Nobelpreis erhalten oder Job verlieren

3. Mai 2011, 19:10
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Expertenrunde diskutierte über Life Sciences und Wissenschaftsfeindlichkeit

35 Mädchen waren kürzlich am Wiener Töchtertag in den Max F. Perutz Labors. Keine von ihnen wusste, wofür "Bio" steht. Die Molekularbiologin und Wittgensteinträgerin Renée Schroeder zeigte sich noch vergangenen Montag darüber schockiert. Und meinte im Rahmen der Gesprächsrunde "Life Sciences: Forschung für das Leben", es sei "sehr viel Bildung" nötig, um Unwissen, Desinteresse und Wissenschaftsfeindlichkeit in Begeisterung für die Grundlagenforschung im Allgemeinen und Life Sciences im Besonderen umzuwandeln. Eine Begeisterung, die die Schule entfachen müsste, wie Iain Mattaj, Generaldirektor des European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg meinte.

Das Problem ist längst nicht allein durch Erlebnisse wie jenes an den Perutz Labors evident. Die jüngste Eurobarometer-Umfrage (der Standard berichtete) zeigt eine breite Ablehnung biomedizinische Technologien. Die Diskutanten sahen im Schulsystem einen der Schuldigen für dieses "Desaster", wie man die Ergebnisse der Umfrage im Publikum bezeichnete. Die Bildungspsychologin Christiane Spiel meldete sich mit vehementer Kritik an der Lehrerausbildung zu Wort. Man habe es verabsäumt, hier zu investieren. Christoph Kratky, Präsident des Wissenschaftsfonds FWF, ergänzte, "Lehrer werden nicht gut genug ausgewählt". Die Personalpolitik an den Schulen werde von der Lehrergewerkschaft gemacht.

Kratky analysierte aber auch den wissenschaftlichen Output in Österreich. Der sei im Verhältnis zur "Benchmark" Schweiz stagnierend nicht nur in den Life Sciences, sondern auch in den Kultur-, Geistes- und Sozialwissenschaften. Dem vielzitierten "Brückenschlag" zwischen Grundlagen und Anwendung wurde auch kein gutes Zeugnis ausgestellt. Henrietta Egerth, Geschäftsführerin der Forschungsförderungsgesellschaft FFG, vermisste in den Life Sciences den Mut von Wissenschaftern, mit ihren Ideen auch Unternehmen zu gründen. Die Förderformate des Staates würde es geben, privates Risikokapital freilich nicht.

Die häufig gestellte Frage, ob man nun die Grundlagenforschung oder die anwendungsorientierte Forschung mehr unterstützen sollte, sei obsolet, sagte der Chemiker Peter Schuster, ehemaliger Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Man könne nur zwischen erkenntnisgetriebener und zielgerichteter Forschung unterscheiden. Schuster brachte ein Beispiel aus der Geschichte. Christoph Columbus, der Amerika zufällig entdeckte, hätte den Nobelpreis verdient nach Prinzipien der Grundlagenforschung, Nach den Prinzipien der anwendungsorientierten Forschung hätte er seinen Job verloren, "weil er sein Ziel, einen Seeweg nach Indien zu finden, verfehlte". (pi/DER STANDARD, Printausgabe, 04.05.2011)

 

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