"pro mente"

Von einem Laienhelfer aufgefangen

Ursula Schersch, 4. Mai 2011, 12:58
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    foto: ap/michal dolezal

    Im Leben die Balance zu halten, ist nicht immer einfach; psychische Krankheiten nehmen kontinuierlich zu.

Psychische Erkrankungen sind in Österreich auf dem Vormarsch - Organisationen wie "pro mente" unterstützen Betroffene, viele Mitarbeiter tun dies ehrenamtlich

Was motiviert ehrenamtliche Mitarbeiter zu ihrer freiwilligen Arbeit? Zeit ist rar, Zeit ist kostbar - und dennoch leisten 43,8 Prozent der österreichischen Bevölkerung ab 15 Jahren in irgendeiner Form Freiwilligenarbeit. Eine Organisation, in der die ehrenamtliche Tätigkeit seit Jahrzehnten tief wurzelt, ist "pro mente". Insgesamt 19 Mitgliedsorganisationen in den Bundesländern, die in die Dachorganisation "pro mente Austria" eingegliedert sind, unterstützen Menschen mit psychischen Problemen.

Die Mitarbeiter leisten Beratungs- und Betreuungsarbeit in verschiedenen Lebensbereichen: So gehören Jugendbetreuung, Suchtprävention und -beratung, berufliche Integration, tagesstrukturierende Beschäftigungs- und Freizeitangebote sowie das Betreuen von Wohneinrichtungen zum Tätigkeitsbereich. Insgesamt betreuen die einzelnen Institutionen rund 50.000 Menschen pro Jahr. "In unserer Organisation sind die Ehrenamtlichen ein wesentlicher Bestandteil - vor allem im gesellschaftspolitischen Kontext", sagt Walter Schöny, Präsident von pro mente Austria und ärztlicher Leiter des Wagner-Jauregg-Krankenhauses in Linz. Damit sei vor allem der Abbau von Vorurteilen gegenüber psychischen Krankheiten gemeint, die nach wie vor in vielen Köpfen haften. "Auch heute ist es noch leichter seinem Arbeitgeber mitzuteilen man habe eine Lungenentzündung, als eine Depression", betont der Mediziner. Die freiwilligen Helfer fungieren oft als das einzige Verbindungsglied zwischen der hilfesuchenden Person und dem Rest der Gesellschaft, da sie mitten im Gesellschaftsleben stehen. "Die freiwilligen Mitarbeiter tragen wesentlich dazu bei, Vorurteile abzubauen indem sie auf die Problematik des psychischen Krankseins aufmerksam machen. Sie stehen öffentlich dazu, psychisch Kranke zu unterstützen - und das ist keinesfalls eine Selbstverständlichkeit", so Schöny.

Kranke Seelen

Pro mente wurde Mitte der 1960er Jahre gegründet. "Damals hätten wir nie gedacht, wie groß die Organisation einmal werden würde. Der Bedarf ist gegeben und wächst weiter", so der Mediziner. Die Zahlen geben ihm recht. Psychische Erkrankungen sind in Österreich wie auch in der gesamten EU auf dem Vormarsch. Mehr als jeder vierte erwachsene EU-Bürger war im Vorjahr von zumindest einer psychischen Erkrankung betroffen - Depression führen die Liste an. Die Zahl der krankheitsbedingten Frühpensionierungen hat sich in Österreich seit den 1990er Jahren verdreifacht - aber immer öfter ist es nicht der Körper, der nicht mehr mitmachen will. Mittlerweile gehen fast genauso viele Menschen wegen psychischer Beschwerden krankheitsbedingt in Frühpension wie aufgrund körperlicher.

Institutionen, die sich der mentalen Gesundheit annehmen, verschaffen sich immer öfter durch wirtschaftliche Argumente Gehör, verhallen doch die gesundheitlichen nur allzu schnell. Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie kritisierte kürzlich die aktuelle Entwicklung im Präventions- und Therapiebereich psychischer Krankheiten und forderte rasche und effiziente Gegenmaßnahmen wie rechtzeitige Psychotherapie und Rehabilitationsmaßnahmen, denn gerade bei seelischen Krankheiten gingen Betroffene besonders früh in Pension; das Durchschnittsalter liegt bei 50 Jahren. Ein Faktor, der wirtschaftlich nicht unter den Teppich gekehrt werden könne. Und auch anlässlich des Europäischen Psychiatriekongresses im März dieses Jahres in Wien beanstandeten Experten, dass in Zeiten von Einsparungen Innovationen im Bereich der Therapie psychischer Erkrankungen nicht immer ihren Weg zum Patienten finden, obwohl diese im Vergleich zu allen anderen Erkrankungen die größte Neuerkrankungsrate aufweisen.

Neue Belastungsfaktoren in der Arbeitswelt - Stress, Druck und Mobbing - wirken sich zunehmend auf die Psyche aus. "Einerseits haben Menschen heute öfter den Mut, sich einzugestehen, dass sie psychisch krank sind, andererseits ist ein Anstieg an belastenden Faktoren zu beobachten", erklärt Schöny die steigende Zahl an diagnostizierten psychischen Erkrankungen. Die inadäquate Betreuungssituation von Patienten, die im Zuge von Diskussionen über psychische Krankheiten nahezu immer aufkommt, solle und dürfe aber nicht durch das Ehrenamt ausgemerzt werden. „Die Laienhilfe kann die bezahlte Erwerbsarbeit, das Profitum, nicht ersetzen. Das freiwillige Engagement ist eine zusätzliche Bereicherung für die soziale Qualität - sprich für die Betroffenen", so Schöny. Eine Tatsache, auf die auch die Europäische Kommission aufmerksam machte, indem sie für 2011 das Europäische Jahr der Freiwilligenarbeit ausrief.

Sie schenken Zeit

Bei den pro mente-Institutionen kommen sich professionelle Helfer und Laienhelfer nicht in die Quere, die Arbeitsbereiche sind klar abgegrenzt: Ehrenamtliche werden ausschließlich für soziale Aktivitäten eingesetzt, in die direkte Betreuung sind sie nicht eingebunden - dafür sind speziell ausgebildete Mitarbeiter zuständig. Die Freiwilligen bewegen sich im privaten Umfeld der Hilfesuchenden, in dem die Profis grundsätzlich nichts verloren haben. Die soziale Begleitung zielt darauf ab, Betroffenen beim Aufbau und Erhalt einer aktiven Lebensgestaltung zu helfen, gesellschaftliche Teilhabe zu fördern und der sozialen Isolation entgegenzuwirken. Ehrenamtliche gehen mit den zu Betreuenden ins Kaffeehaus, ins Kino oder Spazieren. Sie sind da, um Gesellschaft zu leisten und mit Betroffenen - wenn diese wollen - über ihre Probleme zu reden. Daraus soll eine vertrauensvolle Beziehung entstehen und Selbsthilfe wie auch Eigenverantwortung gefördert werden.

Die Betreuungsverhältnisse bestehen in der Regel relativ lange - oft über Jahre hinweg. Es entstehen Bindungen, die sich nur durch Zeit festigen können. Der Vorteil für die Betreuten ist ersichtlich. Doch was haben die ehrenamtlichen Mitarbeiter davon? Schöny: "Die soziale Unterstützung trägt wesentlich zur persönlichen Entwicklung der freiwilligen Helfer bei, das sind Lernprozesse für das tägliche Leben. Wir leben in einer Gesellschaft, in der sehr viel Sinnentleerung stattfindet, die Begleitung psychisch Kranker ist eine direkte Hilfestellung auf Augenhöhe, die nicht nur den Betreuten, sondern auch den Betreuern sehr viel gibt." (urs, derStandard.at, 04.05.2011)

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15 Postings
metternich
00
Matrix reloat............

Nicht psychische Störungen/Erkrankungen sind auf den Vormarsch. Vielmehr ist es das geldriechende
psycholog.Klientel + Pharmaindustrie welche hier eine lukrative Bresche geschlagen hat. Der Mensch scheint schon dermassen in geistiger Agonie zu liegen das er all das, konsumationsgesteuert, mit sich machen lässt.

metternich
00
" Charakterschwäche "

Ich glaube das der Mensch im psychischen Sinne mittlerweile dermassen verweichlicht das er zur Lösung von mitunter banalster Lebensituationen Beratung und Betreuung braucht. Diesen Umstand allerdings den VorGenerationen anzulasten ist einfach nur eine mehr als faule Lebenslüge. Dieses herumlamentieren von Stress und propagierten Burn-out ist mehr Charakterschwäche "ohne Kern" den Sonstiges. Ich meine: Diese permanente suggestive Therapie-not wendigkeit bei jeden Zipperlein und dieses (cashbetonte) Krankreden Seitens der Psychologie Psychiatrie finde ich deshalb für genauso manipulativ wie widerlich.

krank hansl
10

Kein Wunder dass das Balance halten mit solchen Megastöckeln schwierig ist ...

*esofan*
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die füße da haben aber gewaltige adamsäpfel.

Ranalt
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Auf dem Vormarsch

glaube nicht, daß psychische krankheiten auf dem vormasch sind, sondern daß man sich diese mehr getraut einzugestehen und dagegen anzukämpfen.

wehre mich sehr gegen das bild der guten alten zeit.

Kendall Von Tharn
24

eher, dass ein großer markt seitens der pharmafirmen und therapeuten entdeckt wurde

ehschowissn2
02

ich glaube schon, dass psychische krankheiten auf dem vormarsch sind. ich bin auch gegen das bild der guten alten zeit.

Ranalt
21

früher waren bei uns fast alle erheblich kriegstraumatisiert - kenne keinen einzigen, der sich diesbezüglich therapieren hat lassen.

Minister der Ökomonie
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Und genau diese Traumatisierten...

...gaben wegen ihrer Nicht-Therapien ihre Störungen weiter an die nächste Generation, in Form anderer aber durchaus damit verbundener Erkrankungen, und diese gaben sie wiederum weiter... Ich sage es oft und auch hier: Die meisten Menschen heute machen Therapien, die eigentlich ihre Großeltern machen hätten müssen. Schade, dass sich so viele quälen müssen, weil man zu stolz war, Hilfe anzunehmen und zu eigenen Schwächen zu stehen - und dadurch zu spät Hilfsnetze aufbaute.

Weiters ist der Informations/Zeitdruck heute unvergleichbar. Im Gespräch mit älteren Kollegen über deren "ersten Arbeitsjahre" im Vergleich zu heute kommt das raus: Wofür früher 2 Monate Zeit war, hat man heute zwei Tage, und einer macht dasselbe Pensum wie früher fünf.

Ranalt
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gebe Ihnen recht, jedooch schulterten mmn schon die großeltern die last ihrer vorfahren, die wiederum usw..

puncto arbeit sollte man mmn unterscheiden zwischen viel+erfüllender vs. viel+krankmachender arbeit - muß man sich im konkreten anschauen.

Erimet
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Die genetische Hauptlast...

...trägt immer die jüngste Generation. Diese hat z.B. höhere Chancen, depressiv zu werden als die Eltern oder Großeltern. Das gibt schon zu denken!

Minister der Ökomonie
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Natürlich...

...jede Zeit hat gewisse Einflüsse auf ihre Generation, die sich zu Traumata ausweiten kann. Ich wäre dafür, dass Menschen erst sich selber heilen und finden, ehe sie auf den Nachwuchs los gelassen werden und neue gestörte Menschen erzeugen.
Auch die heutigen Einflüsse müssten wir selber korrigieren, behandeln, kurieren und nicht den Kindern weiterleiten. Dazu bedarf es Selbstreflektion und einer Sensibilität und Fürsorge für sich selber. Wer den Raubbau und den Schaden an sich selber erkennen kann und ihn beheben wird, der bleibt auch empfindsam für sein Umfeld und sorgt dafür, seinen Kindern nicht dieselbe Hölle zu hinterlassen.

Leider ist "erfüllende" Arbeit heute Mangelware, und am AMS wirst ausgelacht, wennst sowas forderst.

lisa marie
07
re

na Hauptsache die PVA und das Arbeits- u. Sozialgericht streiten die psychischen Krankheiten und die daraus resultierende Arbeitsunfähigkeit ab.
Schützenhilfe gibts von Gutachtern, die einmal in die Liste eingetragen, sich alles erlauben können. Einfach Behauptungen aufstellen ("arbeitsfähig"), Beweise müssen nicht gebracht werden.
Nachfragen in der 15 min. Verhandlung werden abgeschmettert, Gutachter dürfen nicht hinterfragt werden. Rohdaten verlangen ist pfui.

Minister der Ökomonie
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Wer aus psychischen Gründen...

...nicht arbeitsfähig ist, aber von einer Instanz als arbeitsfähig eingestuft wird, hat immer auch noch die Wahl eines gepflegten Amoklaufes. Denn wenn psychische Leiden "nicht relevant" sind und aus Sicht mancher keine Rolle im Berufsleben spielen, weil man ja "nix sieht, keinen Gips oder ein herausbaumelndes Auge oder sowas", dann können die Auswirkungen einer psychischen Überlastung auf Andere ja auch nur zu bagatellisierende Kollateralschäden sein.

Natürlich jenseits der Verantwortung des zuständigen Sachbearbeiters, weil der Antragsteller hatte ja noch alle Körperteile dran.

Kendall Von Tharn
11

aus einer psychischen krankheit resultiert nicht zwingend arbeitsunfähigkeit, ausserdem anerkennt die PVA psychische leiden und zahlt in der rehabilitation mit.

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