraschall
Eine Hebamme ist Ansprechpartnerin und Vertrauensperson zugleich. Dabei hat sie nicht nur für die Fragen der werdenden Eltern ein Ohr, sondern auch für die Herztöne des Kindes. Anamnese, Erheben des Gesundheitszustands von Mutter und Kind, durch Abtasten des Bauches, Abhören von Herztönen und Durchführen von Vorsorgeuntersuchungen, gehört ebenfalls zum Aufgabenbereich einer Hebamme. "Bei jeder Visite wird der Körper genau beobachtet", so Achter. Ein Maßband darf daher in keinem Hebammenkoffer fehlen. Denn damit wird Größe und Lage des Kindes gemessen. Anhand standardisierter Tabellen kann dann abgeschätzt werden, ob das Kind zu klein oder zu groß ist. Diese Methode ist laut Achter nicht weniger genau als ein Ultraschall.
Während der Schwangerschaft sind, nach einem ersten Beratungsgespräch, drei bis fünf Schwangerschaftskontrollen vorgesehen. Diese Besuche, meist zuhause bei der Familie, dauern rund eine Stunde, manchmal auch länger. Achter bietet während der Schwangerschaft auch Geburtsvorbereitung in der Gruppe an. Drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin beginnt die Rufbereitschaft der Hebamme. Sie muss dann rund um die Uhr telefonisch erreichbar sein.
Geburt ohne Zeitdruck
Was nicht heißt, dass mit dem ersten Anruf auch gleich die Geburt bevorsteht. "Oft dauert es einen halben Tag bis die Wehen anfangen", erzählt die Hebamme. Zeitdruck möglichst schnell zu gebären, gibt es bei einer Hausgeburt nicht. Auch wehenfördernde und schmerzstillende Medikamente kommen bei einer Hausgeburt nicht zum Einsatz. "Als Hebamme beobachte ich, wie die Frau mit dem Schmerz umgeht, unterstütze sie in ihrer Atmung und helfe ihr sich in den Wehenpausen zu entspannen. Die Geburt ist ja nicht nur Schmerz. Wenn eine Geburt zwanzig Stunden dauert, dann sind in der Regel drei Stunden davon Schmerzen", weiß Achter und erinnert daran, dass während einer Geburt auch Endorphine, körpereigene, morphinähnliche Substanzen und Adrenalin ausgeschüttet werden. "Bei Wassergeburten wirkt das warme Wasser ebenfalls schmerzstillend", ergänzt die Hebamme.
Wassergeburten in der eigenen Badewanne oder in einem aufblasbaren Geburtsbecken sind beliebt. Einen Gebärhocker hat Achter auch immer mit dabei. "Viele Geburten finden auch auf dem Boden im Sitzen, Hocken oder Knien statt. In so einer Position muss die Mutter nicht viel pressen, denn die Schwerkraft hilft mit", berichtet Achter. Der Partner packt ebenfalls mit an. "Der Mann ist nicht nur Zuschauer. Meist muss er die Frau beim Sitzen halten, das erfordert Kraft. Da rennen ihm schon mal die Schweißperlen von der Stirn," so die Hebamme.
Das eigene Heim muss für eine Hausgeburt weder speziell hergerichtet noch übermäßig desinfiziert werden. Plastikfolien für den Boden und das Bett, Einmalunterlagen, alte Lein- und Handtücher, Waschlappen, Mullwindeln werden beispielsweise benötigt. Aber auch fahrbare Heizkörper und ein Heizstrahler für den Wickeltisch sollten bereit stehen, genauso wie heißes Wasser. "Wegen der Hygiene braucht man sich keine Sorgen machen", beruhigt Achter. Sollte es zu Komplikationen kommen, wird die Hausgeburt abgebrochen und sofort ins Krankenhaus gefahren oder in Notfällen der Notarzt verständigt. "Auch bei einer geplanten Hausgeburt muss man den Geburtstermin im Spital melden und die verordneten Untersuchungen während der Schwangerschaft durchführen lassen", so Achter.
Intensive Betreuung hat ihren Preis
Im Anschluss an die Geburt bleibt die Hebamme noch drei bis vier Stunden im Kreis der Familie, untersucht das Neugeborene und die Mutter und unterstützt diese bei den ersten Stillversuchen. Danach stattet sie den Eltern in den nächsten drei Wochen fast täglich einen Besuch ab, um ihnen beim Umgang mit dem Baby weiterzuhelfen.
Diese intensive Betreuung hat ihren Preis. Achter ist Wahlhebamme beim Hebammenzentrum Wien, für eine Hausgeburt inklusive Betreuung während der Schwangerschaft und des Wochenbetts fallen rund 1.600 Euro an Kosten an. Ein Teil der Kosten wird auf Antragstellung von der Krankenkasse refundiert. Suchen sich die Eltern eine Hebamme mit Kassenvertrag aus, übernimmt die Krankenkasse die Kosten.
Wenn es nach Achter geht, die bereits bei mehr als 900 Geburten mitgewirkt hat, sollten Hebammen stärker in das österreichische Gesundheitssystem eingebunden werden. Wie in Holland, wo Hebammen statt niedergelassener Gynäkologen vorrangig für die Betreuung von schwangeren Frauen zuständig sind und die Hausgeburtsrate rund dreißig Prozent beträgt. "Die Frauen kommen dort besser mit der Schwangerschaft und Geburt zurecht. Wo gibt es im Spital mit all den Untersuchungen und Wartezeiten Platz für ein ausführliches Gespräch? Wer fragt, wie's der Frau geht?", fragt Achter abschließend und spart diesbezüglich nicht mit Kritik. (derStandard.at, 05.05.2011)