Ich möchte ein Eisbär sein

5. Mai 2011, 17:11
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Der Klimawandel macht den Eisbären zu schaffen. Grönland wird so grün, wie es schon einmal war, und der Salat gedeiht - mit Ansichtssache

"In Grönland gibt es überall Eisbären", erklärt Mads Nordlund, ein Däne, der diese Insel leidenschaftlich liebt. "Aber zu sehen bekommt man sie nicht - außer man hat Glück." Natürlich will jeder Eisbären sehen. Aber Grönland ist kein Tiergarten und auch kein Supermarkt, und wer von dem Land etwas will, der muss es erst suchen. Dann lässt sich hier vieles finden.

Die Orientierung zum Beispiel, wenn das Flugzeug, gefährlich von Windböen gebeutelt, den Flughafen von Narsarsuaq ansteuert und aus einer weißen Masse aus Wolken und Schnee plötzlich schwarze Flecken auftauchen, die sich nach einiger Zeit zu Berggipfeln verwandeln. Dazwischen zieht ein Gletscher seine grauweißen Schlieren und lässt vergessen, dass der Flieger wie ein Herbstblatt dahintrudelt. Die heftigen Föhnwinde sind eine häufige Erscheinung, hervorgerufen durch das gewölbte Inlandeis.

Seit etwa zehn Jahren jedoch hat dieses Wetterphänomen beängstigende Ausmaße angenommen, verbrennt ganze Landstriche, rollt Felsbrocken durch die Gegend und trägt Dächer oder ganze Häuser davon. Die Klimaerwärmung zeigt sich in Grönland von einer besonders erschreckenden Seite. Skirennen, die seit ewiger Zeit abgehalten wurden, können wegen Schneemangels nicht mehr stattfinden, die Gletscher ziehen sich zurück. Dafür wachsen hier jetzt Bäume, Kühe finden ausreichend Gras auf den Weiden, und im Zentrum für Landwirtschaftliche Forschung in Upernaviarsuk werden Kartoffeln, Karfiol, Kraut und Salat im Freien gezogen. Die Kraut- und Salatköpfe sind nur halb so groß wie mitteleuropäische Sorten, der Geschmack jedoch ist unvergleichlich. Man ist auf der Suche nach den geeigneten Anbaumethoden, um Grönland weiter unabhängig von Importen zu machen. Der Klimawandel kommt den Forschern entgegen, ermöglicht heute Sorten, die noch vor wenigen Jahren teuer eingeführt werden mussten.

"Wenn der Föhn kommt, dann verbrennt er mir die Ernte", klagt der Gärtner, der im grünen Overall durch die Pflanzreihen stapft und Krautköpfe zum Probieren heraushackt. "Und hier waren die Hasen am Werk", zeigt er einen zerfransten Karfiol. Die Tomaten kommen aus dem Gewächshaus. Auch Erdbeeren wachsen hier. Das Gras steht kniehoch und wiegt sich satt im Wind. Erik der Rote gab Grönland 982 seinen Namen - "Grænland". Als er hier auf seiner Flucht strandete, war die Insel im Süden schon einmal grün und von Wäldern bedeckt, es gab Wiesen, und die Wikinger hatten eigentlich ein recht angenehmes Leben an der Westküste. Heute nähern sich die Durchschnittstemperaturen wieder den Werten von damals. Es ist Anfang September - und es hat mehr als 20 Grad. Zwei Hasen baumeln mit dem Kopf nach unten am Scheunentor.

Signalfarben

Grönland ist weit. So groß, dass alles eng konzentriert wird. Zusammengerückt, um sich nicht zu verlieren. Die Städte quetschen sich in die Buchten. Qaqortoq etwa ist eine Anhäufung bunter Holzhäuser, die im Lauf der Zeit immer weiter die Felsen hinaufgeklettert sind und heute die Bucht ausfüllen, als hätte jemand Spielsteine ausgestreut. Die Farben der Fassaden hatten durchaus einmal einen bestimmten Zweck: "Der Arzt war rot, die Polizei war blau, das Krankenhaus grün, die Post gelb", erklärt Mads. So wusste man schon, wo man den Verletzten hinbringen musste, der sich beim Walfang beide Beine gebrochen hatte, wenn man noch auf dem Meer draußen war, und musste nicht erst danach suchen. Später gab es dann fünf Ärztehäuser, sieben Postämter und 15 Polizeistationen - aber keinen einzigen Arzt mehr. Die kommen heute oft nur noch einmal im Monat, um einen Zahn zu ziehen, ein Kind zur Welt zu bringen und um zuzuhören.

Zwischen den Städten ist die einzige Verbindung oft das Meer, das auch lange Zeit das Überleben der Menschen sicherte. Es lieferte Nahrung und Kleidung, die Grönländer haben deshalb gelernt, mit dem Meer zu leben. Dann kamen die Dänen, bauten eine fischverarbeitende Industrie auf und haben bis heute nicht verstanden, warum die Grönländer am Freitag zu Mittag einfach beschließen, den Arbeitsplatz zu verlassen, um Eisbären zu jagen. Faul seien sie, unfähig zu arbeiten und unbrauchbar für Erwerbsarbeit. Man müsse eben akzeptieren, dass es in Grönland eine breite Masse gebe, die man mittragen müsse, weil sie zur Arbeit nicht in der Lage sei.

Diese Menschen haben über Jahrhunderte die Großwetterlage beobachtet, Windrichtungen interpretiert, Tierbewegungen verfolgt und die Gletscherschmelze beurteilt, um zu wissen, wann der richtige Moment ist, um die riskante Fahrt aufs Meer zu wagen. Uhrzeit oder Wochentage sind unerheblich für Walfang, Robbenjagd, Eisbären und Fischfang.

Heute freilich muss niemand mehr jagen gehen, um zu überleben. Oder darf es nicht mehr, weil der Dienst-plan es nicht zulässt oder die Quote erreicht ist. Aber die Grönländer haben sich ihre Traditionen nicht nehmen lassen. Auch wenn die Schlittenhunde heute fett und gelangweilt an der Kette vor dem Haus dösen und die Schneemobile im Regen vor sich hin rosten - die Menschen gehen immer noch auf die Jagd, schießen Robben, Eisbären und Rentiere und trocknen Fisch auf der Terrasse. Abschussquoten sind zwar bekannt, wenn sich aber ein Eisbär auf einer Eisscholle nähert, bekommt er eine vor den Latz, noch bevor er festen Boden unter den Tatzen hat. Angeblich, weil sie gefährlich für Menschen sind und mordend durch die Dörfer ziehen würden, wenn sie hungrig aus dem Norden ankommen. "Eisbären sind Linkshänder", erklärt Finn Lynge. Das ist wichtig zu wissen, wenn man einmal, nur mit einem Messer bewaffnet, einem Polarbären Auge in Auge gegenübersteht. "Und ihr Fleisch schmeckt nach Menschenfleisch." Das Wissen darüber stammt aus einer Zeit, als Menschen hier in strengen Wintern zum Kannibalismus gezwungen waren. "Man bietet jemandem, von dem man weiß, dass er Menschenfleisch gegessen hat, kein Eisbärengulasch an", mahnt er zum richtigen Verhalten in der grönländischen Gesellschaft.

Kaffemik

Weniger blutrünstig ist die Tradition des "Kaffeemik", bei dem sich Menschen aus dem Dorf und von außerhalb in Privathäusern treffen, um Kaffee zu trinken, Kuchen zu essen und Neuigkeiten auszutauschen. Sofie Kielsen serviert frisch gebrühten, duftenden Kaffee und einen kugelrunden, dick belegten Blaubeerkuchen mit einer zentimeterdicken Schlagobersschicht in ihrem Wohnzimmer. Das Kaffeegeschirr ist mit Blümchen verziert, das Tischtuch hat ein paar Flecken, der Boden knarrt und Sofie wackelt beängstigend, als sie mit der Kaffeekanne in der Hand auf O-beinig aus der Küche kommt. Sofie erzählt von den Veränderungen, davon dass die Jungen fortgehen und die Kindern bei den Großeltern bleiben. "Früher", sagt sie, "ist kein Kind in Grönland schlafen gegangen, ohne zu wissen, dass es geliebt wird. Hungrig vielleicht, aber nie ohne einen Kuss, eine Geschichte oder ein Lied." Dann singt sie mit brüchiger Stimme ein Schlaflied, das sie auch ihren Enkelkindern vorsingt.

Unter ihrem Wohnzimmerfenster ist der Hubschrauberlandeplatz. Den hat man ihr hin gebaut, seitdem schüttelt es mehrmals täglich ihr kleines Häuschen durch, wenn der riesige Heli startet, um die Inseln abzufliegen. Sofie hat Grönland nur zweimal verlassen. Die Hochzeitsreise damals ging nach Barcelona, und einmal war sie in Dänemark. Geträumt aber hat sie ihr ganzes Leben von Jerusalem. "Wegen der Geschichten aus der Bibel", erzählt sie mit sanftem Lächeln. Aufmerksam achtet sie darauf - obwohl alle den Blaubeerkuchen gegessen haben, drängt dazu, noch ein weiteres Stück zu nehmen, wackelt in die Küche und bringt frischen Kaffee.

Kaffemiks sind Kaffeekränzchen, bei denen jeder etwas mitbringt, kurz bleibt, erzählt, was er weiß, und erfährt, was er wissen will, und dann wieder geht. Bei einer Abschiedsfeier kommt dann schon einmal das gesamte Dorf. Es ist wie damals, als die Jäger mit einem Schweinswal nach Hause kamen und sich das ganze Dorf traf. Einer allein konnte einen ganzen Wal weder aufessen noch aufbereiten, also mussten alle mithelfen - und alle profitierten auch davon.

In einem Land wie Grönland überlebt man nur, wenn die Türen immer offen stehen. Die Siedlungen liegen kilometerweit auseinander, dazwischen nur Wasser, Eis und endlose Ebenen. Das Wetter ist ein unberechenbares Risiko. Wer hier nach einer mehrtägigen Reise auf verschlossene Türen trifft, ist verloren. Individualität ist ein Luxus, der in Grönland einst lebensbedrohlich war und heute immer mehr in die Gesellschaft einfließt, sie - wenn man Sofie Glauben schenkt - nicht reicher gemacht hat, sondern kälter und das Leben einsamer. Heute müssen auch die Grönländer in einer veränderten Gesellschaft suchen: einen Partner, einen Job und immer mehr auch ihre eigene Identität. (Mirjam Harmtodt/DER STANDARD/Rondo/06.05.2011)

Bilder aus Grönland gibt's in dieser Ansichtssache.

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