Ägyptens Islamisten gründen eine - von ihnen unabhängige - Partei
Kairo/Wien - Die "Freiheits- und Gerechtigkeitspartei" ist fürwahr ein
komplexes Konstrukt: eine Gründung der ägyptischen Muslimbrüder, die am
Wochenende bei ihrer ersten Shura-Versammlung seit 1995 auch gleich die
Parteiführung bestimmten - dabei soll die Partei "unabhängig" sein und
nichtreligiös (was dem Gesetz widersprechen würde), gleichzeitige "Koordination"
zwischen Muslimbrüdern und Partei nicht ausgeschlossen. Und kein Muslimbruder
darf einer anderen Partei außer der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei
beitreten.
Damit der Unabhängigkeit wenigstens optisch Genüge getan wird, müssen die neu
gekürten Parteichefs - allesamt alte Funktionäre der Bruderschaft - nun ihre
Bruderschaftsfunktionen zurücklegen. Mohammed Morsy, Parteipräsident, Essam
al-Erian, dessen Vize, und Saad al-Katatny als Generalsekretär mutieren so quasi
zu Jungpolitikern.
"Paradox" nennen das laut der ägyptischen Tageszeitung Al-Masry al-Youm
auch etliche junge Muslimbrüder, die sich einen echten ideologischen
Neuanfang wünschen. Hinzu kommt, dass Mosry, der als Unabhängiger für die
(jahrzehntelang verbotene) Muslimbruderschaft im Parlament saß, als besonders
streng und altmodisch gilt. Die Jungen wollen mehr Frauen und Politiker ihrer
Generation sehen. Auch die Frage, ob die Partei Ungläubigen oder Andersgläubigen
offensteht, wird bei ihnen diskutiert.
Von 30 auf 50 Prozent
Die neue Partei hat beschlossen, sich bei den Parlamentswahlen im Herbst um
die Hälfte der Mandate zu bewerben - wobei zuvor nur von dreißig Prozent die
Rede gewesen war. Diese Erhöhung verschafft der Partei, so Kritiker von innen
und von außen, ein Glaubwürdigkeitsproblem. Zumindest sollte diese Entscheidung
besser erklärt werden, verlangen sie.
Bei den Präsidentschaftswahlen wollen die Muslimbrüder hingegen keinen
Kandidaten aufstellen. Mit Abdel Moneim Abuel Futuh, einem für seine liberalen
Ansichten bei den Brüdern umstrittenen 60-jährigen Arzt, hatte sich aber zuvor
bereits ein Muslimbruder selbst nominiert. Obwohl Abuel Futuh ein Mitglied der
109-köpfigen Shura ist, blieb er am Samstag dem Treffen fern, berichteten
ägyptische Medien. Das deutet auf ein Zerwürfnis hin.
Andere einzelne Brüder hatten in den vergangenen Wochen auch angekündigt,
Parteien gründen zu wollen. Die einzige orthodoxe, wenn man so sagen kann,
Muslimbrüderpartei ist nun aber nach Willen der Gründer die Freiheits- und
Gerechtigkeitspartei - die von den Muslimbrüdern völlig unabhängig ist. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 4.5.2011)