Streifzüge ins Universum und in die Nachbarschaft: "Aun – Der Anfang und das Ende aller Dinge", "Folge mir" und "Schwarzkopf"

3. Mai 2011, 18:16
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"Aun - Der Anfang und das Ende aller Dinge", "Folge mir" und "Schwarzkopf": Drei Arbeiten stellen derzeit die Vielfältigkeit heimischen Filmschaffens unter Beweis

Wien - Ein assoziativer Streifzug durch die Menschheitsgeschichte, ein leises, halb erinnertes, halb erfundenes Familiendrama und ein Dokumentarfilm, der unmittelbare Nachbarschaft auf die Leinwand bringt: Die drei heimischen Neustarts dieser Woche spiegeln treffend die Bandbreite eines Filmschaffens wider, welches persönliche Zugänge und Inhalte umsetzt - im übrigen nicht selten abseits der großen Förderinstitutionen.

Der Künstler Edgar Honetschläger hat mit Aun - Der Anfang und das Ende aller Dinge eine Arbeit realisiert, die dem Konzept Spielfilms näher steht als seine bisherigen Filme. Milk (1998) und L & R (2000) waren noch stärker von künstlerischen Performance-Ideen geprägt und wirkten wie essayhafte Anordnungen über hybride Identitäten, während sich durch Aun eine Geschichte der Menschheit spinnt, die zwar nicht linear verläuft, sich aber quasi immer wieder an bestimmten neuralgischen Punkten sammelt.

Energie und Spiritualität

Japan, wo Honetschläger seit über 20 Jahren lebt, bleibt auch in Aun der bestimmende Bezugspunkt. Es geht um den Menschen und seine Beziehung zu einem kosmischen Ganzen, vor allem in Hinsicht auf den ungebremsten Fortschrittsglauben unserer Spezies. Ein Mann versucht eine Maschine zu bauen, die aus Wasser Energie gewinnt, sein Sohn dagegen wählt einen spirituellen Weg, der nicht minder von Hindernissen gesäumt ist. Später tritt noch der brasilianische Forscher Euclides hinzu, der nach seinem eigenen Stein der Weisen, einem erneuerbaren Energieträger sucht.

So frei und assoziativ die erzählerische Struktur des Films ist, so durchgehend stilisiert sind umgekehrt Honetschlägers Bilder. Traditionelle wie moderne Ansichten Japans, mythologische Darstelllungen des Shintoismus, sogar quasi-wissenschaftliche Bilder fließen in Aun ein und ordnen sich der Vision einer Welt unter, die maßlos und utopisch wie ein Science-Fiction-Szenario ist. Visuell erzielt der Film seine größte Wirkung, wenn er sich auf Abstraktionen einlässt - da wird der Blickwinkel wieder auf menschliche Verhältnisse zurechtgerückt.

Auch der Kameramann, Produzent und Filmemacher Johannes Hammel hat mit seiner jüngsten Arbeit gewissermaßen das Register gewechselt: Folge mir ist seine erste abendfüllende Produktion. Der Film, mit bescheidenen Fördergeldern der Filmabteilung des Kunstministeriums und der MA 7 finanziert, feierte seine internationale Premiere im Februar im Forum der Berlinale. Er erzählt aus der Perspektive eines Volksschülers von labilen Familienverhältnissen und einem autoritär geprägten Schulalltag.

Die zeitlos wirkende Erzählung bleibt fragmentarisch. Aus Beobachtungen von Situationen und Zuständen setzt sich allmählich ein Eindruck zusammen. Zentrales Moment ist die Erfahrung von Unberechenbarkeit - mit der manisch-depressiven Mutter und dem gefürchteten Religionslehrer.

Hammels wache und experimentierfreudige - manchmal auch verspielte - Kameraarbeit prägt seit gut zwanzig Jahren nicht nur eigene Kurzfilme wie die irritierende, quasi die Schwerkraft aussetzende Performance von System of Transition (2003). Er hat damit auch regelmäßig und wesentlich zu (Dokumentar-)Filmen von Constantin Wulf, Christian Frosch, Joerg Burger oder Fridolin Schönwiese beigetragen. Zweites Charakteristikum von Hammels Arbeiten ist die Verwendung von Found Footage, bereits belichtetem Filmmaterial.

In Folge mir alternieren die in klarem Schwarzweiß gehaltenen Spielszenen mit Super-8-Aufnahmen aus Familienbesitz. Die beiden Ebenen durchdringen einander allmählich atmosphärisch: Das vordergründige Idyll von prototypischen Szenen - Ausflüge, u.ä. - wird von mehr oder weniger beklemmenden Alltagsbegebenheiten untergraben. Trotzdem geht etwas von der bunten Leichtigkeit der alten Aufnahmen auch auf den Rest des Films über.

Arman T. Riahi gibt mit seinem Schwarzkopf ebenfalls sein Langfilmdebüt. Nicht nur weil der Filmemacher selbst iranischer Abstammung ist, erhält sein Porträt des Rappers Nazar eine Note, die über das Individuelle hinausweist. Hier geht es gewissermaßen um einen Modellfall: um einen, der es geschafft hat, sich von den Parks und Straßen Favoritens kommend zum Idol einer ganzen Community zu mausern. Dass diese Karriere von zahlreichen Hürden und Rückschlägen gekennzeichnet war, darüber lässt der Film keinen Zweifel offen.

Gemeinschaftsporträt

Arman T. Riahi lässt einerseits den Rapper selbst zu Wort kommen, um seinen persönlichen Weg mit den Bildern anderer Jugendlicher ins Allgemeine zu verlängern. Das funktioniert nicht ohne Reibungsverluste, weil die dynamische Montage mit der Rede nicht immer standhält - manchmal würde man Nazar einfach gerne beim Sprechen sehen. Erst allmählich schälen sich aus den Bildern der Jugendlichen eigene Geschichten heraus, und der Film erweitert sich zum stimmigen Porträt einer "hood", die ihrem Vorbild schon im Rücken sitzt.

Besonders wenn Schwarzkopf möglichst unverstellt auf die performativen Vermögen seiner Protagonisten setzt, entwickelt der Film eine ganz eigene Energie. Eine Energie, die sich auch immer wieder erneuert. (Dominik Kamalzadeh Isabella Reicher/DER STANDARD, Printausgabe, 4.5. 2011)


Benefiz-Premiere von "Aun" und Konzert von Christian Fennesz am 5. 5. um 19.30 bei freiem Eintritt im Gartenbaukino; alle drei Filme starten am Freitag.

  • Bezugspunkt Japan: Edgar Honetschlägers "Aun" bringt Forschung und 
Spiritualität in Stellung gegen Fortschrittsglauben.
    foto: stadtkino

    Bezugspunkt Japan: Edgar Honetschlägers "Aun" bringt Forschung und Spiritualität in Stellung gegen Fortschrittsglauben.

  • Aufwachsen mit der Erfahrung von Unberechenbarkeit: Mutter und Sohn in 
Johannes Hammels Familienstudie "Folge mir".
    foto: stadtkino

    Aufwachsen mit der Erfahrung von Unberechenbarkeit: Mutter und Sohn in Johannes Hammels Familienstudie "Folge mir".

  • Rapper Nazar, im Zentrum eines vielstimmigen Generationenporträts: "Schwarzkopf" von Arman T. Riahi.
    foto: thimfilm

    Rapper Nazar, im Zentrum eines vielstimmigen Generationenporträts: "Schwarzkopf" von Arman T. Riahi.

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