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4. Mai 2011, 14:56
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Geronimo: Kurze Filmgeschichte einer amerikanischen Legende - Von Bert Rebhandl

Es hat nicht allzu lange gedauert, bis der semantische Schwachpunkt der Kommandoaktion erkannt wurde, bei der Osama bin Laden in Pakistan getötet wurde: "Operation Geronimo" verweist auf einen früheren Krieg, den die amerikanische Armee geführt und gewonnen hat – den gegen die indigene Urbevölkerung des nordamerikanischen Kontinents. Geronimo war ein Apachenhäuptling, der sich erst 1886 ergab. Davor führte er lange Zeit einen Widerstandskampf, der aufgrund der Geländebeschaffenheit im ariden Südwesten der USA vielleicht tatsächlich Assoziationen zu den zu bekämpfenden "Aufständischen" in Afghanistan und Pakistan hervorrufen könnte.

Da sich gerade auch bei einem Namen wie Geronimo die Geschichtsschreibung und die populäre Imagination kaum auseinanderhalten lassen, hier eine kleine Filmgeschichte zum Thema:

Geronimo (Paul Sloane, 1939)

Der hinzugefügte deutsche Verleihtitel "Geißel der Prärie" zeugt von profunder Unkenntnis, denn Geronimo (hier gespielt von dem nativen Amerikaner Chief Thundercloud) war eben kein Anführer der Stämme in den großen Ebenen, sondern im unwegsamen Gebiet der Sierra Madre zu Hause. (Geronimo, hispanisiert für Hieronymus, ist ja auch nicht sein richtiger Name, der lautet nämlich: Gokhlayeh.) In dem wenig ergiebigen B-Western von Paul Sloane gibt es noch keine Ansätze zu einem differenzierteren Blick auf die Ureinwohner. Geronimo dient hier vorwiegend als bedrohliche Attrappe für einige Angehörige der Armee, die sich angesichts der Gefahr bewähren können.

Taza, Son of Cochise (Douglas Sirk 1954)

Interessant vor allem deswegen, weil er die internen Auseinandersetzungen der Apachen thematisiert. Geronimo ist hier nicht die Hauptfigur, sondern der blutrünstige und unversöhnliche Anführer, der das Integrationswerk von Taza zu torpedieren droht, indem er sich dessen aufrührerischem Bruder Naiche anschließt. Als Western ist die Produktion in 3D, bei der Douglas Sirk Regie führte, eher ein Kuriosum, und insgesamt schon deutlich vom pädagogischen Eros der Fünfzigerjahre geprägt, für den ein guter Indianer sein Feld zu bestellen hat, und den Bogen in die Ecke stellen soll.

Geronimo (Walter Hill 1993)

Die mit Abstand beste Bearbeitung des Geronimo-Stoffes, im Grunde der einzige Film, der sich um eine in Ansätzen historiographische Erzählung bemüht. Der Untertitel „An American Legend“ verweist schon darauf, dass Hill diese Legende als solche ernst nehmen wollte, und ihr doch so viel wie möglich an konkretem Detail hinzufügen: Wes Studi spielt hier den Apachen-Häuptling als souveränes Subjekt, zugleich aber als Spielball einer Bevölkerungspolitik, die ihm und seinen Leuten keine Chance lässt. Zentrale Szenen bei Hill haben eine ausgeprägt diplomatische Ikonographie, man begreift, dass es hier um die Unvereinbarkeit zweier Begriffe von Vergesellschaftung geht. Ein großer, im besten Sinne revisionistischer Film.

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    montage: cargo
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