Balanceakt im Eisenhaushalt

3. Mai 2011, 19:59
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Eisenmangel ist nicht nur in armen Ländern, sondern auch in unseren Breiten häufig anzutreffen - Wissenschafter der Med-Uni Wien erforschen die vielfältigen Risiken und arbeiten an neuen Therapien

Unsere Vorfahren kannten das Problem anscheinend noch nicht. Rund 85 Milligramm Eisen nahm ein Mensch während der frühen Steinzeit täglich zu sich. Der Grund war wohl eine reichlich fleischhaltige Naturkostdiät. Doch die Zeiten haben sich geändert. Nicht nur in Ländern mit Nahrungsmangel, auch in unseren Breiten liegt die Eisenaufnahme oft unter der von Fachleuten empfohlenen 20 Milligramm pro Tag. Und das hat Folgen.

"Es ist bestürzend, was für einen schweren Eisenmangel es hierzulande geben kann", sagt der Mediziner Christoph Gasche, Leiter des Christian-Doppler-Labors für Molekulare Karzinom-Chemoprävention der Medizinischen Universität Wien. Der Eisenhaushalt im menschlichen Körper ist einer seiner Forschungsschwerpunkte. "Evolutionsmäßig ist Eisen lebensentscheidend." Für alle sauerstoffatmenden Organismen. Das Metall - wissenschaftlich Fe - ist unter anderem der wesentliche Bestandteil von Hämoglobin und vielen wichtigen Enzymen.

Ein dauerhaftes Eisendefizit scheint das Risiko von Krebserkrankungen im Magen-Darm-Bereich zu erhöhen. Zu niedrige Konzentrationen von Enzymen, deren Funktion die Reparatur von geschädigter DNA oder die Beseitigung von entarteten Zellen ist, könnten hierfür verantwortlich sein. Auch durch Eisenmangel verursachte Störungen im zellulären Stoffwechsel stehen im Verdacht, über die Produktion von toxischen Substanzen Tumorwachstum auslösen zu können.

Eisen kann allerdings auch anders. In zu hoher Dosierung löst es im Verdauungstrakt einen sogenannten oxidativen Stress aus, und das wiederum fördert ebenfalls die Bildung von Krebsgeschwüren. Stark eisenhaltige Nahrungsmittelergänzungspräparate stehen deshalb im Verdacht, eine karzinogene Wirkung zu haben, berichtet Christoph Gasche. Das Eisen wird nur in einem sehr kurzen Abschnitt des oberen Dünndarms vom Körper resorbiert. Von fünf bis zehn Milligramm gelangen nur ein bis drei tatsächlich ins Gewebe, der Rest verschwindet unverbraucht in Richtung After und kann auf dem Weg dorthin Schäden anrichten. Dieser Effekt tritt sogar bei schwerem Eisenmangel ein, wie Gasche betont. Die orale Tagesdosis sollte somit nur 30 bis 100 Milligramm betragen.

Es gibt jedoch eine Alternative: Eisen per Spritze verabreicht, direkt in die Blutbahn. Diese Methode wird schon seit einiger Zeit vor allem bei Patienten mit chronischen Darmblutungen eingesetzt. Gasche und sein Team vom Christian-Doppler-Labor - das u. a. von Wirtschaftsministerium und Nationalstiftung finanziert wird - arbeiten derweil an einer weiteren Verbesserung der Eisenversorgung. "Wir haben Anfang April eine Forschungskooperation mit einer jungen österreichischen Pharmafirma begonnen." Diese entwickelt ein Präparat mit dreiwertigem Eisen. Fe(III) hat etwas andere Eigenschaften als sein zweiwertiger Zwillingsbruder. Es löst zum Beispiel nicht den oxidativen Stress aus.

Bisher stellt man fast alle Eisenpräparate auf Fe(II)-Basis her. Nun wollen Gasche und seine Kollegen die Wirkung von dreiwertigem Eisen sowohl klinisch wie auch im Labor testen. Die wichtigsten Fragen: Über welchen Mechanismus wird Fe(III) vom Darm aufgenommen, muss es eventuell zuerst von einem körpereigenen Enzym umgewandelt werden? Wie verträglich ist es, und löst es im Tierversuch tatsächlich weniger Krebs aus?

Ein weiteres Forschungsfeld ist die Verbindung zwischen Eisendefizit und Thrombose. "Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen haben wahnsinnig viele Blutplättchen", erläutert Christoph Gasche. Das ständige Bluten über offene Geschwüre führt zu Anämie. "Und wenn es zu Eisenmangel kommt, hören fast alle Gewebe auf, neue Zellen zu bilden." Mit Ausnahme der Megakaryozyten im Knochenmark. Sie beginnen nun über einen besonderen Zellteilungsprozess, die Endomitose, mit der verstärkten Bildung von Blutplättchen (Thrombozyten). Das Risiko für die Bildung von Gerinnsel in Blutgefäßen und potenziell tödlichen Lungenembolien steigt. Wenn den Betroffenen jedoch intravenös Eisen verabreicht wird, senkt sich die Blutplättchenkonzentration bald auf Normalniveau, und die Emboliegefahr sinkt rapide.

Mangel durch Monatsblutung

Seit zwei Jahren untersucht Gasches Team mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF die hiermit verbundenen Prozesse. "Welche Gene schalten unter Bedingungen des Eisenmangels die Endomitose ein?" Das Problem, sagt der Mediziner, betreffe nicht nur Menschen mit Darmgeschwüren. "Auch Frauen haben durch ihre Monatsblutungen mit ständigem Eisenmangel zu kämpfen."

In Österreich leiden etwa fünf bis 20 Prozent der reproduktionsfähigen Frauen unter mittleren bis schweren Eisendefiziten, berichtet Gasche, der auch Mitbegründer des Wiener Kompetenzzentrums Eisenmangel ist. "Wir sehen Frauen mit einem Hämoglobinwert von sechs Gramm pro Deziliter Blut, das reicht eigentlich nicht zum Überleben." Sogar Patientinnen mit chronischer Müdigkeit leiden oft unter chronischer Müdigkeit. Viele Ärzte erkennen das Problem nicht, sagt Gasche. "Die Frauen werden häufig als depressiv abgestempelt."

Um den Betroffenen zu helfen, wurde das Prefer-Programm gestartet, eine Studie über die Wirkung von intravenöser Eisentherapie bei Frauen mit leichtem Eisendefizit. Wer daran teilnehmen möchte, kann sich bewerben unter www.lohaforlife.at. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 04.05.2011)

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    Es muss nicht immer Fleisch sein: Auch Sojabohnen enthalten viel Eisen. Ein dauerhaftes Eisendefizit erhöht das Risiko von Krebserkrankungen.

  • Christoph Gasche, Experte für Eisenmangel.
    foto: standard/newald

    Christoph Gasche, Experte für Eisenmangel.

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