Osama Bin Laden, der getötete Führer der Al-Kaida, war einer der ersten Terroristen, die das Internet für den Jihad nutzten
Österreichische Forscher analysieren nun Strategien, die im Netz angewandt werden.
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Ein Mann lächelt in die Kamera und deutet einen Kuss an. Wenige Minuten später rast er mit seinem Auto, vollgepackt mit Sprengstoff, in einen irakischen Kontrollpunkt. Nach einigen Stunden kann jeder ein schnell bearbeitetes Video dieses Attentats aus dem Internet herunterladen. Videos von lächelnden Selbstmordattentätern und Terrorakten sind längst eine wichtige Waffe des globalen Jihad, des heiligen Krieges, geworden. Die Gotteskrieger benützen das Internet als Medium ihrer Botschaften, deren Einfluss nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Weltweit werden junge Muslime damit konfrontiert. Die Frage ist: Nach welchen Kriterien sind diese Internet-Botschaften inhaltlich gestaltet?
Rekrutierung via Internet
In einer vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Studie untersuchen Rüdiger Lohlker, erster Lehrstuhlinhaber für Islamwissenschaften in Österreich an der Universität Wien, und seine Mitarbeiter jene Online-Strategien, die von den Jihadisten zur Rekrutierung junger Gotteskrieger und zur effizienten Verbreitung ihrer Überzeugungen eingesetzt werden.
"Das Internet als zentrales Kommunikationsmedium der Jihadisten wird genutzt, um ideologische Stellungnahmen, islamische 'Rechtsgutachten' (Fatwas), ganze Bücher, Deklarationen, Videos, Ansprachen oder auch technische Anleitungen zum Bombenbau oder zur Erstellung von Websites zu verbreiten", weiß Projektmitarbeiter Nico Prucha.
Das Grundgerüst der virtuellen Infrastruktur besteht aus einer Handvoll arabischsprachiger Jihadisten-Foren. Wird eine die- ser Websites geschlossen, erscheint sie mit all ihren Inhalten meist sofort auf einem anderen Server.
"Diese Foren haben bis zu 15.000 aktive Nutzer - unter denen sich natürlich auch Geheimdienstleute befinden", berichtet Philipp Holtmann, der ebenfalls am Projekt mitarbeitet. In den letzten Jahren seien zudem einige tausend kleinere Websites auf der Bildfläche erschienen, die das jihadistische Internet-System unterstützen. "Insbesondere die Zahl der türkisch-, englisch- und indonesischsprachigen Sites mit entsprechenden Inhalten ist in letzter Zeit dramatisch gestiegen", sagt Holtmann.
Auffallend ist, dass die behandelten Themen von einer sehr kleinen Gruppe von Ideologen vorgegeben werden: "Ein Prozent der Mitglieder verfasst etwa 90 Prozent der Mitteilungen, während 90 Prozent der Mitglieder die Inhalte nur konsumieren", berichtet der junge Forscher. Videos und Statements werden von sogenannten "media production and distribution companies", kurz MPDCs, geliefert. Einige davon betreibt Al-Kaida, es gibt aber auch unabhängige. "Diese MPDCs arbeiten mit einfachsten Mitteln, aber hocheffizient", weiß Philipp Holtmann. "Eine Breitbandverbindung, ein Laptop und ein Grafikprogramm reichen aus, um Videos, Audiomitteilungen und Grafiken in kurzer Zeit zu produzieren".
Kodierte IP-Adressen
Die Inhalte kommen von Aktivisten, die direkt an Terroraktionen beteiligt sind, oder werden über Verbindungsleute weitergeleitet. Da kodierte IP-Adressen benutzt werden, kann der Ursprung dieser Inhalte oft nicht eruiert werden. 2008 gingen zahlreiche jihadistische Foren vom Netz, da die Provider über die potenziell gefährlichen Inhalte gewisser Sites informiert wurden und sie häufig löschten. "Mittlerweile haben die Foren zwar an Reputation verloren, aber sie spielen weiterhin eine zentrale Rolle - auch wenn über sie keine Anschläge geplant werden", erläutert Projektleiter Rüdiger Lohlker.
Welche Strategien setzen die Netz-Jihadisten auf inhaltlicher Ebene ein? "Im theologischen Bereich werden von ihren Theoretikern Verschiebungen von allgemein islamischen Konzepten hin zu einer Delegitimierung von Positionen jenseits der Gewalt konstruiert", so Lohlker. "Oft werden Koranverse und Hadithe (die überlieferten Worte und Taten des Propheten Mohammed) aus dem Kontext gerissen und islamische Gelehrte in einer Weise wiedergegeben, die deren eigentlichen Intentionen widerspricht", so etwa eine Fatwa zum Thema Massenvernichtungswaffen: Entgegen anderen islamischen Lehrmeinungen sei den Jihadisten ihr Einsatz durchaus erlaubt, wie der "rechtskundige" Verfasser mittels langatmig-"gelehrter" Argumentationsketten "belegen" kann.
In der visuellen Gestaltung ihrer Netzauftritte zeige sich, meint der Islamwissenschafter, ein zentrales Phänomen der jihadistischen Subkultur: "Hier nehmen Bubenfantasien Gestalt an. Allein die am häufigsten verwendeten Bildelemente wie etwa ein von Blut tropfendes Schwert oder sich drehende Totenköpfe deuten an, dass man es hier mit einer Art von Männlichkeit zu tun hat, die nicht gerade auf eine entfaltete Persönlichkeit hinweist".
Pubertäre Fantasien spiegeln sich auch in den sehr bewusst komponierten Bekennervideos: Junge Männer mit einer Waffe in der Hand sprechen den Betrachter direkt an, feuern ihr Gewehr später breitbeinig ab.
Eingeblendet werden oft Szenen voller Abenteuerromantik: Kämpfergruppen pirschen sich durch den Wald oder sitzen nächtens am Lagerfeuer. Auch wenn der Online-Jihad mit Worten und Bildern ausgetragen wird - er nährt den Wunsch tausender radikalisierter junger Männer, nicht nur in der virtuellen, sondern auch in der realen Welt aktiv zu werden. "When will my words drink from my blood?" schrieb ein jordanischer Al-Kaida-Spion, bevor er sich an einem US-Militärstützpunkt in Afghanistan in die Luft jagte. Seine Artikel kursieren heute in zahllosen Foren.
Und wie wirken sich die aktuellen Umwälzungen und Aufstände in der arabischen Welt auf den Jihadismus im Internet aus? "Die Reaktionen darauf in den einschlägigen Foren waren eher mager", analysiert Rüdiger Lohlker. "Tatsächlich sind diese Bewegungen das beste Gegengift gegen den Jihadismus - man kann nur hoffen, dass sie positiv weitergehen." (Doris Griesser /DER STANDARD, Printausgabe, 04.05.2011)