"Niederlage für Al-Kaida, aber nicht ihr Ende"

3. Mai 2011, 18:31
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Politologe Pascal Boniface: Den islamistischen Kräften wird nicht nur durch Osamas Tod der Boden entzogen

Den islamistischen Kräften in der arabischen Welt wird nicht nur durch die Tötung von Osama Bin Laden der Boden unter den Füßen entzogen, meint der französische Politologe Pascal Boniface im Gespräch mit Stefan Brändle.

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STANDARD: Was bedeutet der Tod von Osama Bin Laden für den islamistischen Terrorismus insgesamt?

Boniface: Al-Kaida musste in Afghanistan und Pakistan in letzter Zeit harte militärische Schläge einstecken. Auch politisch war das Terrornetz bereits geschwächt: US-Präsident Barack Obama ist als Feindbild der islamistischen Propaganda weniger nützlich als es noch sein Vorgänger George W. Bush war; die demokratischen Revolutionen im arabischen Raum laufen den Terroristen ebenfalls zuwider. Dazu kommt nun das Ende von Osama Bin Laden. Das ist natürlich ein wichtiger Erfolg, er regelt aber längst nicht alle Probleme, solange die tieferen Wurzeln und Strukturen des Terrorismus - soziale Ungerechtigkeit, Regionalkonflikte - bleiben. Der Tod Bin Ladens ist eine Niederlage für Al-Kaida, aber nicht ihr Ende.

STANDARD: Ist es Zufall, dass der Chefterrorist während des "arabischen Frühlings" erwischt wurde, der den Interessen von Al-Kaida zuwiderläuft?

Boniface: Der Gedanke liegt nahe, doch in Wahrheit ist es eine reine zeitliche Koinzidenz. Der Coup hätte genauso gut vor ein paar Monaten oder auch später erfolgen können. Hingegen haben die beiden Entwicklungen, was den Terrorismus anbelangt, die gleiche Wirkung, nämlich die Schwächung Al-Kaidas. Bei vielen Arabern hat das Terrornetz an Sympathien verloren. Die Massenbewegung des "arabischen Frühlings" entzieht den nicht wirklich zahlreichen Extremisten von Al-Kaida den Boden unter den Füßen.

STANDARD: Ist nicht umso mehr mit einer "Märtyrisierung" und daher mit Racheakten zu rechnen?

Boniface: Wenn eine Terrororganisation in Schwierigkeiten gerät, versucht sie einen Coup zu landen, um zu beweisen, dass sie noch aktionsfähig und stark ist. Die Gefahr von Attentatsversuchen und Anschlägen besteht durchaus, vielleicht schon in den kommenden Tagen.

STANDARD: Zerfällt das Netzwerk Al-Kaida nun in seine Bestandteile, während seine "Filialen" wie die westafrikanische Aqmi (Al-Kaida im Maghreb) stärker werden?

Boniface: Aqmi wird eher vom Bürgerkrieg in Libyen und seinen Folgen zu profitieren versuchen. Terroristen springen meist auf solche regionalen Konflikte auf. Das ist wichtiger für sie als die Enthauptung Al-Kaidas. Sie ist nicht so sehr organisatorisch oder militärisch, sondern eher psychologisch von Bedeutung. Die innere Organisation des ganzen Dunstkreises von Al-Kaida-Ablegern von Westafrika bis Indonesien wird sich hingegen kaum ändern.

STANDARD: Der Aqmi-Ableger hat mit dem jüngsten Attentat in Marrakesch vor wenigen Tagen klargemacht, dass er operativ bleibt ...

Boniface: ... und auch unabhängig von der Al-Kaida-Hierarchie. Aqmi agiert selbstständig, wenn auch mit dem gleichen Ziel. In diesem Fall war das Ziel, die demokratische Öffnung Marokkos zu hintertreiben. Man stelle sich vor, der Anschlag in Marrakesch wäre für Anfang Mai, also nur ein paar Tage später, geplant gewesen: Viele hätten darin einen Racheakt für den Tod des obersten Chefs gesehen. In Wahrheit war es ein Attentat gegen die von König Mohammed VI. angekündigten Staatsreformen. Das war die bisher intelligenteste Antwort auf die Demonstrationen, und sie passte den islamistischen Terroristen von Al-Kaida oder Aqmi gar nicht in den Kram.

STANDARD: Was muss getan werden, um die Wurzeln des Terrorismus im arabischen Raum langfristig zu beseitigen?

Boniface: Vieles! Man muss die frappante wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeit im arabischen Raum bekämpfen, die Gesellschaft alphabetisieren und feminisieren - und dazu die beiden Hauptkonflikte im Nahen Osten und Afghanistan regeln. Der Tod Bin Ladens könnte es Obama ermöglichen, mit den afghanischen Taliban in Verhandlungen zu treten. Ob es in der israelisch-palästinensische Frage eine Entwicklung gibt, muss sich jetzt in der nächsten Zeit erweisen.

  • Pascal Boniface (55) ist Direktor des "Instituts für strategische und internationale Beziehungen" (Iris) in Paris.
    foto: institut für strategische und internationale beziehungen (iris)

    Pascal Boniface (55) ist Direktor des "Instituts für strategische und internationale Beziehungen" (Iris) in Paris.

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