"Es reicht, wenn sich die Uni alle 500 Jahre verändert"

4. Mai 2011, 16:58
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Philosoph Liessmann und Albertina-Chef Schröder über gemeinsame Uni-Zeiten

UniStandard: Robert Menasse hat uns erzählt, dass Sie in den siebziger Jahren gemeinsam Philosophie studiert haben ...

Schröder: Da muss ich natürlich sofort korrigieren: Ich habe Kunstgeschichte studiert und die Philosophie war für mich eine Art Hobby - während Robert und Konrad intensive Philosophen sind und mich nur geduldet haben.

Liessmann: Aber geh!

Schröder: Das ist die Wahrheit. Jedenfalls haben wir uns kennen gelernt in einem philosophischen Seminar über Fragen der Ästhetik bei Aristoteles.

Liessmann: Ein Seminar, das in keinem unserer Studienpläne vorkam, also für niemanden Vorschrift war - und das zeigt schon etwas von den Möglichkeiten und dem Geist dieser Zeit.

UniStandard: Wie darf man sich ein Seminar damals vorstellen?

Schröder: Es waren nur wenige Studenten und es hat gedauert vor Beginn bis weit nach Ende - das war irgendwann im Kaffeehaus und da war selbstverständlich der Professor dabei.

UniStandard: Was ist der Unterschied zu heute, sitzen Sie nach dem Seminar auch im Kaffeehaus, Herr Professor?

Liessmann: Dafür haben weder die Studenten noch ich Zeit. Die Studienpläne waren damals viel großzügiger und damit die Möglichkeit, nach Interesse zu studieren. Heute ist der elektronisch kontrollierte Besuch von Seminaren streng an den Studienplan gekoppelt.

Schröder: Das halte ich wirklich für traurig, denn das waren für mich mit die wichtigsten Lehrveranstaltungen. Dieser Methodenzuwachs war essentiell für das spätere Schreiben und Denken.

UniStandard: Was hat sich seit damals am Studentsein verändert?

Schröder: Der Druck heute, Geld zu verdienen und damit etwas annehmen zu müssen, was einem vom Studium abhält, ist offensichtlich sehr hoch. Ich habe zwei Wochen im Jahr gearbeitet und davon habe ich das gesamte Jahr gelebt. Das war aber auch nur möglich in einem Umfeld, in dem Materialismus, Hedonismus, Mode und Konsum überhaupt keine Rolle gespielt haben. Ich habe jahrelang nur eine Hose gehabt. Wenn einer heute so das Leben auf der Universität führen würde, weiß ich nicht, ob er nicht als schrulliger Sonderling gelten würde. Damals war es der Normalfall.

Liessmann: Ich habe mein Studium nie als das Durchlaufen einer Qualifizierungsmaschinerie aufgefasst, doch das ist die Realität eines Bachelorstudiums heute. Das, was wir erlebt haben, dass Universitäten Orte eines gesellschaftspolitischen Diskurses waren, ein Seismograph für bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen - das ist völlig verloren gegangen. Jeder weiß, Universitäten sind heute Ausbildungsstätten, in denen es um kurze Studienzeiten und viele Absolventen geht. Aus, fertig.

Schröder: Das kann ich nur unterschreiben. Was ich empfunden habe an Freiheit, als ich aus der Provinz nach Wien gezogen bin, das war unfassbar.

UniStandard: Die Attitüde, mit der Sie an ihr Studium heran gegangen sind, wäre also heute nicht mehr möglich. Hat aber diese universitäre Freiheit und Ihr Umgang damit nicht den Grundstein dafür gelegt, was Sie heute sind?

Liessmann: Ja, Sicher.

Schröder: Nein! (beide lachen) Zum einen gehört es zu meinem Weltbild, dass man nicht wegen, sondern trotz der Widerstände etwas wird. Und ich glaube nicht, dass ich heute ein gescheiterter, arbeitsloser Kunsthistoriker wäre, wenn ich Konrad nicht kennen gelernt hätte. Dazu kommt allerdings, dass es doch bestimmte Wegkreuzungen gibt, wo Zweite und Dritte einem helfen und Möglichkeiten eröffnen. Dass die Albertina heute das ist, was sie ist, dazu habe ich sie gemacht. Aber dazu musste mich erst jemand hier hinsetzen.

Liessmann: Es ist wahnsinnig schwierig, zu rekonstruieren, was die maßgebenden Einflüsse für eine Karriere waren. Viele Menschen studieren unter den gleichen Bedingungen und nur fünf davon machen Karriere. Die Utopie der gegenwärtigen Bildungsplanung ist, zu glauben, man kann diese fünf beliebig steigern. Aber selbst wenn es mehrere brillante Kunsthistoriker gäbe, es gibt nur eine Albertina und ich kann nicht jedem eine neue schenken, damit er zeigen kann, dass er ein brillanter Museumsdirektor ist. In meinem Fall ist es natürlich trotzdem so, dass ich ohne dieses Studium, ohne die Seminare, ohne das, was ich damals gelesen habe, ohne die Diskussionen, die ich damals geführt, ohne die Texte, die ich damals geschrieben habe, auch wenn ich sie heute für unlesbar erklären würde, nicht das geworden wäre, was ich bin.

UniStandard: Wie sind denn die Studenten Liessmann und Schröder miteinander umgegangen?

Schröder: Das war durchaus eine Zeit in der man sich gemeinsam auseinandergesetzt, aber natürlich auch gestritten hat. Du weißt noch, dass wir einmal in unserer Freundschaft fast an der Kippe gestanden sind - aufgrund der unterschiedlichen Einschätzung einer Felsenstein-Inszenierung der Salome. Über so etwas hätte die Freundschaft fast in Brüche gehen können ...

Liessmann: Diese Geschichte ist wirklich legendär in unserer Biographie. Wir waren überzeugt davon, dass die Frage, wie man die Salome inszeniert essentiell ist für die Zukunft der Gesellschaft.

UniStandard: Im Gegensatz dazu wirkt der studentische Diskurs heute über weite Strecken ziemlich eingeschlafen. Herr Professor, erkennen Sie sich manchmal in Ihren Studenten wieder?

Liessmann: Manchmal schon. Und es gab ja ein kurzes Aufflackern im Zuge von unibrennt vor zwei Jahren. Da gab es bestimmte Stimmungen und Begegnungen, als die Studenten versucht haben, sich abseits der Lehrveranstaltungen zu organisieren, um Dinge zu diskutieren, auch zu lesen. So etwas kann es also heute auch noch geben, deshalb will ich die Vergangenheit gar nicht idealisieren - ich glaube einfach, dass sich unter den aktuellen Rahmenbedingungen das Verhältnis zum eigenen Studium gravierend geändert hat.

Schröder: Man kann nicht über ein Studium sprechen, wenn man nicht auch über die entsprechende Zeit spricht. Schauen Sie hinaus, wie Wien heute aussieht. Und das soll sich drinnen im Seminarraum nicht auswirken? Na selbstverständlich tut es das.

Liessmann: Ja und nein. Ich glaube auch, dass die Institutionen sich ändern müssen. Die Frage ist nur in welchen Rhythmen. Die Universität ist mit der katholischen Kirche die älteste noch funktionierende Institution Europas. Da genügt es, wenn sie sich alle 500 Jahre verändert.

UniStandard: In den Siebzigern wurde - vor allem seitens der Sozialdemokratie - mit den Unis im großen Rahmen Politik gemacht. Das scheitn heute kaum mehr möglich.

Liessmann: Das Bild der Universität ist ambivalent gewesen. Man darf nicht vergessen, dass die Universität vor den Firnbergschen Reformen von den Strukturen her eine Angelegenheit des CV war. Es war ein politisch konservativer Ort - der jedoch sowohl ideologisch, als auch institutionell durch den freien Hochschulzugang aufgebrochen wurde. Bestärkt durch die Studentenrevolte und deren Nachwehen, hatte man bis Ende der Siebziger tatsächlich den Eindruck, vor allem die geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten seien tatsächlich ein Brennpunkt der gesellschaftlichen Entwicklungen.

Schröder: Die Universitäten waren sicher ein Schmelztiegel der Bereitschaft, Dinge nicht mehr hinzunehmen, wie sie sind - das betraf auch konservative Kreise, beschränkte sich also nicht auf die Sozialdemokratie, es ging quer durch die Gesellschaft. Und ich bedauere sehr, dass es kaum mehr junge Universitätsprofessoren gibt, die etwas schreiben, und damit wochenlang den Diskurs in Österreich bestimmen. Dem Koni gelingt das noch.

UniStandard: Haben Sie beide das Gefühl, dass es im Moment in der Politik eine entwickelte Vision gibt, was die Rolle der Hochschulen betrifft?

Liessmann: Nein, denn die Politik reagiert im Moment defensiv. Die letzte Vision war die Bologna-Vision, die aber nicht von unserer Politik entwickelt wurde, sondern ein europäisches Projekt war. Und auch das war keine Vision von einer Universität, sondern eine Organisationsform. Man wollte nicht die Wissenschaften voran treiben und zu gesellschaftlichen Brennpunkten entwickeln. Im Gegenteil, es ging um die Erhöhung der Mobilität bei gleichzeitiger Verkürzung der Studienzeiten - das sind pragmatische, administrative Kriterien, aber keine Idee einer Universität.

Schröder: Genau, letzten Endes sind die Unis auch deshalb defensiv, weil sie einen Mangel zu verwalten haben. Das ist eine Katastrophe. Und jetzt einfach zu sagen, man muss in Bildung investieren, finde ich lächerlich, angesichts der Mittel, über die man redet. Ich war vor ein paar Wochen in Stanford und da wurde eine kleine Feier gegeben, weil jemand 200 Millionen Dollar gespendet hat - so etwas findet dort laufend statt. Und bei uns ist eine Erhöhung von ein paar hundert Millionen Euro für die gesamten Universitäten bereits ein Erfolgszeichen. Minister geben schon Pressekonferenzen, wenn sie für irgendetwas 50.000 Euro locker machen - so etwas kann mir an einem Tag unten bei der Kassa passieren. Man hat überhaupt keine Vorstellung mehr davon, was Geld ist, es fehlt einfach jegliche Proportion.

Liessmann: Man kann aber den Mangel so oder so verwalten. Die Problematik betrifft auch die Atmosphäre, in der wir leben. Wenn ich alleine jetzt die Einsparungen der letzten Monate Revue passieren lasse, etwa die Schließung der außeruniversitären Forschungsinstitute oder die Streichung der Unterstützung für wissenschaftliche Publikationen, dann handelt es sich hier im Grunde im Peanuts, die aber eine Atmosphäre schaffen, die den Eindruck hinterlässt, dass es niemandem wirklich um Geist, um Forschung, um Neugier und Intellektualität geht.

Schröder: Deswegen war auch die Gutenberg-Debatte eine so wichtige, denn sie hat nicht von Geld gehandelt, sondern es ging um die Haltung gegenüber der Bildung, gegenüber einer geistigen Elite. Es ging um diejenigen, die um ihrer selbst willen einmal in ihrem Leben tatsächlich Forschung betreiben. Genau das plötzlich herunter zu spielen, zu denunzieren, die Forschenden als die Weltfremden darzustellen, die wir eigentlich nicht brauchen, das hat mich wirklich auf die Barrikaden gebracht. Hier wurde gezeigt, dass man Bildung im eigentlichen Sinne im Grunde verachtet. (Tanja Traxler, Dominik Zechner, UniStandard, Printausgabe, 5.5.2011

KLAUS ALBRECHT SCHRÖDER (55) ist promovierter Kunsthistoriker, war Leiter des Bank Austria Kunstforums und ist seit 2000 Direktor der Albertina. 

KONRAD PAUL LIESSMANN (58) studierte Germanistik und Philosophie, Essayist und Professor für Philosophie an der Uni Wien.

  • Klaus Albrecht Schröder, zur Linken mit Hund Merlin, hatte zu Studienzeiten nur eine einzige Hose.  Studienkollege Konrad Paul Liessmann, rechts, hatte ihn trotzdem gern.
    foto: standard/corn

    Klaus Albrecht Schröder, zur Linken mit Hund Merlin, hatte zu Studienzeiten nur eine einzige Hose. Studienkollege Konrad Paul Liessmann, rechts, hatte ihn trotzdem gern.

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