Fünf Faktoren für das erste Schicksalsspiel

4. Mai 2011, 12:22
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Damit die Schnittpartie gegen Norwegen am Mittwoch die letzte dieser WM bleibt, muss Österreich in regulärer Spielzeit gewinnen. Unser Eishockey-Blog listet die fünf Faktoren am Weg zum möglichen Erfolg.

Nach einem enttäuschenden WM-Auftakt gegen die USA (Analyse zum Spiel) steigerte sich die österreichische Nationalmannschaft in ihrem zweiten Spiel gegen Schweden in nahezu allen Belangen und geht daher mit einer ansteigenden Formkurve in das die Frage "Zwischenrunde oder Relegation?" beantwortende letzte Gruppenspiel gegen Norwegen (Mittwoch, 16.15 Uhr, live in ORF Sport Plus). Gelingt es dem Team Austria, gegen den direkten Konkurrenten an die Leistungen aus dem ersten Drittel gegen die "Tre Kronor" anzuschließen, wird es das erste von bis zu vier Schicksalsspielen bei dieser Weltmeisterschaft für sich entscheiden und den Klassenerhalt vorzeitig fixieren.

Chancenauswertung verbessern

Es war ein Spiel wie aus einem Guss, das Österreich in den ersten 18 Minuten gegen Schweden auf das Eis der Steel Arena in Košice zauberte. Zwar präsentierte sich der Gegner auch bei seinem zweiten WM-Auftritt als noch weit von jener Form entfernt, die das Team zuletzt zehn Mal in Folge ins Halbfinale einer Weltmeisterschaft brachte, die Leistung der rot-weiß-roten Equipe soll das jedoch nicht schmälern. Basierend auf einer stabilen Defensive gelang es den Österreichern gegen die jüngste schwedische Mannschaft der letzten zwölf Jahre ganz im Gegensatz zum Duell mit den USA zwei Tage zuvor, ein ansehnliches und druckvolles Angriffsspiel aufzuziehen. Ein Torschussverhältnis von 9:1 zur Hälfte des ersten Spielabschnitts spricht Bände.
Als mangelhaft bis teilweise sogar fahrlässig präsentierte sich jedoch einmal mehr der Umgang mit den Torchancen (Reichel/7., Setzinger/13.). Will das Team Austria gegen Norwegen den Gang in die Relegation verhindern, muss es seine Scoring Effizienz (mit 2,78 Prozent die schwächste im gesamten Turnier) deutlich steigern. Die fehlende letzte Konsequenz vor des Gegners Tor zieht sich bereits durch das gesamte Jahr: In 16 Länderspielen der laufenden Saison fanden lediglich 7,04 Prozent der Schüsse den Weg ins Gehäuse, ein eigentlich katastrophaler Wert.
Gefordert ist hier auch Österreichs erste Angriffsformation mit Center Thomas Koch und den Flügeln Daniel Welser und Manuel Latusa, die bisher pro Spiel mehr als 20 Shifts fuhren, über 16 Minuten Eiszeit hatten, ihr theoretisches Bedrohungspotential jedoch sehr gut verstecken konnten.

Überzahl nützen

Als direkt mit dem bescheidenen Output in der Offensive verknüpft kann das bisher sehr schwache Powerplay der ÖEHV-Equipe betrachtet werden. Als einziges der 16 Teams neben dem bereits als Relegationsteilnehmer feststehenden Belarus hat Österreich in Überzahl noch nie getroffen. Auch dieses Problem zieht sich bereits durch die komplette Saison (10,71 Prozent). Wie schon bei den Graz 99ers, die heuer das schwächste Powerplay der EBEL verzeichneten, scheint es Bill Gilligan auch im Nationalteam nicht zu gelingen, eine zum Erfolg führende Marschrichtung vorzugeben.
Gegen Norwegen wird es von zentraler Bedeutung sein, ein druckvolles Überzahlspiel aufzubauen und dieses auch in den Torerfolg umzumünzen. Die Skandinavier sind jenes WM-Team, das bisher die meisten Unterzahlsituationen überstehen musste, sich dabei (Rang 13 im Penalty Killing) jedoch nicht sonderlich gut anstellte. Zu tun hat dies auch mit der dünnen Personaldecke in Norwegens Defensive, in der sich an der Seite von Raubein Ole-Kristian Tollefsen (unglaubliche 34:50 Minuten Eiszeit pro Spiel) nur vier Cracks abwechseln. Gerade in Unterzahlsituationen zittern sich die norwegischen Abwehrspieler an der oberen Belastungsgrenze entlang, daraus muss Österreich Kapital schlagen.

Bully-Percentage weiter steigern

Im Vorfeld und während der WM wurde an dieser Stelle bereits mehrfach die Bedeutung der Faceoffs betont, auch im Duell mit Norwegen wird die Stärke oder Schwäche am Bullypunkt mitentscheidend sein. Das doch recht knappe Ergebnis gegen Schweden war nicht zuletzt der nahezu ausgeglichenen Faceoff-Bilanz geschuldet, die Österreich oft in Scheibenbesitz brachte und damit den Aufbau übermäßigen Drucks der "Tre Kronor" verhinderte. In dieser Disziplin überragend präsentierte sich in den ersten beiden WM-Spielen bisher Philipp Lukas: 70,0 Prozent gewonnene Anspiele gegen Schweden, 65,2 Prozent im Turnier - damit gehört er zu den Top 10 der gesamten Weltmeisterschaft. Umso unverständlicher, dass er so selten wie kein anderer der Center der ersten drei Linien zum Bully geschickt wird. Verbessern muss Österreich seine Faceoff-Bilanz vor allem im eigenen Drittel, wo gegen Schweden nur zehn von 28 Anspielen gewonnen wurden.

Richtige Entscheidung in der Torhüterfrage treffen

In seinem erst siebten Länderspiel, dem ersten bei einer Weltmeisterschaft, wusste Fabian Weinhandl gegen Schweden im Tor zu überzeugen und wurde völlig zurecht zum besten Spieler im Team Austria gewählt. Zweifellos sah er gegen die Skandinavier besser aus als Jürgen Penker zwei Tage zuvor gegen die USA. Mit Norwegen wartet nun jedoch ein Gegner mit einer ganz anderen Spielanlage auf Österreich. Während die Spieler der USA und Schwedens (zum Leidwesen ihrer Coaches) die vollständige Ernsthaftigkeit vermissen ließen und Abschlüsse aus unmöglichen Winkeln suchten, nimmt sich Norwegens Angriff in der Regel nur Schüsse aus wirklich aussichtsreichen Positionen. Daher ist es auch wenig verwunderlich, dass bei dieser WM nur Dänemark seltener aufs Tor schießt als die Mannschaft von Roy Johansen. Das sehr gute Winkelspiel, das Fabian Weinhandl gegen Schweden zeigte, wird gegen Norwegen daher von geringerer Bedeutung sein, Österreichs Torhüter wird sich primär mit frontalen Konfrontationen beschäftigen müssen. Und hier scheint Jürgen Penker die bessere - weil auch erfahrenere - Option zu sein. In Abwesenheit der nominellen ersten Linie (Thoresen, Zuccarello-Aasen, Vikingstad) sind Skrøder und Bastiansen die gefährlichsten Angreifer Norwegens, beide kennt Penker aus Duellen in der Elitserien.

Geschichte ignorieren

Österreichs historische Bilanz gegen Norwegen ist angesichts des relativ ähnlichen Leistungsniveaus der beiden Teams durch die letzten Jahrzehnte keine gute. In 42 Duellen gelangen dem Team Austria lediglich 13 Siege. Von der ersten Begegnung, einem 2:7 bei der B-WM in Lausanne 1961, weg konnte Rot-Weiß-Rot keines der ersten elf Spiele gegen Norwegen gewinnen. In Erinnerung blieb auch die Partie bei der B-WM 1989 in Oslo: Der 8:2-Sieg Norwegens wurde nachträglich in ein 8:0 umgewandelt, da Österreichs Siegfried Haberl des Testosteron-Dopings überführt wurde.
Etwas positiver liest sich die Bilanz der jüngeren Vergangenheit: Seit der Rückkehr in die A-Gruppe 1993 gab es in acht Bewerbsspielen vier Siege für jedes Team. Bitter jedoch die Erinnerung an das letzte WM-Duell 2007 in Russland: Trotz klarer rot-weiß-roter Überlegenheit versetzte Morten Ask mit seinem Treffer in der Verlängerung des Auftaktspiels in der Relegation dem Team Austria den Todesstoß. Es war jener Punkt, der am Ende zum Klassenerhalt fehlte.
Damit dieser bei der Weltmeisterschaft in der Slowakei vorzeitig gelingt, braucht Österreich am Mittwoch einen Erfolg nach regulärer Spielzeit. Erzielt man diesen nicht, muss das Nationalteam einmal mehr in die Relegationsrunde, in der mit Belarus und Slowenien bereits zwei äußerst unangenehme Gegner warten würden. (Hannes Biedermann, derStandard.at; 4.Mai 2011)

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    Roy Johansen will mit Norwegen zum vierten Mal in Folge in die Zwischenrunde.

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    foto: derstandard.at/hannes biedermann
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