"Man wird Massenfächer begrenzen müssen"

4. Mai 2011, 17:00
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"Mein Pferd heißt Studienplatzfinanzierung", sagt Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle - Zu den Rektoren geht er auf Distanz

UniStandard: Herr Minister, die Unis haben momentan in Österreich einen schlechten Stand. Meinen Sie, es wird ihnen genug Stellenwert beigemessen?

Töchterle: Ich erlaube mir, Ihre Prämisse anzuzweifeln. Natürlich erwecken die Universitäten durch ihre intensive Forderung nach mehr Geld den Eindruck, dass sie aus dem letzten Loch pfiffen und es ihnen ganz schlecht ginge. Für mich sind unsere Unis jedenfalls absolut herzeigbar. Natürlich brauchen sie noch mehr Mittel, aber erstaunlicherweise liefern sie trotzdem sehr hohe Qualität.

UniStandard: Das Zahlenspiel um den Finanzrahmen scheint sehr undurchsichtig. Einerseits gibt es bis 2015 Kürzungen von 81 Mio. jährlich, andererseits laufen die "Offensivmittel" von 80 Mio. weiter - klingt wie ein Nullsummenspiel.

Töchterle: Sie haben recht, die Mittel im Finanzrahmen werden fortgeschrieben. Durch diese 80 Millionen an Offensivmitteln jährlich bis 2015 sind aber 400 Millionen zusätzlich da, das ist schon einmal etwas. Was im Herbst ansteht, sind intensivste Verhandlungen über das Universitätsbudget, um die nächste Leistungsvereinbarungsperiode auszuverhandeln und für die Universitäten mehr Geld herauszuholen.

UniStandard: Aber die 80 Millionen bleiben ja nicht zur Investition übrig, sondern werden von den Einsparungen durch den Finanzrahmen wieder aufgefressen.

Töchterle: Die Universitäten sind von den auch im Wissenschaftsressort notwendigen Einsparungen ausgenommen, die Offensivmittel sind für die Universitäten also sehr wohl zusätzliches Geld.

UniStandard: Sie freuen sich über 80 Millionen, obwohl es für das Erreichen der angestrebten zwei Prozent des BIPs für die Unis eigentlich Milliarden bräuchte.

Töchterle: Das Zwei-Prozent-Ziel, das seit Jahren anvisiert wird, ist natürlich durch die Krise extrem erschwert worden. Aber ich setze ohnehin auf ein anderes Pferd, und dieses Pferd heißt Studienplatzfinanzierung.

UniStandard: Dafür werden für die einzelnen Fächer gewisse Kapazitäten festgelegt. Nach welchen Maßstäben soll das passieren? Immerhin ist die Politik im Prognostizieren des Arbeitsmarktes für Lehrer gerade grandios gescheitert.

Töchterle: Ja, das zeigt eben, dass man hier flexiblere Modelle braucht. Wie das in der Praxis gelebt werden kann, weiß ich noch nicht, dafür ist das Konzept derzeit noch zu wenig ausgereift.

UniStandard: Aber grundsätzlich bedeutet Studienplatzfinanzierung das Ende des freien Uni-Zugangs?

Töchterle: Im Zuge der Studienplatzfinanzierung müssen wir natürlich definieren, wie viele Plätze bezahlt werden. Aber das unbedingt mit dem Ende des freien Hochschulzugangs zu verquicken, enthielte für mich mehr Dramatik als berechtigt. Ich sage Ihnen aber auch ganz offen, man wird bestimmte Massenfächer an bestimmten Universitäten begrenzen müssen - diesen Effekt kann ich prognostizieren.

UniStandard: Mit ihrem vehementen Eintreten für Studiengebühren hat Beatrix Karl das Verhandlungsklima bezüglich Uni-Finanzierung sehr getrübt. Sie scheinen nun den gleichen Fehler zu machen.

Töchterle: Also, da muss ich schon widersprechen: Ich werde von allen Medien gefragt: "Wie halten Sie es denn mit Studiengebühren?" Ich selber bringe das Thema gar nichts aufs Tapet. Was meine Position betrifft: Ja, ich bin für Studiengebühren. Doch ich betone: Ich werde mich in dieses Thema nicht verbeißen. Selbst ein Arbeiterkind, bin ich außerdem der Letzte, der eine soziale Selektion durch Gebühren wünscht, aber es ist mehrfach empirisch belegt, dass das ohnehin nicht der Fall ist.

UniStandard: Dennoch brauchen Sie im Herbst diese 300 Millionen. Wenn Sie nicht offensiv für Studiengebühren werben, wo soll dieses Geld dann herkommen?

Töchterle: Was heißt, ich brauche 300 Millionen? Die Rektoren verlangen 300 Millionen - und Politik ist die Kunst des Möglichen. Man muss schauen, wie viel man holen kann. Natürlich ginge es mit Studiengebühren leichter, no na, aber nachdem der Weg dorthin verstellt ist, muss man's halt andersherum probieren.

UniStandard: Wie lange werden Sie für diesen Job hier zur Verfügung stehen, wenn Ihnen die Lukrierung zusätzlicher Finanzmittel im Herbst misslingt?

Töchterle: Das ist eine sehr treffende Frage. Mir ist klar: Im Herbst braucht es ein positives Ergebnis.

UniStandard: Es gibt ein paar Räder, an denen Sie auch drehen könnten, die kein Geld kosten. Eines davon betrifft eine Hauptforderung der ÖH, die Wiedereinführung der Direktwahl der ÖH. Lassen Sie hierbei mit sich reden?

Töchterle: Die ÖH hat mehrere Vorschläge bezüglich des HochschülerInnenschaftsgesetzes, da bin ich gesprächsbereit, auch was die Wiedereinführung der Direktwahl betrifft. Ich bin für Ihre Frage dankbar, denn es ist genauso wichtig, Dinge zu tun, die nicht mit Geld verbunden sind. (Tanja Traxler und Dominik Zechner, UNISTANDARD, Printausgabe, 5.Mai 2011)

KARLHEINZ TÖCHTERLE (61) ist Altphilologe und galt als Rektor der Uni Innsbruck als ausgesprochen studierendenfreundlich. Seit 21. April ist er auf Vorschlag der ÖVP Wissenschaftsminister.

  • "Die ÖH hat mehrere Vorschläge bezüglich des 
HochschülerInnenschaftsgesetzes, da bin ich gesprächsbereit, auch was 
die Wiedereinführung der Direktwahl betrifft",  sagt Karlheinz Töchterle.
    foto: standard/urban

    "Die ÖH hat mehrere Vorschläge bezüglich des HochschülerInnenschaftsgesetzes, da bin ich gesprächsbereit, auch was die Wiedereinführung der Direktwahl betrifft",  sagt Karlheinz Töchterle.

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