Ein Meister der Sprache

3. Mai 2011, 15:43
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Die Nationalbibliothek erwarb den Vorlass von Elazar Benyoëtz - Einen zentralen Teil bilden Korrespondenzen mit Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Max Brod, Nelly Sachs und anderen

Wien - Die Österreichische Nationalbibliothek erwarb um 120.000 Euro den Vorlass des israelischen, auf Deutsch schreibenden Aphoristikers Elazar Benyoëtz. Bernhard Fetz, der Direktor des Literaturarchivs, sichtete das umfangreiche Material bei Benyoëtz in Tel Aviv; dieses wird demnächst mit der Diplomatenpost nach Wien gebracht.

Einen zentralen Teil bilden die Korrespondenzen mit Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Rose Ausländer, Max Brod, Paul Engelmann, Marieluise Kaschnitz, Nelly Sachs und anderen. Als bedeutender Fund einzustufen sei, so Fetz, der drei Reisekoffer umfassende Nachlass des altösterreichischen Dramatikers Max Zweig, der ebenfalls in den Besitz der ÖNB gelangt und die vorhandenen Bestände im Literaturarchiv ergänzt. Die wichtigsten Dokumente sollen im künftigen Literaturmuseum im Kapitel "Exil" ausgestellt werden.

Geboren wurde Elazar Benyoëtz als Paul Koppel 1937 in Wiener Neustadt. Sein Vater Gottlieb Koppel führte am dortigen Hauptplatz eine Gemischtwarenhandlung. 1939 floh die Familie nach Palästina. Sein Vater nannte sich fortan "Yoëtz" (Ratgeber); er soll, wie schon sein Großvater Alois (Elazar), ein gottesfürchtiger Mann gewesen sein. Zu dessen Ehren nahm Paul Koppel, der sich zum Rabbiner ausbilden ließ, den Namen Ben Yoëtz, "Sohn des Ratgebers", an.

Buchtitel als Programm

Zunächst machte er sich einen Namen als hebräischer Dichter. 1962 reiste Benyoëtz zum ersten Mal in sein Geburtsland, 1964 ging er als "Artist in Residence" der Ford-Foundation nach Westberlin, wo er ein Jahr später die Bibliographia Judaica, eine auf inzwischen 18 Bände angewachsene einzigartige Dokumentation deutsch-jüdischer Literatur, gründete. Seit seiner Rückkehr nach Israel 1968 publiziert Elazar Benyoëtz ausschließlich in deutscher Sprache. Er orientiert sich an Karl Kraus und der Sprache der Bibel als Keimzelle von Dichtung überhaupt.

Sein dichterisches Selbstverständnis definiert Elazar Benyoëtz so: "Mein Ehrgeiz geht nicht dahin, mit vielen Worten viele Bücher zu produzieren, sondern mit wenigen Worten viele Bücher entbehrlich zu machen." Dennoch veröffentlichte er eine respektable Anzahl an Büchern. Die Titel sind dabei Programm: Sie heißen u. a. Worthaltung, Vielleicht - Vielschwer, Vielzeitig und Scheinhellig. 2010 erschien bei Braumüller Fraglicht, ein Sammelband mit Aphorismen aus 1977 bis 2007.

2009 erhielt Benyoëtz das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst Erster Klasse, im Jahr darauf den Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil. Daniela Strigl meinte in ihrer Lau_datio auf Benyoëtz: "Vom Aphorismus der wohlfeilen Witzigkeit und der ,Sprachgrimasse‘ hält er sich fern." Seine "aphoristische Pointe" erweise sich, wie Robert Menasse meint, "nicht in der Zuspitzung, sondern in der Vertiefung": Die Mittel von Benyoëtz sind, so Strigl, das Wortspiel, „das er gleichwohl mit heiligem Ernst spielt, und die Haarspalterei am Haupt der Sprache". (Thomas Trenkler, DER STANDARD - Printausgabe, 4. Mai 2011)

  • Oktober 1939: Überfahrt der Familie Koppel mit dem zweijährigen Paul nach Palästina.
    foto: önb literaturarchiv

    Oktober 1939: Überfahrt der Familie Koppel mit dem zweijährigen Paul nach Palästina.

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