"Die ökonomische Theorie steht auf dem Prüfstand"

3. Mai 2011, 19:53
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Markus Knell erhält am Mittwoch den Hannes-Androsch-Preis - Der Ökonom der Österreichischen Nationalbank erklärt die Thesen seiner Siegerarbeit und die aktuelle Krise der Ökonomie

Die Fragen stellte Klaus Taschwer.

STANDARD: Sie haben den erstmals vergebenen Hannes-Androsch-Preis gewonnen und damit die stolze Summe von 100.000 Euro. Was war Ihre Leistung?

Knell: Der Preis wurde in einem Wettbewerb vergeben, der zum Thema "Ausgestaltung eines Sozialversicherungssystems, das der zweifachen Gefährdung durch den demografischen Wandel und dem Finanzmarktrisiko standhält" ausgeschrieben war. Ich hab mich schon seit knapp zehn Jahren, also seit den letzten großen Pensionsreformen, mit der Thematik beschäftigt. Als ich die Ausschreibung sah, dachte ich mir, dass die Fragestellung recht genau zu meiner bisherigen Beschäftigung mit dem Thema passt. Und wie es scheint, hat meine neue Arbeit der internationalen Jury am besten gefallen.

STANDARD: Im Titel Ihres preisgekrönten Texts stellen Sie die Frage: "Das Umlageverfahren – Relikt der Vergangenheit oder Versprechen für die Zukunft?" Wie lautet Ihre Antwort?

Knell: Versprechen für die Zukunft. Allerdings nur dann, wenn man das Umlageverfahren vernünftig ausgestaltet.

STANDARD: Was würde das heißen?

Knell: Unter anderem sollte man ernsthaft überlegen, Faktoren einzubauen, die in automatischer oder halbautomatischer Weise demografische Veränderungen berücksichtigen. Das würde etwa bedeuten, dass sich das reguläre Pensionsantrittsalter automatisch an die steigende Lebenserwartung anpasst. Das muss nicht sklavisch sein. Man könnte zum Beispiel sagen: Immer wenn die Lebenserwartung um ein Jahr steigt, dann wird auch das Pensionsantrittsalter um eine bestimmte Anzahl von Monaten erhöht.

STANDARD: Könnten da nicht viele Menschen kurz vor ihrer Pension eine böse Überraschung erleben?

Knell: Ich denke nicht. Diese demografischen Veränderungen lassen sich auf etwa 20 Jahre vorausschauend abschätzen. Und diesen Zeitraum hätte man auch, um sich darauf vorzubereiten.

STANDARD: Was wäre Ihrer Meinung nach das für Österreich angemessene Pensionsantrittsalter, um das System zukunftsfähig zu machen?

Knell: Das kann ich nicht sagen, auch weil meine Arbeit eher konzeptuell ausgerichtet ist und sich mit den Grundsätzen von Pensionssystemen auseinandersetzt. Aber Kollegen gehen in ihren Studien davon aus, dass eine Erhöhung des faktischen Pensionsantrittalters von jetzt knapp 59 auf rund 62 schon reichen würde, um das System für 20 oder 30 Jahre zu sichern. Das sind immer noch drei Jahre unter den 65, die eigentlich gesetzlich vorgesehen sind.

STANDARD: Gibt es Länder, die ihr Pensionsystem besser organisiert haben?

Knell: Ich halte das schwedische Modell für sehr vernünftig und nachahmenswert. Das dort etablierte und auch schon von einigen weiteren Ländern kopierte Modell nennt sich beitragsorientiertes Pensionskontensystem. Das ist im Prinzip nach wie vor ein Umlageverfahren, das aber so aufgebaut ist wie ein Pensionskonto.

STANDARD: Wie hat man sich das vorzustellen?

Knell: Das bedeutet ganz einfach, dass alle geleisteten Beiträge auf einem Konto fiktiv gutgeschrieben werden. Die letztendliche Pensionshöhe hängt dann vom dort angesammelten Kapital und natürlich vom Pensionsantrittsalter ab. Jeder Schwede wird jährlich in einem Brief darüber informiert und kann im Prinzip selbst darüber entscheiden, wann und mit welcher Leistung er in Pension geht. Eigentlich ist ein ähnliches System auch bei uns bereits in Kraft.

STANDARD: Wie das?

Knell: Im Prinzip wurde das Pensionskonto auch in Österreich eingeführt – aber mit einigen wesentlichen Unterschieden zum schwedischen System und überdies mit so langen Übergangsfristen, dass es hier kaum jemand kennt. Man muss nur einen Brief an die Pensionsversicherungsanstalt schreiben und kriegt dann die Information. Die ist jedoch lange nicht so ausführlich, wie sie sein könnte.

STANDARD: Sie forschen als Ökonom an der Österreichischen Nationalbank und nicht an der Universität. Ist da an der Arbeit rein inhaltlich etwas anders?

Knell: Ich selbst war sehr lange in einem akademischen Umfeld und wollte damals einen neuen Schritt wagen, den ich nicht bereut habe. Der Vorteil ist sicher, dass ich an der OeNB einerseits grundlagenorientiert forschen kann, aber andererseits doch ständig mit konkreten wirtschaftspolitischen Fragestellungen konfrontiert bin. Im Prinzip bin ich mit je einem Bein in einer dieser beiden Welten.

STANDARD: Wie sehen Sie die Lage der akademischen Ökonomie im Gefolge der Finanzkrise? Hat sich da etwas verändert?

Knell: Ja. Und im Moment ist es besonders spannend, weil nach der Finanzkrise bestimmte Dinge in der ökonomischen Theoriebildung aufbrachen. Es gab scharfe Kritik an der Makroökonomie, dass sie auf diese Art von Krise gar nicht vorbereitet war. Jetzt steht im Grunde das gesamte Theoriegebäude auf dem Prüfstand.

STANDARD: Was bedeutet das?

Knell: Der Vorwurf lautet, dass die vorherrschenden makroökonomischen Modelle ein zu großes Gewicht auf ihre mathematische Eleganz gelegt und dabei zentrale Aspekte der Realität ausgeblendet haben. So ist etwa die Bedeutung von Banken und von Instabilitäten auf den Finanzmärkten unterschätzt worden. Überhaupt ist das menschliche Verhalten unter Unsicherheit weitaus komplexer, als es in diesen Modellen abgebildet wird.

STANDARD: Was wird an die Stelle der jetzigen Modelle treten?

Knell: Das lässt sich noch nicht absehen. Derzeit herrscht eine emsige Forschungsaktivität. Ein Teil der Profession versucht die herkömmlichen Modelle wieder seetüchtig zu machen, indem man sie etwa um einen Finanzsektor erweitert. Andere halten aber den gesamten Zugang für eine Sackgasse und plädieren für eine stärkere Hinwendung zu neuen Methoden, etwa zu Netzwerk- oder zu agentenbasierten Modellen.

STANDARD: Sie haben eigentlich zuerst Philosophie studiert und mit 25 promoviert. Worum ging es in der Arbeit?

Knell: Da war der Skeptizismus das Thema. Es ging da um Aphorismen und Essays als philosophische Form, der Titel der Arbeit lautete "Was weiß ich? Zur Entwicklung des großen und kleinen Skeptizismus seit Montaigne". Die Arbeit schrieb ich damals bei Konrad Paul Liessmann und Rudolf Burger.

STANDARD: Und wie sind Sie von der Philosophie und dem Skeptizismus zur Ökonomie geraten?

Knell: Ich hab gesehen, dass die Philosophie dort für mich am interessantesten und stärksten ist, wo sie sich mit konkreten Fragen und Problemstellungen beschäftigt und nicht nur mit der Geschichte des eigenen Fachs. Ich hab dann eine Zeitlang parallel Soziologie studiert, was mir aber auch nicht so sehr zugesagt hat, deshalb bin ich dann am Ende in der Ökonomie gelandet.

STANDARD: Haben Sie von der Philosophie etwas für die Ökonomie mitgenommen?

Knell: Eine skeptische Haltung ist in der Wissenschaft ganz generell ein wichtiger Zugang ist, und man sollte nichts unhinterfragt lassen.

STANDARD: Letzte Frage: Wann haben Sie vor, selbst in Pension zu gehen?

Knell: Für mich ist ein Antritt zum Regelpensionsalter kein Schreckgespenst. Ich kann mir gut vorstellen, auch darüber hinaus aktiv zu bleiben, solange mir die Ideen nicht ausgehen. Forschen macht mir Spaß, nicht zuletzt, weil man gleichsam dazu gezwungen wird, agil und neugierig zu bleiben. (DER STANDARD, Printausgabe, 04.05.2011)

Wissen: Hannes-Androsch-Preis an der ÖAW

Der neue Preis, den Hannes Androsch im Rahmen seiner Stiftung bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften spendierte, ist mit 100.000 Euro einer der bestdotierten, die in Österreich vergeben werden. Und vor allem dürfen die Preisträger das Geld behalten, während beim Start- oder Wittgenstein-Preis das Geld in Projekte gesteckt werden muss.

Nach der Ausschreibung gingen bis Ende Jänner 2011 insgesamt 17 Arbeiten von Forschern aus elf Ländern ein. Eine Jury wählte daraus jene von Markus Knell als die beste aus. Der Preis wird heute, Mittwoch, übergeben. Am Donnerstag findet an der ÖAW im Johannessaal von 10 bis 13 Uhr ein wissenschaftliches Symposium mit dem Preisträger und Experten statt. Infos und Anmeldung bei ÖAW-Mitarbeiterin Barbara Haberl. (tasch)

  • Markus Knell plädiert in seiner mit dem Hannes- Androsch-Preis gewürdigten Arbeit für ein Pensions- versicherungssystem, das automatisch demografische Veränderungen berücksichtigt. Für vorbildlich hält er das schwedische Pensionskonto
    foto: standard/corn

    Markus Knell plädiert in seiner mit dem Hannes- Androsch-Preis gewürdigten Arbeit für ein Pensions- versicherungssystem, das automatisch demografische Veränderungen berücksichtigt. Für vorbildlich hält er das schwedische Pensionskonto

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