Entenhausen in der österreichischen Innenpolitik
Den eigenen, vom Schicksal ohnehin gebeutelten Neffen zu schikanieren - weil man gerade schlechte Laune hat aufgrund eines verlorenen Glückstalers oder ähnlicher Nichtigkeiten - ist eine Verhaltensweise, wie man sie aus den Geschichten von Onkel Dagobert kennt. Dass sich derartige familiäre Abgründe auch in der Landschaft der heimischen Innenpolitik auftun, zeigt die selbst Entenhausener Demütigungsrituale überbietende Art, wie Josef "Donald" Pröll in den letzten Monaten von seinem Onkel Erwin gemobbt wurde.
Schon im September des Vorjahres konnte man den Landeshauptmann beobachten, wie er lächelnd neben dem damaligen Vizekanzler saß und genüsslich mitanhören konnte, wie diesem bei einer Klausur vom Obmann des niederösterreichischen ÖVP-Landtagsklubs offen das Misstrauen ausgesprochen wurde. Dem vorangegangen war der Beschluss eines Zahlungsboykotts seitens der schwarzen Landesgruppe gegen die Bundespartei. Als sich der Finanzminister schließlich daran machte, die Länder im Zuge einer geplanten Verwaltungsreform in die Pflicht zu nehmen und Strafzahlungen für Defizitsünder ankündigte, reagierte sein Onkel mit der finalen Erniedrigung: Er verbündete sich mit Werner Faymann und erklärte, nach dem Motto "Jetzt reden einmal die Erwachsenen", die ganze Reform sei abgesagt.
Nach dem erwartbaren W. o. des entnervten Neffen musste er dann auch keine Trauer heucheln und nützte die Gelegenheit zur endgültigen "Erwinisierung" der Partei, indem er mit Johanna Mikl-Leitner (interner Nom de guerre: "Prölls Frau fürs Grobe"), dem ehemaligen Strasser-Adlatus Johannes Rauch und Michael Spindelegger (Zitat Erhard Busek: "Der Erwin hat schon oft potenzielle Konkurrenten als Landeshauptmann auf andere Posten weggebracht") neues Führungspersonal nach seinen Wünschen installierte.
Nun regen sich innerhalb der Volkspartei sachte Stimmen, denen zwei Fragen am Herzen liegen: Sollte es zwischen einer Partei und einem Fanklub nicht feststellbare Unterschiede geben? Und sind für eine Gesinnungsgemeinschaft, die zum Wohl der Republik wirken möchte, nicht dringend notwendige Reformen in den Bereichen Bildung und Verwaltung ein wichtigeres Ziel als der Machterhalt?
Dramatischerweise gibt es nur einen Mann, der die ÖVP aus diesem Dilemma befreien kann: Heinz Fischer. In einem Akt beispielloser Selbstaufopferung müsste der Bundespräsident seinen Rücktritt erklären und das Amt Erwin Pröll überlassen - ohne eine Volkswahl, die außer enormen Kosten nur die in diesem Fall unerwünschte Erkenntnis bringen könnte, dass die Beliebtheit des niederösterreichischen Landesvaters westlich von Amstetten möglicherweise nicht ganz seinen Erwartungen entspricht.
Sofort könnte sich die ÖVP wieder auf ihre eigentliche Verantwortung besinnen, der Onkel wäre am Ziel seiner Träume, und falls ihm eines Tages Zweifel kämen, ob der Empfang beim kirgisischen Botschafter tatsächlich spannender ist als die Eröffnung des Feuerwehrheurigen in Großkrut, könnte ihn Christian Konrad mit einem zugeraunten "Ich hab's dir immer schon gesagt" trösten. (Florian Scheuba, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.5.2011)