"Never Let Me Go": "Ich war niemals eine Rebellin"

4. Mai 2011, 16:59
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In Mark Romaneks Sci-Fi-Melodram "Never Let Me Go" spielt Keira Knightley einen Klon, der sich seinem Schicksal fügt - Die Schauspielerin über Widerstandsgeist, Werte und ihre Stimme

London/Wien - Eine vertraute Welt mit alternativem Geschichtsverlauf steht in Mark Romaneks ungewöhnlichem Science-Fiction-Film Never Let Me Go im Mittelpunkt: Schon in den 50er-Jahren ist es der Menschheit gelungen, die medizinischen Voraussetzungen für das Klonen zu schaffen - seitdem züchtet man Menschen als Ersatzteillager, die in dem Internat Hailsham eigens herangezogen werden. Der auf dem Bestseller von Kazuo Ishiguro basierende Film erzählt die Geschichte dreier Freunde, von Kathy (Carey Mulligan), Tom (Andrew Garfield) und Ruth (Keira Knightley), die ihr Schicksal kennen und annehmen - ein schwermütiges Drama um den Wert des Menschlichen nimmt seinen Lauf, in dem nicht Effekte, sondern Schauspieler die Attraktionen sind.

STANDARD: In "Never Let Me Go" geht es um grundlegende existenzielle und moralische Fragen. Welcher Aspekt hat Sie bewegt?

Knightley: Mir gefiel, dass die Figuren versuchen, mit ihrer Sterblichkeit zurechtzukommen. Schon das Buch funktioniert wie ein Spiegel der Menschlichkeit: Es benutzt Figuren, die nicht notwendigerweise Menschen genannt werden können, um eine Idee von Humanität umzusetzen. Es ist eine sehr dunkle, tragische Geschichte. Außerordentlich daran aber ist die Aussage, dass am Ende eines Lebens nur Liebe und Freundschaft zählen und der Versuch, Dinge in Ordnung zu bringen. Trotz der Düsternis ist das etwas sehr Schönes. Die Figuren sind dazu trainiert, das auszuführen, wofür sie gemacht sind.

STANDARD: Erstaunlich daran ist aber schon, dass sie gegen ihr Schicksal nicht aufbegehren, oder?

Knightley: Genau das ist der Punkt der Geschichte. Es gibt viele Filme über Rebellion, aber die viel unbequemere Wahrheit ist doch, dass wir in der Regel nicht davonrennen. Die Menschheit hat eine lange Geschichte von Grausamkeiten, die darauf basieren, dass Menschen nicht davongelaufen sind. Sie haben Dinge hingenommen und wurden getötet. Wir wenden uns von allem ab, dessen Anblick wir nur schwer ertragen können. Ich finde es sehr spannend sich zu fragen, warum wir meistens nicht handeln. Ich erkenne das an mir selbst, an meiner Kultur und an der Welt, die mich umgibt.

STANDARD: Sie meinen, dass das britische Klassensystem auch diese Idee der Unterwerfung kennt?

Knightley: Wir haben das definitiv in unserer Kultur - aber jeder kann es für sich auch in seiner eigenen hinterfragen. Und um das Britische nicht zu sehr herunterzumachen: Wir haben auch eine lange Geschichte des Widerstands. Wir haben unsere Musikbewegungen, den Punk, all diese kleinen Rebellionen. Ich denke, es gibt Perioden, da sind Menschen unterwürfiger als in anderen.

STANDARD: Wie schwer ist Ihnen die Rolle von Ruth gefallen - sie hat ja durchaus auch negative Seiten?

Knightley: Ich fand es schwierig, jemanden zu spielen, von dem ich dachte: "Wenn ich sie träfe, würde ich sie nicht mögen." Doch das ist die Herausforderung. Ich wollte die Welt aus ihren Augen betrachten. Leute wie Ruth, die bösartig, intrigant und ungnädig sind, deren Verhalten ich also nicht leicht nachvollziehen kann, fordern mich heraus: Ich muss mir vorstellen können, was mir passieren müsste, damit ich mich so verhalte. Ich muss ihre Auslöser mit meinen eigenen in Einklang bringen.

STANDARD: Sind Sie denn selbst rebellischer als Ruth?

Knightley: Ich war niemals eine Rebellin. Ich hatte nichts, wogegen ich rebellieren musste, meine Mum und mein Dad waren stets cool! Ruth wurde indes Liebe verwehrt, sie erfuhr keine elterliche Zuwendung, niemand schenkte ihr Aufmerksamkeit - das ist mir nie passiert. Mir wurde nichts verwehrt - vielleicht auch unglücklicherweise ... Aber natürlich kenne ich Ruths Angst, ihren Zorn, ihre Eifersucht - so wie jede andere Person eben auch. Eifersucht ist am schlimmsten.

STANDARD: Sie haben nie eine Schauspielschule besucht, kommen allerdings aus einer Künstlerfamilie. Haben Sie eine bestimmte Herangehensweise beim Spielen?

Knightley: Es war eine weite Reise, bis ich einen Weg gefunden habe, der mir Spaß bereitet. Für ein Zelda-Fitzgerald-Projekt, aus dem leider nichts geworden ist, hatte ich viel Recherche betrieben - sie litt unter psychischen Problemen. Um der Rolle näher zu kommen, fertigte eine befreundete Psychiaterin nach Maßgabe des Skripts ein Profil für mich an. Das fand ich unglaublich faszinierend, und diesen Ansatz habe ich dann weiter verfolgt, zuletzt in London Boulevard und in David Cronenbergs A Dangerous Method, dem Freud-Film, in dem es um die Geburt der Psychoanalyse geht.

STANDARD: Das klingt aufwändig. Man hört ja bisweilen, Sie seien eine kopflastige Schauspielerin ...

Knightley: Ich weiß gar nicht, ob das so eine gute Sache ist! Wissen Sie, es gibt so unterschiedliche Zugänge: Da sind jene, die lernen ihre Zeilen, kurz bevor sie aufs Set gehen - sie sagen, das wird schon gutgehen. Ich würde in Panik geraten! Für mich ist der einzige Weg, um Figuren real zu machen, Recherche. Ich brauche das Gefühl, dass ich viel Arbeit investiert habe. Und da ich die Schule im Alter von 16 Jahren verlassen habe, betrachte ich meine Arbeit außerdem als eine Art Weiterbildung. Als ich mich für A Dangerous Method mit Freud beschäftigt habe, genoss ich das sehr.

STANDARD: In London haben Sie letztes Jahr auch erstmals Theater gespielt - in Molières "Menschenfeind". Wie war diese Erfahrung im Vergleich zum Film?

Knightley: Ich habe es geliebt - zugleich war es zum Fürchten. Mit dem Medium ändert sich auch die Technik: Man geht schließlich drei Jahre in die Schule, um das zu lernen, ich hatte bloß drei Wochen. Ein Live-Publikum zu haben war großartig. Und es stimmt tatsächlich, wenn man sagt, dass kein Auftritt derselbe ist: Denn das Publikum nimmt jede Nacht eine eigene Persönlichkeit an. Die Stimme war die besondere Herausforderung: Ich habe Übungen mit einem Trainer gemacht, aber bei den Previews war ich dennoch leiser als die anderen. Und plötzlich klappte es - nach zwei, drei Wochen kam der Regisseur nach hinten, nahm mich beiseite und flüsterte mir zu: "Du musst leiser sein!" (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 5. Mai 2011)

Ab 13. 5. im Kino

Keira Knightley (26) ist die Tochter des Schauspielers Will Knightley und der Autorin Sharman MacDonald. Ihren Durchbruch feierte sie mit "Kick It Like Beckham". Neben Johnny Depp wurde sie in "Fluch der Karibik" zum Weltstar. Demnächst ist sie als Sabine Spielreim in "A Dangerous Method" zu sehen.

  • Keine Aussicht auf ein langes Leben: Kathy (Carey Mulligan, li.) und 
Ruth (Keira Knightley) als lebende Organspender in Mark Romaneks 
Literaturverfilmung "Never Let Me Go".
    abc-films

    Keine Aussicht auf ein langes Leben: Kathy (Carey Mulligan, li.) und Ruth (Keira Knightley) als lebende Organspender in Mark Romaneks Literaturverfilmung "Never Let Me Go".

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