Koalition zwischen Tanz und Theorie

3. Mai 2011, 21:26
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Der zeitgenössische Tanz bezieht sich auf politische wie auch auf philosophische Theorien

Kritische Praxis, Ästhetik und Arts-based Research wurden bei einem Symposium des Zentrums für Bewegungsforschung der FU Berlin diskutiert.

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Jede Beobachtung verändert ihr beobachtetes Objekt. Mit dieser Feststellung des Sozialwissenschafters Niklas Luhmann verfahren der Tanz als künstlerische Praxis einerseits und andererseits jene Wissenschaftszweige, die sich mit dem Tanz beschäftigen, ganz offensiv: Tanztheorie, Theater- und Medienwissenschaft, Performance Studies, Kulturwissenschaft sowie zunehmend Philosophie und Sozialwissenschaft.

Das konnte vergangenes Wochenende ein Symposium mit dem Titel "Tanz als und in aber durch aus Theorie" deutlich machen, das vom Zentrum für Bewegungsforschung an der Freien Universität Berlin, geleitet von Gabriele Brandstetter, in Kooperation mit Gabriele Klein, Tanzwissenschafterin an der Universität Hamburg, in den Berliner Uferstudios veranstaltet wurde.

Zwischen dem Tanzen und der Theorie existiert - zumindest im westlichen Kulturkreis - ein intimes Verhältnis, wie bereits in frühen Literaturen wie Raoul-Auger Feuillets Chorégraphie ou l'art de décrire la danse (1700), Jean-Georges Noverres Briefe über die Tanzkunst (1760) oder Gasparo Angiolinis tanztheoretischen Schriften nachzulesen ist. So entwickelte sich das klassische Ballett zu einer theoriegeleiteten, hochkonzeptuellen Kunstform. Schon 1707 schrieb der Leipziger Tanzmeister Johann Pasch, dass "wahre Tantz-Kunst eine Wissenschaft" sei, erklärte Brandstetter. Nun habe gerade "der zeitgenössische Tanz eine immense Bandbreite an Referenzen zu politischen, philosophischen und Körpertheorien entwickelt".

Was in der Folge bei dem Berliner Treffen bei großem Publikumsinteresse diskutiert wurde, ist jene "liaison dangereuse" zwischen Kunst und Theorie, die sich nicht aus tradierten Verschränkungen herleitet, sondern aus freiwilligen Koalitionen. Diese "gefährliche Liebschaft" resultiert offenkundig aus Luhmann'scher Beobachtungserkenntnis, denn die Theorie beeinflusst alle Kunst, die sie ins Auge fasst, und das Wissenschaftliche verändert sich drastisch, sobald es unter künstlerischen Perspektiven betrachtet wird. Bei "Tanz (...) Theorie" wurden nicht die Metaphernbildungen mit dem Begriff Tanz diskutiert, wie sie in den Naturwissenschaften - als "Tanz der Atome" und Ähnliches - immer wieder vorkommen, sondern die Vielfalt der theoretischen Aspekte, die direkt um den künstlerischen Tanz zirkulieren.

Die von Gabriele Brandstetter in Deutschland etablierte Tanztheorie ist in Kontinentaleuropa ein im Vergleich mit den angloamerikanischen Dance Studies äußerst junger Wissenschaftszweig mit genuin interdisziplinärem Charakter: Brandstetter etwa kommt aus der Literaturtheorie und Klein aus der Sozialwissenschaft. Auch der moderne und zeitgenössische Tanz arbeitet auf der künstlerischen Ebene in hohem Maß interdisziplinär. Dementsprechend waren zu dem Symposium neben Tanz-, Theater- und Performancetheoretikern auch Künstler, Philosophen, Kunst-, Film- und Literaturwissenschafter eingeladen.

Alternative Szenarien

Gabriele Klein erörterte in ihrem Vortrag die "Tanztheorie als kritische Praxis". Unter "kritischer Praxis" ist hier die Entwicklung von Vorschlägen für alternative Szenarien oder Handlungen beispielsweise in der in Kunst oder in der Politik gemeint. Dazu passend waren die drei wichtigsten der insgesamt sechs Panels den Themen "Politik", "Ästhetik" und "künstlerische Forschung" gewidmet. Die künstlerische Forschung, wie sie etwa vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF in seinem Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste (PEEK) als Arts-based Research gefördert wird, gehört zum fixen Programm von Tanzinstitutionen und progressiven Veranstaltern wie dem Tanzquartier Wien oder dem Hamburger Choreografischen Zentrum K3.

In der zeitgenössischen Künstlerausbildung, sowohl etwa im Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz (HZT) Berlin oder im Institut für Angewandte Theaterwissenschaft (ATW) der Uni Gießen, ist Theorie selbstverständlich Teil der Curricula. Insgesamt stellte sich in den Statements und Diskussionen heraus, dass die von Klein analysierte kritische Praxis eine Schlüsselfunktion in der Produktion und Diskursivierung von Tanz - als Agent in der gesellschaftlichen Theoriebildung - übernommen hat. Und die Tanztheorie konnte nachweisen, dass sie alles andere ist als bloß ein Ableger der Theaterwissenschaft. (Helmut Ploebst aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 04.05.2011)

 

  • Der zeitgenössische Tanz zwischen Kunst, Theorie und kritischer Praxis: Doris Uhlich in ihrem Stück "Rising Swan", zu sehen am 18. Mai im Festspielhaus St. Pölten und am 22. Juni im Wiener Brut-Theater.
    foto: barbara palffy

    Der zeitgenössische Tanz zwischen Kunst, Theorie und kritischer Praxis: Doris Uhlich in ihrem Stück "Rising Swan", zu sehen am 18. Mai im Festspielhaus St. Pölten und am 22. Juni im Wiener Brut-Theater.

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