Langes Rhetoriktraining für kompakte 20 Sekunden

3. Mai 2011, 17:55
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Die neuen ÖVP-Regierungsmitglieder wurden vor ihren ersten Medienauftritten intensiv gecoacht - Besonderes Augenmerk wurde auf Sebastian Kurz gelegt, mit dem ÖVP-Chef Michael Spindelegger viel vorhat

Wien - Auf Sebastian Kurz, dem neuen Staatssekretär für Integration, seien die Coaches gleich mehrere Tage lang "draufgesessen" , erzählt einer der Beteiligten. Nach seiner Berufung in die Regierung galt es, den 24-Jährigen medientauglich zu machen und für den Umgang mit Journalisten vorzubereiten: Rhetoriktraining und Interviewschulung. Auch die anderen neuen Regierungsmitglieder mussten sich coachen lassen.

Diese Schulung hat das Wiener Medientrainingsinstitut Intomedia vorgenommen. "Wir unterstützen Personen aus Wirtschaft, Industrie und Politik, ihre für die Gesellschaft relevanten Ziele und Inhalte mediengerecht zu kommunizieren" , heißt es dort. "Österreichs führende Journalisten interviewen Sie in den eigenen Radio- und TV-Studios" , wird auf der Homepage geworben.

Schulungen für ÖVP-Politiker

Auch Journalisten aus dem ORF seien an der Schulung der neuen Regierungsmitglieder beteiligt gewesen, erzählt jemand aus der ÖVP. Auf der Homepage von Intomedia werden als Trainer etwa Johannes Fischer angeführt, der als Magazinchef beim ORF bereits in Pension gegangen ist, oder Peter Pelinka, als Chefredakteur des News noch höchst aktiv. Pelinka betont, dass er selbstverständlich nie Politiker coacht.

Während Kurz die Schulung sehr gelehrig aufgesogen haben soll, was dann in immergleichen Stehsätzen in den Interviews zum Ausdruck kam, soll Karlheinz Töchterle, der neue Wissenschaftsminister, Mätzchen gemacht haben. "Komplexe Themen in 20 Sekunden" zu platzieren, wie im Training gelehrt wurde, war seine Sache nicht. Töchterle sieht sich der griechischen Kunst der Beredsamkeit verpflichtet.

Hohe Erwartung an Kurz

Die Schulung von Kurz wird in der ÖVPauch deshalb als so wichtig angesehen, weil der junge Mann nicht nur als Staatssekretär gute Figur machen soll. ÖVP-Chef Michael Spindelegger sieht Kurz auch in einer anderen Rolle: Der Chef der Jungen ÖVP soll gegen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in Stellung gebracht werden und besonders Jugendliche ansprechen. Insbesondere Wien gilt hier als heißes Pflaster. Kurz wird von der ÖVP ganz bewusst gegen Rot-Grün in Wien positioniert. Da sind große Erwartungen an den 24-Jährigen geknüpft. Damit er sich auch bewegen kann, hat Kurz Zugriff auf ein Budget von 20 Millionen Euro und auf einen Personalstand von etwa 120 Mitarbeitern, die im Innenministerium, aber auch im Beirat oder im Integrationsfonds angesiedelt sind.

Ein anderer Staatssekretär soll Kurz beim Wahlkampf um Wien zur Seite stehen: Wolfgang Waldner, von Spindelegger zur Entlastung ins Außenamt geholt. Waldner, der gut mit Wiens Bürgermeister Michael Häupl kann und der als Exchef des Museumsquartiers bestens vernetzt ist, hat von Spindelegger ebenfalls einen Kampfauftrag gegen Rot-Grün. Ob Waldner auch als Nachfolger von Landesparteichefin Christine Marek, deren Abgang so gut wie beschlossen sei, infrage kommt, wird aufgrund dessen Alters von 56 Jahren noch diskutiert.

Kabinette besetzt

Mittlerweile sind die Kabinette der neuen Regierungsmitglieder besetzt. Im Innenministerium bleibt Michael Kloibmüller Kabinettschef. Maria Fekter hat sich aus dem Innenministerium Gerhard Zotter als Kabinettschef ins Finanzministerium mitgenommen. Kabinettschef bei Beatrix Karl im Justizministerium ist Thomas Schützenhöfer, Sohn des steirischen VP-Chefs Hermann und vormals bei Reinhold Lopatka in Diensten. Im Wissenschaftsministerium ist wiederum Elmar Pichl Kabinettschef.

Auch Spindelegger holt sich einen neuen Mitarbeiter: Johannes Kasal wechselt von der ÖBB als wirtschaftspolitischer Referent ins Kabinett von Spindelegger.

Interessant ist der Kabinettschef von Kurz im Staatssekretariat: Stefan Steiner, früher Vorsitzender der Zivildienstkommission, ist in der Türkei aufgewachsen und spricht fließend Türkisch. (Michael Völker, STANDARD-Printausgabe, 4.5.2011)

  • Manche können es schon, sind schlagfertig und berüchtigt für ihre scharfe Zunge, andere müssen noch gecoacht werden und haben jede Menge Schulungsbedarf für eine gute Rhetorik. Im Uhrzeigersinn von links oben: Johanna Mikl-Leitner, Sebastian Kurz, Karlheinz Töchterle und Maria Fekter.
    fotos: standard/cremer (3), urban (1)

    Manche können es schon, sind schlagfertig und berüchtigt für ihre scharfe Zunge, andere müssen noch gecoacht werden und haben jede Menge Schulungsbedarf für eine gute Rhetorik. Im Uhrzeigersinn von links oben: Johanna Mikl-Leitner, Sebastian Kurz, Karlheinz Töchterle und Maria Fekter.

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