Der ferne Klang der Freiheit

18. Mai 2003, 19:31
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Ein Publikumserfolg: Gert Jonkes "Chorphantasie" im Grazer Schauspielhaus

Ein Publikumserfolg: Gert Jonkes "Chorphantasie" wurde im Grazer Schauspielhaus - in Koproduktion mit dem Burgtheater - uraufgeführt. Als Komödie, in der Markus Hering in der Rolle des widerspenstigen Dirigenten brilliert.


Graz - In Elias Canettis Masse und Macht ist der Dirigent ein Musterbeispiel für die Ausübung von Macht: Ein Einzelner steuert eine Masse und setzt seinen Willen diktatorisch durch, immer unter Berufung auf das "Höhere" einer Ideologie, und sei es diejenige der "hohen Kunst".

Markus Hering spielt als Dirigent in der Uraufführung von Gert Jonkes Chorphantasie. Konzert für Dirigent auf der Suche nach dem Orchester im Grazer Schauspielhaus vom ersten Augenblick an das Gegenteil, und der Abend wird zu seinem ganz persönlichen Triumph: Verunsichert, leicht verwirrt wie sein Haarschopf stolpert Hering über den Bühnenboden - eher die romantische Kapellmeisterfigur eines E. T. A. Hoffmann denn der grenzenlos selbstsichere moderne Pultvirtuose.

Zur Verunsicherung gibt es auch allen Grund. Erstens: Das Orchester ist zur Probe nicht erschienen. Deshalb dirigiert der Dirigent das Publikum: ausatmen - einatmen - hören, sich öffnen für eine Gegenwelt der Freiheit.

Zweiter Verunsicherungsgrund: Die Regie Christiane Pohles lässt den Abend damit beginnen, dass vom Bühnenbild der Maria-Alice Bahra alles abgebaut wird - Notenpulte weggeräumt, Orchestersitze weggeräumt, dafür eine Vielzahl an Bühnenarbeitern hergeräumt. Das ist, hier ironisch sehr betont, die Kehrseite des kultischen Konzertbetriebs: die hämmernden Handwerker, die musisch ganz flügellosen Schlepper von Flügeln. Gert Jonke hat dafür die Figur des Hausmeisters Mairitsch erfunden, in virtuosem Understatement gespielt von Roland Kenda.

Gert Jonke hat - vielleicht erstmals seit seinem Beethoven-Stück Sanftwut oder der Ohrenmaschinist - ein sehr bühnenwirksames Stück geschrieben, das auch wirksam umgesetzt und vom Premierenpublikum dankbar angenommen wurde. Viele Regieeinfälle verleihen dem komplexen Text streckenweise große Leichtigkeit, verschütten zuweilen aber die musikalische Struktur.

Die laute Stille

Jonke baut sein Stück, analog zur klassischen Sonatenform, in drei "Sätzen" mit Themen und Gegenthemen. Das erste Thema ist die Einübung in die Stille. Kein Dirigent dirigiert die Stille, der von Jonke/Hering aber schon. Das ist aber nicht nur der romantische Künstler, den die Burgtheater-Dramaturgie so betont, es ist mindestens ebenso stark das avantgardistische Si- lence-Konzept des John Cage. Demgegenüber ist die Inszenierung oft ganz schön laut.

Eine Komödie eben, keine Tragödie, die in Jonkes Stück als Gegenthema eingeführt wird: Der Staat hat eine Dauerberieselung aller Gebäude und Landschaften mit Klangmüll verordnet, das Parlament hat den Luftraum privatisiert und an eine Werbeagentur verkauft. Aus diesem verkauften Himmel der Heimatländer hämmern nun ununterbrochen "die berühmtesten Tenöre der Welt und die geschmacklosesten Schlagersängerinnen" auf die Ohren des Staatsvolks ein. Im Umgang mit Jonkes Utopie der Wiederfindung einer nicht-funktionalisierten Natur zeigt die Inszenierung sowohl ihre Stärken als auch einige Schwächen.

Zu den Höhepunkten gehört der erste Auftritt des - u. a. mit Bibiana Zeller und Klaus Pohl hochgradig besetzten - Chors mit diesen Natur-Spruchbändern am Ende des ersten Satzes. Hier wird tatsächlich der ganze Saal durch auftauchende Stimmen zum Klingen gebracht.

Im langsamen Mittelsatz aber lässt Jonke eine seiner schönen Liebes-Utopien auftauchen, und diese wird vom Chor viel schlechter bewältigt. Auch das Finale des dritten Satzes - "Man muss alle erstickten Schreie/ einsammeln/ zusammenflechten zu einem Brüllschlauch/ der rund um den Äquator reicht" - geht zuletzt im Trubel unter.

Anderseits: Wie soll man ein Finale, das im Text ein Hochwasser und das "Wegfliegen" verlangt, im Theater umsetzen? Christiane Pohle lässt Papierflugzeuge basteln und das letztlich doch auftretende Orchester Gummistiefel und Taucherbrillen tragen. Sie zeigt das Stück als effektvolle Komödie. Das ist möglich, und der Publikumserfolg spricht dafür. Am Beginn hatte dieser Abend aber noch eine ganz andere Linie, die auch in der Brüchigkeit des herausragenden Markus Hering aufleuchtet: Die Suche nach einer Gegenwelt der Freiheit, immer bedroht von Macht und Lärm. (DER STANDARD, Printausgabe vom 19.5.2003)

Von
Richard Reichensperger
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Dieser Dirigent will dem Publikumsorchester zuerst einmal die Stille beibringen: Markus Hering in der Hauptrolle der Uraufführung
von Gert Jonkes „Chorphantasie“ im Grazer Schauspielhaus
    foto: graz 2003

    Dieser Dirigent will dem Publikumsorchester zuerst einmal die Stille beibringen: Markus Hering in der Hauptrolle der Uraufführung von Gert Jonkes „Chorphantasie“ im Grazer Schauspielhaus

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