"Ich traue weder Martin noch Ehrenhauser"

5. Mai 2011, 11:00
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Karin Resetarits-Kraml, Ex-Mitstreiterin von Hans-Peter Martin, über dessen "multiple Persönlichkeiten" und seinen "Musterschüler"

"Die Liste Dr. Hans-Peter Martin - für echte Kontrolle in Brüssel - ist der einzige Garant, dass diese unverschämten Privilegien abgeschafft werden", ließ Karin Resetarits-Kraml im EU-Wahlkampf 2004 aussenden. Heute hält sie Martin für einen "Demokratie-Zerstörer". Im Interview mit derStandard.at spricht die Moderatorin über persönliche Fehler, ihre Kandidatur als ORF-Generälin, die "Gefahr" durch Whistleblower, Freunderlwirtschaft und warum sie Martins "Musterschüler" Ehrenhauser genauso misstraut wie dessen politischem Ziehvater. Die Fragen stellte Rainer Schüller.

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derStandard.at: Sie haben Hans-Peter Martin über einen offenen Brief schon scharf kritisiert und seinen Rücktritt gefordert. Denken Sie, dass es dazu kommen wird?

Resetarits-Kraml: Nein. Ich glaube nicht, dass er Einsicht zeigen wird, weil er nur sich selbst verantwortlich ist und er immer dazu neigt, sich selbst zu verteidigen und die ganze andere Welt zu beschuldigen.

derStandard.at: Halten Sie die Beweise zum angeblichen Missbrauch von Steuergeldern durch Martin von Ehrenhauser für stichhaltig?

Resetarits-Kraml: Sollte das alles stimmen, was er mit dem Steuergeld gemacht hat, sind das ganz schlimme Vorwürfe. Ich nenne ihn deshalb auch 'Demokratie-Zerstörer', weil er das Vertrauen der Menschen in die Politik dermaßen erschüttert, dass es mit dem Erdbeben in Japan vergleichbar ist, wie er die Wähler in Österreich erschüttert. Denn jetzt schaut es so aus, als ob er große Mengen an Steuergeldern für sich und seine Bekannten abgezweigt habe.

derStandard.at: Wem vertrauen Sie mehr: Martin Ehrenhauser oder Hans-Peter Martin?

Resetarits-Kraml: Ich vertraue keinem von beiden. Man hat mir ja immer vorgeworfen, ich hätte mich viel zu blauäugig in die Hände von Hans-Peter Martin begeben. Das stimmt und ich bereue es auch. Aber ich habe viel dazu gelernt. Vor allem eines: Dass diese Menschen ganz gefährlich sind, die angeblich daran arbeiten Fehler im System zu beseitigen und dann nach außen tragen, die sogenannten Whistleblowers. Ich finde, dass in jedem System Fehler sind. Man sollte jedoch schauen, dass diese Fehler im System behoben werden.

derStandard.at: Die Verfehlungen sollten gar nicht an die Öffentlichkeit dringen?

Resetarits-Kraml: Ich bin nicht für Geheimnistuerei, aber man muss versuchen, die Probleme mit den anderen, mit denen man im System zusammen arbeitet, zu lösen. Die Whistleblower machen aber genau das Gegenteil. Sie sehen etwas, was nicht funktioniert, wittern eine Chance sich mit dem Fehler selbst profilieren zu können und tragen es laut schreiend nach außen. Sie tun so, als ob sie den Fehler reparieren, in Wahrheit kann aber nur durch eine Systemänderung der Fehler beseitigt werden. Deswegen sind diese Menschen gefährlich. Sie sind durchwegs Populisten wie Hans-Peter Martin. Und Martin Ehrenhauser ist wieder so ein Beispiel.

derStandard.at: Beispiel wofür?

Resetarits-Kraml: Ehrenhauser versucht jetzt so zu tun, als ob er der bessere Martin wäre. Es freut mich freilich, dass er es geschafft hat, Hans-Peter zur Strecke zu bringen, woran ich gescheitert bin. Aber Ehrenhauser hat das ja schon einmal gemacht.

derStandard.at: Was genau?

Resetarits-Kraml: Als Alexander Zach 2008 im LIF-Wahlkampf damals wegen seiner EADS-Geschichte aufgeflogen ist, kam der Beweis dafür über einen Diebstahl der Festplatte des Computers von Zach. Diese Festplatte wurde vom Duo Ehrenhauser/Schweitzer (Anm.: Mitarbeiter von Martin Ehrenhauser) kopiert, die aus dem liberalen Lager ursprünglich kamen, damit gingen sie dann zu Hans-Peter Martin. Man könnte nun sagen: Der Zach ist selber schuld. Aber warum mussten die hunderten Leute, die sich für die Liberalen engagiert haben, deswegen leiden, damit sich im Gegenzug einzelne profilieren konnten?

derStandard.at: Fakt ist aber, dass das ein Mega-Skandal war.

Resetarits-Kraml: Man hätte zuerst intern zu Zach gehen können, dann wäre nicht die gesamte liberale Bewegung in Österreich zerstört worden. Mein Vorwurf an die Whistleblower, die es ja auch in anderen Parteien gibt ist, dass es ihnen immer um Zerstörung geht.

derStandard.at: Aber die Öffentlichkeit hat doch das Recht, die Wahrheit zu erfahren. Nicht zuletzt, um auf Grund dessen die Wahlentscheidung zu treffen.

Resetarits-Kraml: Man könnte aber mit Beweisen anders umgehen und trotzdem damit an die Öffentlichkeit gehen. Zurück zum Fall Martin: Ich habe genauso wie Ehrenhauser immer versucht, dass er uns gegenüber Rechenschaft abgibt, was mit der Wahlkampfkosten-Rückerstattung passiert. Das hat er aber nicht. Gut. Ich habe mich damals an Aufdeckerjournalisten gewandt, damit die herausfinden, was er mit dem Geld tut. Doch in Österreich gibt es keinen investigativen Journalismus mehr.

Prinzipiell finde ich aber, dass die Journalisten aus einer anderen Intention heraus aufdecken als Whistleblower, nämlich nicht zur persönlichen Profilierung. Deshalb glaube ich, dass das der bessere Weg wäre.

derStandard.at: Ohne anonyme Whistleblower wären in Österreich aber zum Beispiel im Justizbereich viel weniger Missstände behoben worden.

Resetarits-Kraml: Vielleicht liegt es am Wörtchen "anonym". Wenn ich es anonym mache und sage, ich will keinen persönlichen Vorteil daraus ziehen, dann unterstütze ich das voll und ganz. Ich bin aber gegen diese persönlichen Profilierungsversuche.

Martin hat ja auch den EU-Abgeordneten pauschal vorgeworfen, Spesen zu Unrecht zu kassieren. In Wahrheit waren das aber nur wenige. Martin hat aber ein Riesentheater um die "Abzocker" gemacht. Er hat ein populistisches Thema für sich selbst konstruiert. Hat aber damals bereits gewusst, dass es eine viel größere Melkkuh als diese Taggelder gibt, nämlich den Topf der Parteienfinanzierung. Unkontrolliert in Österreich, mit schwammigen Gesetzen. Wenn ich an den herankomme, habe ich Millionen in der Tasche. Ich kann mir vorstellen, dass ein intelligenter Mensch wie Hans-Peter Martin so einen Gedankengang gehabt hat.

derStandard.at: Aber liegt hier nicht auch der Fehler im System und nicht am Nutznießer Hans-Peter Martin?

Resetarits-Kraml: Natürlich. Hier gilt es anzusetzen. Aber über die Reform der Parteienfinanzierung redet in Österreich nur Hubert Sickinger. Oder haben Sie das von Ehrenhauser schon öfter gehört? Von ihm kommen nur Anschuldigungen. Er spielt nur auf Martins Klaviatur weiter. Es ist mit großem Fragezeichen zu betrachten, aus welcher Intention heraus Leute wie Ehrenhauser das jetzt machen. Sie sind sich ja auch sehr ähnlich, es hat ja auch immer geheißen, Ehrenhauser sei der Musterschüler von Martin.

Das Problem fängt in Österreich schon in der Schule an. Hier wird das Schummeln mit Augenzwinkern toleriert. Das setzt sich fort im ewigen Herumlavieren. Das gehört angeprangert.

derStandard.at: Warum hat Martin eigentlich immer wieder Mitstreiter gefunden?

Resetarits-Kraml: Es ging um den äußeren Schein. Er hatte ja bis vor kurzem das Image eines Bestseller-Autors, der die Mächtigen angreift und als Politiker Systemfehler anprangert. Er hat dann auch immer gesagt, er sei 'hart' und es sei nicht leicht mit ihm. Erst wenn man wirklich im System Hans-Peter Martin drinnen ist, merkt man, dass man es mit einer sehr fragwürdigen Person zu tun hat. Mölzer hat ihn einmal treffend als "verhaltensoriginell" bezeichnet. Das bedeutet, er ist extrem sprunghaft und trägt multiple Persönlichkeiten in sich. Er kann manchmal charmant sein. Wenn man im System gefangen ist, verschwindet dieser Charme aber. Dann traktiert und unterdrückt er Menschen auf extreme Art und Weise, sodass ich sehr viele Leute gesehen habe, die vom psychologischen Dienst behandelt werden mussten. Er treibt Leute wirklich in die Verzweiflung. Ich habe im Europaparlament viele der 700 Abgeordneten kennen gelernt, keiner war so unangenehm wie Hans-Peter Martin.

derStandard.at: Martin hat ihnen auch Spesenrittertum vorgeworfen und sie hätten Geldmittel für das Unternehmen ihres Lebenspartners verwendet.

Resetarits-Kraml: Das war damals unser Streit. Wir hatten ausgemacht, dass sich jeder seinen Wahlkampf selbst finanziert. Ich habe gesagt, ich werde eine Homepage einrichten und den Wahlkampf mit Videoclips begleiten. Das wurde mit Leuten der Firma MMK gemacht, wie auch andere Knochenarbeit im Wahlkampf. Die Firma meines Lebensgefährten hat Martin dann die Rechnung gestellt. Er wollte diese 45.000 Euro nicht zahlen. Dann habe ich ihn geklagt. Im Prozess hat er dann so getan als ob er nicht gewusst hätte, was wir mündlich ausgemacht hatten. Die Richterin hat mich als "naiv" bezeichnet, er war für sie der Glaubwürdige.

derStandard.at: Dass Sie eine Firma aus Ihrem nächsten Umfeld beauftragt haben, finden Sie nicht falsch?

Resetarits-Kraml: Nein, wir haben das ja selber vorfinanziert. Ich habe 45.000 Euro in den Wahlkampf investiert und keinen Cent dafür zurück bekommen.

derStandard.at: Aber wenn Sie Recht bekommen hätten, hätten Sie das Geld vom Steuerzahler bekommen.

Resetarits-Kraml: Aber ich hab nix gekriegt. Deshalb kann mir niemand einen Vorwurf machen. Hätte Martin die Rechnung bezahlt, könnte mir irgendein Steuerzahler von mir aus sagen, bitte beim nächsten Mal eine andere Firma beschäftigen und 80.000 Euro bezahlen. So hat aber niemand ein Recht auf die Kritik, weil mein Mann das selber bezahlen musste.

derStandard.at: Also ergibt das für Sie keine schiefe Optik, wenn Sie jemand aus dem privaten Umfeld beauftragen.

Resetarits-Kraml: Stellen Sie sich vor, Sie gehen als Nummer zwei in einen Wahlkampf, und die Nummer eins sagt Ihnen: 'Machen Sie, was Sie können im Wahlkampf! Wenn wir erfolgreich sind, wird's bezahlt. Wenn nicht, geht das auf eigene Kosten.' Dann versuchen Sie auch, das so sparsam wie möglich zu machen.

derStandard.at: Aber da geht's doch um die in Österreich so weit verbreitete Freunderlwirtschaft.

Resetarits-Kraml: Klar ist Freunderlwirtschaft auf der einen Seite ein Problem, auf der anderen Seite: Wer will denn immer nur mit Fremden zusammen arbeiten? Jeder Mensch, der sich ein Haus baut, wird versuchen, eher mit Firmen zusammen zu arbeiten, die er kennt und denen er vertraut. Das liegt doch in der Natur des Menschen.

derStandard.at: Wo liegt dann der Unterschied zu Grasser & Co?

Resetartis-Kraml: Das ist etwas anderes. Es geht darum, dass es ein Gespür für eine gewisse Grundanständigkeit geben muss. Das müsste eben schon den Kindern beigebracht werden. Von klein auf wird in Österreich nicht drauf geschaut, ob man dem Anderen mit seinem Tun schadet oder nicht. Hätten wir mehr Ethik in unserer Gesellschaft, bräuchte man auch kein Gesetz, mit dem man festlegt, dass man auf keinen Fall Leute beschäftigen darf, die man schon vorher gekannt hat.

derStandard.at: Also sollte der Gesetzgeber hier keine Vorschriften machen?

Resetarits-Kraml: Was wäre denn das für ein blödes Gesetz, das vorschreibt, nur ganz Unbekannte zu beschäftigen. Womöglich mit dem Nachweis, dass man mit denen noch nie etwas zu tun hatte. Nein, es müsste gesetzlich garantiert werden, dass die Verhältnismäßigkeit bei der Höhe der Rechnungen gegeben sein muss und die Leistung tatsächlich erbracht worden ist - was bei Parteienfinanzierung oft nicht der Fall ist.

derStandard.at: Sowohl Sie als auch Ehrenhauser wären ohne Martin nicht nach Brüssel gekommen. Schulden Sie HPM nicht auch Dank?

Resetarits-Kraml: Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt. Es fällt mir kein Stein aus der Krone, wenn ich sage, ich habe ihm meine Erfahrungen in Brüssel zu verdanken. Würde ich es noch einmal machen? Nein, weil der Preis dafür zu hoch war.

derStandard.at: Unser Praktikant hat in einem steirischen Wirtshaus einen Satz aufgeschnappt: 'Wenn'st a Sau zum Futtertrog losst, daun frisst's. Egal, welche Farb' sie hat.' Was sagen Sie da dazu?

Resetarits-Kraml: Meine Mutter hat mir immer von klein auf gesagt: 'Karin, wer sich unter Säue mischt, wird von ihnen g'fressn!' Dazu muss ich sagen: Das Leben ist dazu da, um Erfahrungen zu sammeln. Man sollte daraus lernen.

Zum Sprichwort des Praktikanten, stelle ich die Gegenfrage: Trifft das nur auf die Politiker zu?

derStandard.at: In der Kronen Zeitung wäre ein Kolumnen-Schreiber-Job vakant. Interesse?

Resetarits-Kraml: Das ist eine hypothetische Frage. Was könnte das bringen? Da hätte man die Chance, dass man sein Weltbild mit einer großen Menge an Lesern teilt. Wenn man redaktionell unabhängig wäre, ja.

derStandard.at: Auch der Job des ORF-Generals wird demnächst wieder vergeben, Sie hätten diesen gerne. Wieviel Chancen rechnen Sie sich da aus?

Resetarits-Kraml: In Prozenten rechne ich nicht, weil das Leben ganz anders spielt. Das Leben ist voll von Überraschungen.

derStandard.at: Sollten Sie nicht gewinnen, mit wem könnten Sie noch am ehesten leben?

Resetarits-Kraml: Wenn ich zwischen Wrabetz und mir entscheiden kann, dann lebe ich schon lieber mit mir.

derStandard.at: Meinungsforscher sehen in Österreich ein Potenzial für eine wirtschaftsliberale Partei in der Höhe von 15 Prozent.

Resetarits-Kraml: Hahaha.

derStandard.at: Könnten Sie sich ein politisches Comeback vorstellen?

Resetarits-Kraml: Nein. (derStandard.at, 5.5.2011)

Zur Person:

Karin Resetarits-Kraml arbeitete als Moderatorin, Journalistin und Autorin (im ORF moderierte sie die Sendungen "Ohne Maulkorb", "Zeit im Bild" und "Treffpunkt Kultur"). 2004 eröffnete sie einen Gastronomiebetrieb und ist Gesellschafterin der "Marx Restauration GmbH". Bei der Europawahl 2004 zog sie als Quereinsteigerin an zweiter Stelle auf der Liste Martin in das EU-Parlament ein. Nach einem Streit mit Listenführer Hans-Peter Martin wechselte sie 2005 zu den Liberalen der ALDE und zum LIF. Bei der Nationalratswahl 2008 trat Resetarits ohne Erfolg als Spitzenkandidatin in Salzburg an. 2009 ermöglichte sie den Jungen Liberalen Österreichs das Antreten zur EU-Wahl.

  • Karin Resetarits-Kraml zu Hans-Peter Martin: "Ich habe im Europaparlament viele der 700 Abgeordneten kennen gelernt, keiner war so unangenehm wie er."
Zu Martin Ehrenhauser: "Von ihm kommen nur Anschuldigungen. Er spielt auf Martins Klaviatur weiter."
    foto: standard/hendrich

    Karin Resetarits-Kraml zu Hans-Peter Martin: "Ich habe im Europaparlament viele der 700 Abgeordneten kennen gelernt, keiner war so unangenehm wie er."

    Zu Martin Ehrenhauser: "Von ihm kommen nur Anschuldigungen. Er spielt auf Martins Klaviatur weiter."

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Bild aus vergangenen Tagen: Resetarits-Kraml und Hans-Peter Martin in Jubelpose nach der EU-Wahl 2004.

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